Kategorie: Drohnen

Drohnen, Heli, Indoor-Flug-Katastrophen

  • Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Quest #063 · Drohnen · +250 XP

    Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Es war Frühsommer 2013, der Himmel hatte diese stumpfe Bläue, die gut aussieht in Videos und furchtbar ist, wenn man eigentlich Sonne braucht. Ich stand in Coburg vor einem alten Lokschuppen, dem mit der durchhängenden Dachkonstruktion und den eingerosteten Schienen davor. In der einen Hand der Sender. In der anderen ein zweiter Sender, weil ich zwei brauchte. Auf dem Klapptisch neben mir ein Monitor mit eingebautem 5,8-Gigahertz-Empfänger, das Bild flackerte noch im Standby. Im Gras stand eine weiße DJI Phantom — die erste Generation, die kleine, ohne Kamera-Halterung ab Werk. Daran getapt, geklebt, geschraubt: ein Zenmuse-Gimbal mit einer GoPro Hero 1.

    Niemand sagte 2013 „FPV“. Das Wort war noch nicht da. Was ich da auf dem Tisch stehen hatte, hatte noch keinen Namen.


    ▌ LIVE-BILDÜBERTRAGUNG VOR DEM FPV-HYPE — EINE KURZE GESCHICHTE

    Heute klebt man eine DJI Mini auf den Schreibtisch, klappt sie auf, drückt einen Knopf, und auf dem Smartphone erscheint ein Live-Bild in 4K. Geofencing, Hindernis-Erkennung, automatische Rückkehr, Wettervorhersage, Akku-Restzeit, alles dabei. Selbst der Akku weiß, ob man ihn gerade nett behandelt.

    2013 war das anders.

    2013 hatte DJI gerade die Phantom 1 auf den Markt gebracht — die kleine weiße Drohne, die später jeder im Park rumfliegen ließ. Das Ding flog. Es hatte GPS. Es kam zurück, wenn man es ihm sagte. Aber es hatte keine Kamera. Keine Halterung. Kein Live-Bild. Kein Gimbal. Wer eine GoPro mitfliegen lassen wollte, der hatte zwei Möglichkeiten: das Ding mit Klebeband ans Fahrwerk pappen und hoffen, dass das Video später nicht aussieht wie eine Achterbahn aus dem Fiebertraum, oder selber bauen.

    Ich habe Möglichkeit zwei genommen. Aus den gleichen Gründen wie damals bei den Wii-Controllern (siehe Quest #053): Möglichkeit eins gab’s nicht für das, was ich wollte.

    ▌ Was Zenmuse damals war

    Zenmuse ist heute eine ganze DJI-Produktlinie — fette Profi-Gimbals mit eingebauter Wärmebildkamera, für Vermessung, Inspektion, Filmproduktion. Wenn jemand „Zenmuse“ sagt, denkt er heute an einen Koffer voll Equipment für einen halben Audi.

    2013 war Zenmuse eine kleine Platine in einem schwarzen Kunststoff-Käfig, der einen GoPro Hero 1 hielt und sie über zwei Servos in zwei Achsen ausglich. Roll und Pitch, also kippen und nicken. Mehr nicht. Damit das Bild nicht aussah, als hätte man die Kamera einem Hund auf den Rücken geschnallt.

    Der Käfig wog ein paar hundert Gramm. Die Phantom 1 war für genau diesen Zustand nicht gebaut. Wer die Phantom mit einem Zenmuse + GoPro fliegen lassen wollte, der musste den Schwerpunkt manuell verschieben. Akku weiter nach hinten. Gimbal vorn. Beine verlängern, weil sonst die GoPro beim Landen den Boden gestreift hätte. Das war Bastelei. Das war kein Plug-and-Play.

    Aber es flog. Mit verschobenem Schwerpunkt, mit verlängerten Beinen, mit einem Gimbal, der manchmal das Bild stabilisierte und manchmal vergaß, was sein Job war. Es flog.

    ▌ Die Sache mit dem Live-Bild

    Eine Kamera, die mitfliegt, aufnimmt, später runtergeladen wird — das war 2013 Stand der Technik für Hobbyisten. Damit konnte man leben. Damit konnte man nach dem Flug sehen, was man gefilmt hatte. Damit konnte man hoffen, dass die Kamera nicht zu schräg gestanden hatte, dass die Belichtung gepasst hatte, dass die Drohne nicht in einem Moment Vollgas gegeben hatte, in dem man sie eigentlich ruhig haben wollte.

    Was ich wollte, war anders: Ich wollte das Bild live sehen. Während des Flugs. Auf dem Monitor neben mir. Damit ich die Drohne nicht nur räumlich steuere, sondern auch das Bild komponiere. Damit ich sehe, wo die GoPro hinguckt, ohne dass ich erst nach der Landung eine SD-Karte ausstöpsele.

    Das gab es nicht zu kaufen. Das gab es als Bauanleitung in einem Forum, das halb auf Englisch und halb auf Russisch geschrieben war. Da DAAA. Hehehe.

    ▌ Die Bauteilliste

    • Eine DJI Phantom 1 mit modifiziertem Schwerpunkt und verlängerten Beinen.
    • Ein Zenmuse-Gimbal der ersten Generation, manchmal kooperativ.
    • Eine GoPro Hero 1 — kein Vor-Modell, kein Nach-Modell, exakt die Hero 1, weil ihre Video-Out-Buchse zugänglich war.
    • Ein 5,8-Gigahertz-Sender aus Russland, ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel, aber wärmer.
    • Ein 5,8-Gigahertz-Empfänger in einem Klapp-Monitor mit eingebautem LCD-Bildschirm. Auch aus Russland. Auch warm.
    • Ein Stück Klebeband für die Antenne, weil das Gehäuse-Konzept der russischen Sender von der Idee „kein Gehäuse“ geprägt war.
    • Ein selbstgebauter Spannungswandler, weil die GoPro 5 Volt wollte und die Phantom 11,1 Volt lieferte.
    • Eine 12-Volt-Akku-Lösung für den Klapp-Monitor, weil Sender und Empfänger zwei verschiedene Stromquellen brauchen, sonst gibt es Erdungs-Brummen im Bild.
    • Geduld. Plus eine zweite Sorte Geduld, für den Fall dass die erste ausgeht.

    Wer das alles auflistet, denkt: das ist nicht so wild. Das ist ein bisschen Löten, ein bisschen Klebeband, ein bisschen Frequenzplanung. Aber 2013 standen die einzelnen Teile auf vier verschiedenen Kontinenten und mussten erstmal zusammenfinden. Die russischen 5,8-GHz-Sender kamen aus Foren, die heute nicht mehr existieren. Die Spannungswandler hat man selber gewickelt, weil die fertigen zu schwer waren. Den Zenmuse hat man auf Plätzen bestellt, die nicht jeder kannte.

    ▌ Der Flug am Lokschuppen

    Ich brauchte ein Motiv. Etwas, das sich von oben anders anschaut als von unten. Etwas, das Geschichte hat. Etwas, das nicht weglaufen würde, wenn die Drohne mal eine Sekunde lang nicht das tat, was sie sollte. Der Lokschuppen in Coburg war perfekt. Altes Bahn-Gelände, durchhängendes Dach, eingerostete Schienen, kein Mensch weit und breit, weil die Anlage seit Jahren nicht mehr in Betrieb war.

    Ich hatte den Klapptisch dabei. Den Monitor. Die Phantom mit dem Zenmuse-Käfig dran. Den Sender für die Drohne und einen zweiten Sender für die Gimbal-Steuerung. Den 5,8-GHz-Empfänger, der seinen 12-Volt-Akku schon halb leer hatte, weil ich ihn beim Aufbau nicht ausgeschaltet hatte.

    Ich habe die Phantom angeworfen. Der GPS-Lock kam nach 30 Sekunden. Die GoPro lief. Der Zenmuse zappelte kurz, fand seine Mittelposition. Auf dem Klapp-Monitor wurde der Bildschirm vom Standby-Flackern zu einem ruhigen, leicht verrauschten Bild — die Wiese vor mir, aus Sicht der noch am Boden stehenden GoPro. Ich sah, was die GoPro sah.

    Das ist ein Satz, der heute keinen mehr beeindruckt. 2013 war das ein Satz, der mir kurz die Kniegelenke weich gemacht hat. Ich sah, was die GoPro sah. Live. Auf einem Tisch im Gras vor dem Lokschuppen Coburg.

    Ich habe die Drohne gestartet. Sie ist hochgegangen, kontrolliert, der Gimbal hat sich an die Bewegung angepasst, das Bild auf dem Monitor blieb ruhig — leicht verrauscht, manchmal mit einem kurzen Aussetzer, aber ruhig. Ich habe den Lokschuppen umflogen, ein paar Mal langsam, einmal schneller, und ich habe die ganze Zeit auf den Monitor geguckt, nicht zur Drohne hoch. Ich habe das Bild komponiert. Live. Mit einer DJI Phantom 1, einem russischen 5,8-GHz-Sender und einer GoPro Hero 1, die auf einem zappeligen Zenmuse saß.

    Sieben Minuten Akku. Dann musste sie runter. Ich habe sie sauber gelandet, gleich neben dem Klapptisch, und die SD-Karte aus der GoPro gezogen.

    Auf der SD-Karte war ein Video, das aussah wie eine Drohnenaufnahme von 2017. Vier Jahre zu früh.

    ▌ Was Julia dazu sagt (sinngemäß)

    Julia war an dem Tag nicht dabei. Sie ist später bei Drohnen-Sachen meistens nicht mehr dabei gewesen, nachdem ihr klar geworden war, dass das Wort „kurz“ in der Nähe einer Werkstatt eine andere Maßeinheit ist als sonst.

    Als ich nach Hause kam und ihr das Video gezeigt habe, hat sie geschaut, kurz überlegt und gesagt: „Das sieht aus wie ein Werbefilm.“ Das war das größte Lob, das sie für so etwas vergibt. Sie sagt es selten. Sie hat es nicht für die Wii-Drohne gesagt. Sie hat es nicht für die Schiffsmodelle gesagt. Sie hat es für den Lokschuppen-Flug gesagt.

    Ich habe geblinkt. Mehr nicht.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  JAHR..............................: 2013       │
    │  WORT "FPV" IM ALLGEMEINEN UMLAUF..: NEIN       │
    │  DJI PHANTOM-VERSION...............: 1.0        │
    │  GOPRO-VERSION.....................: HERO 1     │
    │  ZENMUSE-ACHSEN....................: 2 (R/P)    │
    │  HERKUNFT 5,8-GHZ-SENDER...........: RUSSLAND   │
    │  TEMPERATUR 5,8-GHZ-SENDER.........: WARM       │
    │  GEHAEUSE-KONZEPT-RUSSLAND.........: KEINS      │
    │  AKKU-LAUFZEIT PHANTOM 1...........: 7 MIN      │
    │  GPS-LOCK-ZEIT.....................: 30 SEK     │
    │  ERDUNGSBRUMMEN....................: VERMIEDEN  │
    │  KNIE-WEICHHEITS-LEVEL BEI BILD....: SPUERBAR   │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: "WERBEFILM"│
    │  JAHRE BIS DJI ES SO VERKAUFT......: 4          │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PIONIERTAT <<                     │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NEIN, GIBT'S JETZT <<       │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Drei Jahre später, 2016, hat DJI die Phantom 4 verkauft, mit eingebautem Gimbal, mit eingebauter Live-Bild-Übertragung, mit App auf dem Smartphone. Sechs Jahre später hat jeder im Park einer rumfliegen lassen. Heute, zehn Jahre nach dem Lokschuppen-Flug, ist die Live-Bild-Übertragung so selbstverständlich, dass sich keiner mehr daran erinnert, dass sie mal was Besonderes war.

    Was ich an dem Lokschuppen-Tag gemacht habe, war keine Erfindung. Es war Zusammenbau. Aus Teilen, die jemand anderes gebaut hatte, in Kombinationen, die noch keiner in einem Forum dokumentiert hatte. Aber es war früh. Es war drei, vier Jahre früher als der Mainstream. Und für drei, vier Jahre habe ich mich vor dem Klapp-Monitor neben einem Lokschuppen gefühlt wie jemand, der eine Tür gefunden hat, die für andere noch nicht da war.

    Das Video vom Lokschuppen liegt heute auf einer alten Festplatte. Manchmal schaue ich es mir an. Es ist nicht mein bestes Video. Es ist auch nicht das technisch sauberste. Aber es ist das Erste, bei dem ich live sah, was die Drohne sah. Und das Erste hat einen Wert, der nicht in Stundenlohn umrechenbar ist.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ja, ich habe gesagt es sieht aus wie ein Werbefilm. Das war ehrlich gemeint. Es sah wirklich aus wie ein Werbefilm, und Lars hatte das in Coburg auf einer eingerosteten Bahnanlage hingekriegt, mit Sachen, die er auf seinem Schreibtisch zusammengebaut hatte.

    Was er nicht erzählt: Er hat in dem Sommer drei Mal versucht, mir das Wort „Zenmuse“ zu erklären. Beim ersten Mal hat er gesagt, das ist ein Gimbal. Beim zweiten Mal hat er gesagt, das ist ein Stabilisator für die Kamera. Beim dritten Mal hat er gesagt, das ist eine kleine Wippe, die die GoPro gerade hält. Beim dritten Mal habe ich es verstanden. Er hätte beim dritten Mal anfangen sollen.

    Das mit dem Werbefilm habe ich übrigens auch zu der Hongkong-Domäne gesagt (siehe Quest #057). Bei ihm muss man die Werbefilm-Zertifikate zählen, sonst übersieht man sie.


  • Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Quest #060 · Drohnen · +180 XP

    Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Bevor Nick einzog, gab es in dieser Wohnung drei Katzen. Eine schwarze, eine getigerte, eine mit weißen Pfoten. Sie waren das, was Katzen sind: souverän, faul, gelegentlich misstrauisch, prinzipiell überzeugt davon, dass sie das Sagen haben. Sie hatten Recht. Sie hatten das Sagen, bis ich an einem Wintersonntag eine kleine Drohne in die Hand bekam, die etwa so groß wie eine Gulaschsuppentasse war, und beschloss, dass es eine gute Idee sei, sie in der Wohnung fliegen zu lassen.


    ▌ INDOOR-DROHNEN-FLUG MIT KATZEN-PUBLIKUM

    Es ist wichtig, vorab Folgendes festzuhalten: Eine Mini-Drohne in der Wohnung zu fliegen, ist keine schlechte Idee. Mini-Drohnen sind gebaut für sowas. Sie wiegen 30 Gramm, ihre Rotoren sind aus weichem Plastik, sie kollidieren mit einer Lampe und beide Beteiligte sind hinterher noch ganz. Das ist der ganze Sinn dieser Geräteklasse: drinnen fliegen, üben, Spaß haben. Im Gegensatz zur Henseleit mit 180 cm Rotor (siehe Quest #055) ist hier wirklich nichts gefährdet, weder Decke noch Vase noch Großmutters Parkett.

    Was ich nicht bedacht hatte: Mini-Drohnen sind aus Sicht einer Katze keine Geräte. Mini-Drohnen sind Wesen. Wesen, die sich bewegen, summen, schweben, plötzlich die Richtung ändern und dabei niemandem Rechenschaft schuldig sind. Wesen, die nicht in die übliche Klassifikation passen, die Katzen so im Kopf haben — also weder Beute noch Konkurrent noch Mensch. Eine Mini-Drohne ist für eine Katze ein Schicksalsthema. Und Schicksalsthemen werden untersucht.

    ▌ Die drei Katzen-Antworten

    Drei Katzen, drei Reaktionen. Beobachtbar in den ersten zehn Sekunden des Erstfluges, repräsentativ für die nächsten zwei Jahre.

    • Die Schwarze: Hat einmal kurz hingeschaut, hat dann den Schwanz so gehalten, dass man wusste, sie hält das für unter ihrer Würde, und ist ins Schlafzimmer gegangen. Sie hat die Drohne nie wieder beachtet. Auch nicht, als sie ihr drei Wochen später an die Schnauze flog. Souveränität als Lebensentwurf, könnte man sagen.
    • Die Getigerte: Hat einen Sprung gemacht, der drei Mal so hoch war wie der gewöhnliche Katzensprung. Hat die Drohne im Flug zu fangen versucht. Hat einmal gewonnen — die Drohne lag danach mit verbogenen Rotoren auf dem Teppich, die Getigerte saß daneben mit einer Pose, die so, jetzt habe ich’s bedeutete. Sie war von dem Tag an die Anführerin der Wohnung. Sie hat die Drohne als Beweis für ihre Vorrangstellung gesehen.
    • Die mit den weißen Pfoten: Hat die Drohne mit großen Augen verfolgt, hat sich aber nicht bewegt. Hat nur den Kopf hin- und hergedreht, schnell, fast hektisch, als versuchte sie, die Flugbahn vorherzusagen. Wir nannten es danach den Drohnen-Tanz. Sie hat ihn gemacht, sobald die Drohne in der Luft war. Es war faszinierend zu beobachten und ein bisschen besorgniserregend, was ihre Halswirbelsäule anging.

    ▌ Die Drohnen-Generationen

    Es war nicht eine Drohne. Es waren mehrere. Die erste hatte die Getigerte am ersten Tag gefangen und beschädigt. Die zweite hatte einen Crash gegen den Vorhang nicht überlebt — der Vorhang war intakt, die Drohne nicht, das war eine bemerkenswerte Asymmetrie. Die dritte habe ich auf eine Lampe gesetzt, weil ich falsch gesteuert hatte; der Steueroffset zwischen Pilot betrunken und Pilot nicht betrunken war damals nicht vorhanden, das ist eine Funktion, die DJI später erfunden hat.

    Die vierte Drohne war eine professionellere — ein kleines Quadrocopter-Modell von einem Hersteller, der heute nicht mehr existiert, mit besserer Stabilisierung und Akku-Schutz. Diese Drohne hat zwei Jahre überlebt. Mit ihr habe ich gelernt, was man indoor mit so einem Gerät machen kann: präzise Schwebe-Übungen, kleine Acht-Figuren, Hover über einem ausgelegten Punkt. Es war im Grunde Modellflug-Training auf engem Raum, ohne Wettergottabhängigkeit, mit dem Bonus eines Katzen-Publikums, das jeden Flug so kommentierte, wie es die jeweilige Katze für richtig hielt.

    ▌ Was Julia dazu sagte

    Julia mochte die Katzen sehr. Julia hat Katzen über alles geliebt, sie hatte Katzen schon als Kind gehabt, sie wollte irgendwann auch wieder welche, das war klar. Julia hat die Drohnen-Katzen-Konstellation lange beobachtet, ohne etwas zu sagen. Sie hat nur einmal, als die Schwarze ein paar Wochen lang einen leichten Hang hatte, beim Anblick einer Drohne vorsorglich ins Schlafzimmer zu gehen, eine kleine Bemerkung fallen lassen.

    Sie hat gesagt: „Schatz, ich glaube, sie findet das nicht so witzig.“

    Das war’s. Kein Drama, keine Diskussion, kein Verbot. Eine Beobachtung, sachlich vorgetragen, mit einem Tonfall, der eher liebevoll-besorgt als vorwurfsvoll war. Aber ich kannte den Tonfall. Ich habe danach die Drohne nur noch geflogen, wenn die Schwarze nicht im Raum war.

    Die Getigerte und die mit den weißen Pfoten haben weiter ihre Show abgeliefert. Die Schwarze hat ihre Würde behalten. Alle waren zufrieden.

    ▌ Was übrig blieb

    Die drei Katzen sind nicht mehr da. Katzenleben sind nicht so lang wie Menschenleben, das ist eine der härteren Tatsachen, mit denen Menschen klarkommen müssen, die sich auf Katzen einlassen. Wir hatten sie alle drei alt werden sehen, jede einzeln verabschiedet, und nach der dritten haben wir gesagt: erstmal keine Katze mehr. Erstmal eine Pause.

    Dann kam Nick.

    Nick mag keine Katzen. Das hatte ich an anderer Stelle schon angedeutet (siehe Quest #052). Nick ist Schäferhund mit Schutzdienst-Training und meinungsstabilem Charakter, und sein 10-Meter-Feindradius enthält Katzen mit Priorität. Es geht also nicht mehr, dass wir Katzen halten. Das ist eine logische Konsequenz, mit der wir leben.

    Was ich auch nicht mehr mache: Indoor-Drohnen-Flug. Nicht weil Nick es nicht zulassen würde — er hat zu Drohnen ein gleichgültiges Verhältnis, sie sind ihm offensichtlich ein zu kleines Wesen, um es ernst zu nehmen. Sondern weil das Drohnen-Fliegen drinnen ohne Katzen-Publikum nur die halbe Hälfte ist. Das Schauspiel war das eigentliche Programm. Ohne die Getigerte, die zum Sprung ansetzt, ohne die mit den weißen Pfoten, die den Drohnen-Tanz tanzt, ohne die Schwarze, die mit ihrem Schwanz-Halten Aussagen macht — wäre es nur eine kleine Drohne, die summt.

    Eine Mini-Drohne ohne Publikum ist halt nur eine Mini-Drohne.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  KATZEN-IM-HAUSHALT-DAMALS.........: 3          │
    │  KATZEN-IM-HAUSHALT-HEUTE..........: 0          │
    │  DROHNEN-IM-HAUSHALT-DAMALS........: 4          │
    │  DROHNEN-IM-HAUSHALT-HEUTE.........: VIELE      │
    │  KATZEN-FANG-VERSUCHE..............: ZÄHLUNG AUF│
    │  ERFOLGREICHE FÄNGE................: 1          │
    │  DROHNEN-VERLUST-RATE..............: 75%        │
    │  DROHNEN-TANZ-OBSERVIERT...........: TÄGLICH    │
    │  EHEFRAU-INTERVENTION..............: 1          │
    │  EHEFRAU-WORT-ANZAHL...............: 11         │
    │  WIRKUNG-DER-INTERVENTION..........: SOFORT     │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: KATZEN HABEN DAS SAGEN GEHABT <<  │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NUR MIT PUBLIKUM <<         │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Manchmal denke ich, die Vault, in der wir heute leben, ist nicht dieselbe wie die, in der wir früher gelebt haben. Es ist dieselbe Wohnung, dieselbe Küche, derselbe Werkstatttisch. Aber das Leben darin ist ein anderes geworden, und das hat mit den Bewohnern zu tun, nicht mit den Räumen. Drei Katzen waren ein anderes Setup als ein Schäferhund. Beide haben ihre Würde, beide haben ihren Platz. Aber sie überlappen nicht, und das macht jede Phase eigenständig.

    Wenn ich heute eine Mini-Drohne in der Hand habe, fliege ich sie draußen. Auf der Wiese, im Garten. Nick schaut zu, kommentiert nicht. Es ist ruhiger als früher, aber auch leerer. Beides hat seinen Wert. Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Schäferhund und Katzen passen nicht zusammen, Drohnen-Tanz und Schutzdienst auch nicht.

    Aber wenn die Getigerte heute noch leben würde, hätte sie längst die fünfundzwanzigste Drohne aus der Luft geholt. Da bin ich sicher.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Die drei Katzen waren meine. Lars hat sie irgendwann mit übernommen, aber Katzen hat man bei mir vom ersten Tag an. Ich vermisse sie. Ich sage das nicht oft, weil’s dann immer ein bisschen weh tut.

    Was Lars nicht erzählt: Bei der Getigerten und der Drohne war ich am Boden zerstört, weil ich erst gedacht habe, sie hätte sich an den Rotoren verletzt. Hat sie nicht. Sie war kerngesund, leicht stolz auf sich, und hat gegessen. Lars hat danach drei Tage lang nichts mehr indoor geflogen, weil er gesehen hat, wie es mir damit ging. Das hat er gut gemacht.

    Nick mag keine Katzen, das stimmt. Aber Nick und ich, wir reden manchmal über die Schwarze, wenn er glaubt, niemand hört zu. Er hat sie nicht gekannt. Er hört trotzdem zu. Schäferhunde sind manchmal höflicher, als sie tun.


  • Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Quest #058 · Drohnen · +200 XP

    Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Es gibt einen Moment auf einer Modellflug-Wiese im Spätsommer, in dem die Sonne schon tief steht, der Wind eingeschlafen ist, und ein Heli-Pilot beschließt, dass die nächste Figur kein Tic-Toc wird, kein Looping, keine Schraube. Sondern eine Rolle. Eine ganz normale Rolle, sieht jeder von euch hundertmal, sagt sich der Außenstehende. Aber lang. Sehr lang. Eine Rolle, die so langsam läuft, dass die anderen Piloten am Pavillon kurz aufhören zu reden, weil das Modell sich gerade um die eigene Längsachse dreht und dabei nichts anderes tut. Keine Höhenabweichung. Kein Versatz. Keine Beschleunigung. Eine Linie.


    ▌ ROLLEN-AERODYNAMIK FÜR LEUTE, DIE GENAU HINSCHAUEN

    Eine Rolle bei einem Modellhubschrauber funktioniert nicht so, wie sich der Außenstehende das denkt. Bei einem Flugzeug klappt eine Rolle einfach: Querruder ausschlagen, das Flugzeug dreht sich, fertig. Höhe verliert es zwar, aber die Aerodynamik trägt es trotzdem irgendwie. Bei einem Heli ist das anders.

    Beim Heli gibt es keinen Auftrieb durch eine Tragfläche. Es gibt nur den Hauptrotor. Und der Hauptrotor erzeugt seinen Auftrieb durch den Anstellwinkel der Blätter — Pitch genannt. Steht der Heli aufrecht, schiebt er sich nach oben. Liegt er auf der Seite, schiebt er sich seitwärts. Steht er auf dem Kopf, schiebt er sich nach unten — wenn der Pilot nichts macht. Macht der Pilot was, dann zieht er nicht den Pitch zurück, sondern er kehrt ihn um. Negativer Pitch. Die Blätter erzeugen Auftrieb in die andere Richtung. Heli auf dem Kopf, der dort bleibt, wo er sein soll.

    Und genau das macht die Rolle interessant. Bei einer Rolle dreht sich der Heli in genau einer Sekunde, einer halben Sekunde, einer Drittelsekunde — und durchläuft dabei alle Lagen: aufrecht, auf der Seite, kopfüber, auf der anderen Seite, wieder aufrecht. In jeder Lage muss der Pitch anders sein, damit der Heli die Höhe hält. Aufrecht: positiver Pitch. Quergeneigt: variabel. Kopfüber: negativer Pitch. Auf der anderen Seite: wieder variabel. Wieder aufrecht: positiver Pitch.

    Wer das nicht tut, dem fällt der Heli aus der Rolle. Heli kippt seitwärts, Heli sackt ab, Pilot pissed, Heli kaputt. So gehen die meisten Rollen-Versuche aus, wenn man’s das erste Mal probiert.

    ▌ Zwei Sekunden, fünf Sekunden, zehn Sekunden

    Eine schnelle Rolle ist einfacher als eine langsame. Das klingt erstmal komisch, ist aber so. Bei einer schnellen Rolle dreht sich das Modell in zwei Sekunden komplett — die Pitch-Korrekturen müssen zwar ständig passieren, aber sie sind kurz, der Heli ist in jeder Lage nur eine Drittelsekunde. Wenn man da was übersieht, fällt das nicht so auf.

    Bei einer langsamen Rolle, einer fünf-Sekunden-, sechs-Sekunden-, sieben-Sekunden-Rolle, ist das anders. Dann hängt der Heli zwei Sekunden lang auf der Seite. Zwei Sekunden lang muss der Pilot mit kleinen Pitch-Korrekturen verhindern, dass der Heli rauschartig nach unten driftet. Zwei Sekunden lang muss der Heckrotor das Drehmoment des Hauptrotors gegen die Erdanziehung gegenrechnen, weil bei seitlich liegendem Heli die Schwerkraft anders wirkt als bei aufrechtem.

    Es ist ein Tanz aus vier Knüppelachsen gleichzeitig. Roll, Pitch, Heck, Kollektiv. Jede Sekunde länger macht es exponentiell schwieriger, weil sich Fehler aufaddieren. Wer eine Rolle in zwei Sekunden kann, kann nicht zwangsläufig eine in fünf. Wer eine in fünf kann, ist eine andere Liga. Wer eine in sieben kann und dabei die Höhe hält und keinen Versatz nach links oder rechts produziert — das sind die paar Piloten, die auf den Wettbewerben das ganze Pavillon mit ihren Augen verfolgen.

    ▌ Was die Henseleit damit zu tun hat

    Henseleit ist eine kleine deutsche Manufaktur, die Modellhubschrauber baut. Die Maschinen sind nicht billig. Sie sind aber präzise gefertigt — Mechanik aus dem Vollen, kein Plastik, kein Spiel in den Lagern, alles was sich dreht, dreht sich exakt da, wo es sich drehen soll. Es ist die Sorte Modellbau, bei der man die Schraube anzieht und weiß: Jetzt sitzt sie. Nicht ungefähr. Nicht wahrscheinlich. Sondern: sitzt.

    Das ist für eine langgezogene Rolle wichtig. Eine langgezogene Rolle braucht ein Modell, das die kleinen Pitch-Befehle des Piloten genau so umsetzt wie sie kommen. Kein Spiel im Servo. Kein Zucken in der Anlenkung. Wenn der Pilot 1,3 Grad Pitch geben will und das Modell setzt 1,5 Grad um, ist die Rolle in Sekunde drei schon nicht mehr da, wo sie sein soll.

    Meine Henseleit ist eine TDR 2010. Mit einem Scorpion-Motor, der mir damals in Fukushima gewickelt wurde. Da gibt es einen Spezialisten, dem schickt man den Motor, und der wickelt einem die Spule so, wie man sie haben will. Das ist nicht Tuning im Sinne von schneller-stärker. Das ist Tuning im Sinne von genau-so. Genau die Drehzahl, genau das Drehmoment, genau die Charakteristik, die man für einen bestimmten Flugstil braucht.

    Mein Flugstil ist nicht schnell. Mein Flugstil ist ruhig. Und genau dafür ist die Maschine eingerichtet.

    ▌ Die langgezogene Rolle, in Worten

    Das Modell schwebt auf vielleicht zehn Meter Höhe, etwa zwanzig Meter vor mir. Hauptrotor mit 1800 Umdrehungen, ein gleichmäßiges, tiefes Pfeifen, das man mehr im Brustkorb spürt als im Ohr. Ich gebe einen winzigen Roll-Befehl nach rechts. Das Modell beginnt sich zu drehen, langsam, fast unmerklich.

    Sekunde eins: das Modell ist 30 Grad geneigt. Pitch leicht reduziert, Heck leicht gegenkorrigiert, Höhe hält.

    Sekunde zwei: das Modell ist quergeneigt, 90 Grad. Pitch jetzt fast Null, Heli schwebt seitwärts, was er nicht soll, also kleine Kompensation am Rollkreis, damit er an Ort und Stelle bleibt.

    Sekunde drei: das Modell ist auf dem Kopf, 180 Grad gedreht. Pitch jetzt negativ. Heli drückt nach oben, was bei umgedrehter Lage oben bedeutet, dass er aus meiner Sicht stehen bleibt. Heck arbeitet immer noch leise gegen.

    Sekunde vier: das Modell ist auf der anderen Seite quergeneigt, 270 Grad. Pitch wieder fast Null, Kompensation am Rollkreis in die andere Richtung, weil er jetzt seitwärts in die Gegenrichtung schweben würde.

    Sekunde fünf: das Modell ist wieder aufrecht, 360 Grad. Pitch wieder positiv, Heck zentriert sich, der Heli schwebt da, wo er vor fünf Sekunden geschwebt hat. Auf zehn Meter. Zwanzig Meter vor mir.

    Niemand sagt was. Es ist eine ganz kurze Stille auf dem Pavillon. Dann lacht jemand kurz. Dann reden alle weiter, als wäre nichts gewesen. Und das ist genau das richtige Verhalten in dieser Modellflug-Welt — die Rolle ist gelaufen, ist gut gelaufen, alle haben es gesehen, niemand muss was dazu sagen. Wer was sagen würde, würde es besser machen wollen, und das macht keiner, der schon mal eine probiert hat.

    ▌ Warum mich das berührt

    Das ist die Frage, die man sich selten stellt. Die meisten machen Modellflug, weil’s Spaß macht, und denken nicht weiter nach. Bei mir ist das anders, vielleicht weil ich auch sonst nicht so bin, dass ich Sachen mache, ohne ein bisschen drüber nachzudenken.

    Was mich an einer langgezogenen Rolle berührt, ist nicht das Spektakel. Es ist das Gegenteil. Es ist die Beherrschung. Eine schnelle Rolle ist Show. Eine langgezogene Rolle ist Kontrolle. Sieben Sekunden Heli, der dreht und dabei nichts anderes tut. Keine Höhenabweichung. Keinen Versatz. Keinen Knick. Nur die Drehung, sauber durchgezogen, wie eine Linie auf einem Blatt Papier, mit einem Lineal gezogen.

    Solche Sachen mag ich. Saubere Linien. Kontrolle. Sachen, bei denen man die Beherrschung sieht, weil sie da ist. Ein Holzschiff mit einem Anker, der hochfährt. Eine Vorlage, die zertifizierungsfähig ist. Ein Motor, der genauso wickelt, wie der Pilot ihn haben will.

    Eine langgezogene Rolle, sieben Sekunden, auf zehn Meter, kein Versatz.

    Das ist einfach schön. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  MODELL...........................: HENSELEIT TDR 2010│
    │  HAUPTROTOR-DREHZAHL..............: 1800 rpm    │
    │  V-STABI-TOLERANZ.................: ±15 Grad    │
    │  MOTOR............................: SCORPION    │
    │  WICKLUNG-HERKUNFT................: FUKUSHIMA   │
    │  ROLLEN-DAUER.....................: 5-7 sek     │
    │  HÖHENABWEICHUNG..................: < 0,5 m     │
    │  VERSATZ-LATERAL..................: < 1 m       │
    │  PITCH-WECHSEL-IM-VERLAUF.........: 4 STUFEN    │
    │  PILOT-KONZENTRATION..............: MAXIMAL     │
    │  PAVILLON-REAKTION................: KURZE STILLE│
    │  ÄSTHETIK-WERT....................: HOCH        │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: SAUBERE LINIE <<                  │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NACHMACHEN <<               │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Wenn Julia mich am Modellflug-Pavillon abholt, sagt sie nicht viel über das Fliegen. Sie sieht es, das reicht ihr. Sie weiß, was eine langgezogene Rolle ist, weil sie schon ein paar gesehen hat. Sie weiß, was es bedeutet, wenn Lars eine sauber durchgezogen hat. Es bedeutet: Lars wird heute Abend zufrieden sein. Auf eine ruhige Art.

    Eine langgezogene Rolle ist nicht das Spektakulärste, was ein Modellhubschrauber kann. Aber sie ist das, was bleibt. Wenn man fünfzig Tic-Tocs in einer Woche fliegt, hat man fünfzig Tic-Tocs vergessen. Wenn man eine saubere langgezogene Rolle fliegt, sieht man sie auch noch eine Woche später vor sich. Das ist der Unterschied zwischen Show und Können. Show vergisst man. Können bleibt.

    Die Henseleit steht im Werkstatt-Schrank. Sie wird nicht oft geflogen. Sie muss auch nicht. Sie ist da, wenn ich sie brauche.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Wenn Lars eine sauber gerollt hat, sieht man das. Nicht am Heli. Am Lars. Er ist hinterher leiser als sonst. Er packt den Heli ein, läuft zum Auto, sagt nicht viel, und auf der Heimfahrt summt er manchmal vor sich hin. Das hat er nicht von mir, aber es passt zu ihm. Wenn er summt, war's gut.

    Was er nicht erzählt: Es gibt auch Tage, an denen die Rolle nicht sitzt. Dann ist er nicht laut, er flucht nicht, er macht nichts kaputt. Er ist einfach kürzer. Sagt drei Sätze statt zwölf, fährt direkt nach Hause, geht in die Werkstatt. Am Wochenende drauf fährt er wieder zum Pavillon. Probiert sie nochmal. Bis sie sitzt.

    So ist er bei vielen Sachen. Es ist anstrengend, das aushalten zu können, gebe ich zu. Aber es ist auch das, was ihn zu dem macht, was er ist. Ich hab den Eindruck, ich gewöhne mich noch dran.


  • Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Quest #055 · Drohnen · Legendär · +400 XP

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Es war ein verregneter Sonntagnachmittag. Der Modellflugplatz war geschlossen, die Wiese unter Wasser, und ich hatte einen Heli, der seit zwei Wochen auf seinen Erstflug wartete. In meiner Werkstatt war kein Platz, weil ein halbes Schiff im Weg stand. Im Garten war nass. Auf dem Hof war Wind. Was es gab, war ein Wohnzimmer mit einer 2,40-Meter-Decke, einem Couchtisch mit einer hübschen Vase darauf, und einem Parkettboden, in den meine Großmutter wahrscheinlich noch ihre Tränen hineingelegt hatte. Gut, dachte ich. Probieren wir den Schwebetest drinnen.


    ▌ INDOOR-HELIKOPTER-AERODYNAMIK FÜR ANFÄNGER

    Bevor wir ins Detail gehen, eine kurze Klarstellung: Es gibt Helikopter, die für Indoor-Flug gebaut sind. Die haben Rotoren von 30 bis 50 Zentimetern Durchmesser, sie wiegen 200 Gramm, sie kollidieren mit einer Lampe und gehen kaputt, aber die Lampe bleibt heil. Das sind hübsche Geräte für den Couchtisch.

    Mein Heli war nicht so einer.

    Mein Heli war ein Align T-Rex aus der oberen Klasse, mit einem Hauptrotor von 180 Zentimetern Durchmesser. Das ist nicht ein-Komma-acht Meter, das ist nicht eine kleine Innendekoration mit Drehflügeln, das ist ein veritables Stück Modellbau-Maschinerie. In voller Drehzahl pfeifen die Blätter durch die Luft, und der Wind, den das Ding erzeugt, lüftet ein durchschnittliches Wohnzimmer in zwei Sekunden komplett aus. Vorhänge tanzen. Lampenschirme drehen sich. Katzen verschwinden zuverlässig in andere Zimmer.

    Das wusste ich. Ich war nicht naiv. Ich war einfach der Meinung, dass die Decke meines Wohnzimmers — 2,40 Meter — höher ist als der Rotor breit, und dass damit die Sache geklärt sei. Mathematik der zweiten Klasse. Decke höher als Rotor = Heli passt rein.

    Was ich nicht bedacht hatte: Ein Helikopter ist nicht nur Hauptrotor.

    ▌ Das Problem mit dem Heckrotor

    Ein Helikopter besteht aus zwei Rotoren. Der Hauptrotor obendrauf hebt das Ding in die Luft. Der Heckrotor — kleiner, hinten am Heckausleger — sorgt dafür, dass das Ding sich nicht wie ein Karussell um die eigene Achse dreht. Ohne Heckrotor: Karussell. Mit Heckrotor: kontrollierter Flug. Beides braucht der Heli, beides muss frei drehen können.

    Der Heckausleger meines Helis war ungefähr 80 Zentimeter lang. Der Heckrotor hatte 25 Zentimeter Durchmesser. Beides hat sich am Boden des Helis befunden, also auf Höhe der Kufen, was bedeutet, dass der Heckrotor in einer Höhe von ungefähr 30 Zentimetern über dem Boden gerotiert hat. Ihr seht, worauf das hinausläuft.

    Wer einen Heli auf einen Tisch stellt, hat das Heckrotor-Problem nicht. Wer einen Heli aus dem Flug heraus auf einen Boden absinken lässt, hat es kurzzeitig — der Heckrotor schlägt einmal auf den Boden, das Ding kippt, fertig. Keine große Sache, vorausgesetzt der Boden ist Beton oder Linoleum. Wer einen Heli auf einem alten Parkettboden zu schweben versucht — kurz nur, wirklich nur ganz kurz, nur als Test — der trifft eine andere Konstellation.

    Das Parkett gibt nach. Nicht weich-nach, sondern knack-nach. Das Heckrotor-Blatt fährt mit hoher Geschwindigkeit in das Holz. Das Holz beantwortet die Frage. Die Antwort ist: Nein.

    ▌ Die ersten zwei Sekunden

    Der Heli hat sauber abgehoben. Drei Zentimeter, fünf Zentimeter, zehn. Schwebte stabil. V-Stabi macht seine Arbeit, der Hauptrotor hat seine ±15 Grad bei 1800 Umdrehungen, alles in Ordnung. Ich stand drei Meter weg mit dem Sender. Julia stand in der Küchentür und schaute, mit dem Gesichtsausdruck, den ich später als weiß-was-gleich-passiert-aber-sagt-nichts-mehr klassifiziert habe.

    In Sekunde zwei wollte ich den Heli leicht nach links versetzen. Das ist eine Geste am Sender, der Heli reagiert, das Ding driftet. Das tat es auch. Was ich nicht bedacht hatte: Der Couchtisch stand links. Der Heli reagierte korrekt auf meinen Befehl, ging nach links, näherte sich dem Couchtisch, erkannte ihn nicht als Hindernis (er hat keine Hindernisvermeidung, er ist von 2008), und entschied dann, dass die einzig vernünftige Korrektur eine kleine Drehung um die Hochachse ist.

    Bei dieser Drehung hat sich der Heckausleger nach hinten geschwungen. Nach hinten heißt: zur Wand. Genauer: zum Boden. Genauer: in das Parkett.

    Es gab ein Geräusch. Es war kein lautes Geräusch — Heckrotoren sind klein, das Holz war zwar alt, aber es war auch dünn an der Stelle, wo es getroffen wurde. Es war eher ein Tock, gefolgt von einem leichten Krick, gefolgt von einer kleinen Vibration im ganzen Heli, die sich dann in eine größere Vibration verwandelt hat, weil das Heckrotorblatt nun nicht mehr ganz geradeauf war, sondern in einer neuen, von der Werkstatt nicht vorgesehenen Form.

    Der V-Stabi hat das gemerkt. V-Stabis sind klug. Er hat versucht zu kompensieren, was geht. Was nicht geht: Wenn der Heckrotor unwuchtig ist, dreht sich der Heli irgendwann doch wie ein Karussell. Der Heli hat sich also gedreht. Langsam, aber bestimmt.

    Ich habe den Hauptrotor abgeschaltet. Das ist die einzig richtige Entscheidung, wenn ein Heli sich in einem Wohnzimmer dreht. Der Heli ist auf den Couchtisch gefallen. Die Vase hat überlebt — ich weiß bis heute nicht, wie. Der Couchtisch hatte einen Kratzer. Das Parkett hatte ein kleines Loch. Der Heli hatte einen verbogenen Heckausleger und ein verbeultes Heckrotor-Blatt, aber er war ansonsten ganz.

    Julia hat bis heute nichts gesagt. Sie hat sich umgedreht und ist in die Küche zurück.

    ▌ Was ich an dem Tag gelernt habe

    Der gemeine Modellflugkollege denkt jetzt: Klar, Indoor mit 180 cm geht nicht, das ist Lehrbuchwissen. Stimmt. Steht in jedem Helikopter-Handbuch. Steht in jeder Modellflug-Zeitschrift. Steht auch in der Bedienungsanleitung des Geräts, gleich auf Seite zwei.

    Lehrbuchwissen ist eine Sache, die man im Kopf hat. Lehrbuchwissen ist nicht eine Sache, an die man denkt, wenn der Modellflugplatz unter Wasser steht und man seit zwei Wochen auf einen Erstflug wartet. In dem Moment denkt man an die Decke. 2,40 Meter. Reicht doch. Mathematik zweite Klasse.

    Das ist im Übrigen der Unterschied zwischen wissen und wirklich-wissen. Wissen ist, was im Kopf steht. Wirklich-wissen ist, was nach einem kleinen Loch im Parkett im Kopf steht. Beides hat seinen Wert. Wirklich-wissen kostet halt mehr.

    Das Loch im Parkett ist heute noch da. Wir haben es nie reparieren lassen. Es ist nicht groß, ungefähr daumennagelgroß, und es liegt unter dem Couchtisch, wo man es nicht sieht. Es ist eines dieser Dinge, die ich nicht beseitigt habe, weil sie eine Funktion haben — sie erinnern mich daran, dass ich nicht so klug bin, wie ich gerne denke.

    Manchmal fährt Julia mit dem Staubsauger drüber, schaut mich an, sagt nichts, lacht ein bisschen vor sich hin. Ich weiß, was sie denkt. Sie weiß, dass ich weiß, was sie denkt. Das ist wahrscheinlich das, was Beziehung nach 26 Jahren ist.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  HAUPTROTOR-DURCHMESSER............: 180 cm     │
    │  WOHNZIMMER-DECKE..................: 240 cm     │
    │  HECKROTOR-BODEN-ABSTAND...........: 30 cm      │
    │  PARKETT-WIDERSTAND................: UNZUREICH. │
    │  V-STABI-LEISTUNG..................: VORBILDLICH│
    │  COUCHTISCH-VASE...................: ÜBERLEBT   │
    │  COUCHTISCH-OBERFLÄCHE.............: KRATZER    │
    │  PARKETT...........................: LOCH       │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: KEINER     │
    │  EHEFRAU-BLICK.....................: KENNT MICH │
    │  GROSSMUTTER (RIP)-ROTATION-IM-GRAB: MITTEL     │
    │  WIEDERHOLUNGS-RISIKO..............: NULL       │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WIRKLICH-WISSEN ERWORBEN <<       │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: AUSSEN ZUERST <<            │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil man stolz auf sich ist. Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil sie schlichtweg passiert sind und es keinen Sinn hat, sie wegzuschweigen. Diese hier ist von der zweiten Sorte. Ich war damals erstaunlich überzeugt von mir, ich hatte den Heli zwei Wochen lang gewartet, und ich hatte das Gefühl, dass die Decke höher ist als der Rotor breit. Diese Voraussetzung war mathematisch korrekt. Sie war praktisch ungenügend.

    Ich habe seither nie wieder versucht, einen Heli mit 180 cm Rotor in einem Wohnzimmer zu fliegen. Das ist nicht weil ich es nicht mehr wollte. Das ist weil das Loch im Parkett mich jedes Mal, wenn ich daran denke, daran erinnert, dass ich es schon einmal versucht habe. Das ist im Grunde der praktische Wert kleiner Sachschäden — sie übernehmen die Funktion, die früher bei Mönchen das Memento Mori hatte. Eine Erinnerung an die eigene Endlichkeit, in diesem Fall die der eigenen Klugheit.

    Der Heli fliegt heute noch. Auf der Wiese. Wo er hingehört.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich habe an dem Tag in der Küche gestanden und mich gefragt, ob ich noch was sagen soll. Ich habe nichts gesagt. Lars hatte den Sender in der Hand, der Heli stand in der Luft, ich kannte den Gesichtsausdruck, ich wusste, dass jeder Satz von mir den Heli nur schneller in die Vase fliegen lassen würde.

    Manchmal ist das Klügste, was man tun kann, ins andere Zimmer zu gehen. Ich bin in die Küche zurück und habe Kaffee gemacht. Als ich rauskam, war alles schon vorbei. Vase stand, Couchtisch hatte einen Kratzer, Parkett ein kleines Loch, Heli auf dem Sofa. Lars sah aus wie ein Mensch, der etwas gelernt hat. Mir hat das gereicht.

    Das Loch ist übrigens nicht mehr meine Großmutter ihres. Das Parkett ist später mal abgeschliffen worden. Aber Lars erzählt das gerne so. Lass ihm den Schmerz.


  • Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Quest #053 · Drohnen · +250 XP

    Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Es war irgendwann zwischen 2010 und 2012, das genaue Datum hat sich in meinem Kopf nicht eingebrannt. Was sich eingebrannt hat: Der Kassenzettel von einem MediaMarkt, auf dem stand „Nintendo Wii Nunchuck“ und „Wii Motion Plus“, zweimal jeweils. Die Verkäuferin hat gefragt, ob die für meine Kinder seien. Ich habe nicht gelogen, ich habe nur gelächelt. Wir haben keine Kinder. Aber ich habe an dem Abend zwei Wii-Controller mit einem Schraubenzieher zerlegt und das Innere unter eine Lupe gehalten.


    ▌ DROHNEN-BAU FÜR ANFÄNGER — DIE NICHT EMPFOHLENE METHODE

    Heute kauft man eine Drohne. Man geht zu einem der einschlägigen Anbieter, klickt drei Mal, am übernächsten Tag steht ein Karton vor der Tür, man drückt einen Knopf und das Ding fliegt. Es macht Fotos, Videos, Hindernisvermeidung, automatische Rückkehr, Geofencing, Live-Wetter-Korrektur. Es kostet Geld, aber das Geld kostet weniger als der Verstand, der nötig wäre, das Ding selber zu bauen.

    2010 war das anders.

    2010 gab es Drohnen, aber sie waren professionell, militärisch oder universitär. DJI gab es als Firma, aber die Phantom — die kleine weiße Standard-Drohne, die später jeder im Park rumfliegen ließ — die kam erst 2013. Wer 2010 eine Drohne wollte, der hatte zwei Möglichkeiten: viel Geld ausgeben für etwas Industrielles, oder selber bauen.

    Selber bauen war keine triviale Übung. Man brauchte Sensoren — also kleine Bauteile, die einer Maschine sagen, in welche Richtung sie gerade kippt, wie schnell sie sich dreht, wie sie zur Schwerkraft steht. Solche Sensoren heißen MEMS-Gyros und Beschleunigungssensoren. 2010 waren die nicht in jedem Bastelladen zu haben. Sie waren teuer. Sie waren spärlich dokumentiert. Sie kamen aus industriellen Anwendungen, wo sie in größeren Stückzahlen in Autos und Smartphones gewandert sind.

    Und in eine andere Sache. Eine Sache, die niemand auf dem Schirm hatte, außer einer kleinen Hand voll Bastler weltweit, von denen ich einer war.

    Nintendo hatte die Sensoren auch. In den Wii-Controllern. Da drin saßen InvenSense-Gyros und ST-Beschleunigungssensoren, die in der Industrie das Drei- bis Vierfache gekostet hätten. Im Wii-Nunchuck hat sie Nintendo subventioniert mitverbaut, damit der Mario beim Tennisschlag korrekt reagiert.

    Ich brauchte den Mario nicht. Ich brauchte die Sensoren.

    ▌ Die Bauteilliste

    • Zwei Wii-Nunchucks — wegen der Gyros darin. Einer als Backup, weil ich beim ersten Zerlegen zu früh in die Platine gepiekst hatte.
    • Zwei Wii-Motion-Plus-Aufsätze — wegen zusätzlicher Sensorachsen, die das Nunchuck nicht hatte.
    • Ein Bosch-Beschleunigungssensor (BMA180, falls jemand mitschreibt). War in irgendeinem Industrie-Sample-Programm zu kriegen, ich weiß nicht mehr genau wie.
    • Ein Atmel-Mikrocontroller auf einer eigenen Platine. Nichts Großes, ein 8-Bit-Atmel mit ein paar Kilobyte Speicher.
    • Vier Brushless-Motoren mit Reglern aus dem Modellbau-Versand.
    • Ein Rahmen aus Aluminium, den ich auf einer Werkstatt-Fräse selber zugeschnitten habe.
    • Ein Empfänger für die normale Modellbau-Funke. Damals noch 35 MHz, später 2,4 Gigahertz.
    • Eine sehr große Tüte Geduld.

    Die Sache mit der Tüte Geduld stand nicht auf der ersten Bauteilliste, aber ich habe sie irgendwo zwischen Versuch 4 und Versuch 11 dazugeschrieben.

    ▌ Der PID-Regler

    Eine Drohne fliegt nicht von selber. Eine Drohne fällt von selber. Damit eine Drohne fliegt, braucht sie einen Regler — etwas, das die Sensoren ausliest, vergleicht, was der Pilot will mit dem, was der Quadrokopter gerade tut, und dann hundertmal pro Sekunde an den vier Motoren herumdreht, damit das Ding gerade bleibt.

    Dieses Etwas heißt PID-Regler. P wie Proportional, I wie Integral, D wie Differenzial. Die Mathematik dahinter ist nicht furchtbar schwer, aber sie ist auch nicht trivial, und vor allem: Sie muss in einem 8-Bit-Atmel laufen, der ungefähr so viel Rechenleistung hat wie ein gut gefüttertes Toaster-Display.

    Es gab zwei Möglichkeiten, an einen PID-Regler zu kommen.

    Erstens: Im Internet einen runterladen. Hat nicht funktioniert, weil es 2010 noch keine fertigen Open-Source-Flugcontroller gab. Es gab MultiWii, das war ein Anfang. Es gab Paparazzi UAV, das war für Forschung. Aber für meinen spezifischen Wii-Sensor-Mix mit Bosch-Ergänzung und 8-Bit-Atmel — da war nichts. Internet war damals außerdem noch eine Tasse, die man halb voll mit Wissen gestellt hat. Wer drei Quellen über das gleiche Thema fand, hatte einen guten Tag.

    Zweitens: Selber schreiben. In C. Auf den Atmel flashen. Anschließen. Anschalten. Hoffen.

    Ich habe Möglichkeit zwei genommen. Nicht aus Tapferkeit, sondern aus Mangel an Möglichkeit eins. Manchmal entstehen die schönsten Pioniertaten aus dem ganz banalen Umstand, dass die einfache Lösung einfach nicht da war.

    ▌ Die ersten elf Versuche

    Versuch 1 ging nicht. Versuch 2 ging in eine Wand. Versuch 3 ging in die Decke, was eigentlich Fortschritt war, weil Decken höher sind als Wände. Versuch 4 hat angefangen wie ein Erfolg und endete als kleine Aluminium-Pyramide auf dem Werkstattboden. Versuch 5 bis 8 waren Variationen über das Thema „Drohne fliegt drei Sekunden in eine Richtung, die in keinem Sender-Knüppel-Befehl vorgesehen war“.

    Versuch 9 hat geschwebt. Drei Sekunden. Auf einer Stelle. Das Ding schwebt einfach da, mit dem Atmel im Bauch und den Wii-Sensoren als Augen, und ich stehe daneben mit dem Sender in der Hand, halb pissed weil’s nur drei Sekunden waren, halb völlig fertig weil Wii-Sensoren halten ein selbstgebautes Quadrokopter-Modell in der Luft.

    Drei Sekunden. Dann kippte es weg.

    Versuch 10 hat fünf Sekunden geschwebt. Versuch 11 hat geschwebt, bis ich es selber abgeschaltet habe.

    Da DAAA. Hehehe.

    Ich gebe zu, das ist kein wissenschaftlich fundierter Kommentar zur Aerodynamik. Aber es war der einzige Kommentar, der mir in dem Moment einfiel. Ich hatte aus zwei Nintendo-Controllern, einem Bosch-Sensor, einem Atmel-Chip und einem Stück selbstgeschnittenem Aluminium etwas gebaut, das fliegt. Bevor DJI ein Wort war.

    ▌ Was Julia dazu sagt (sinngemäß)

    Julia ist in dieser Phase oft an der Werkstatt vorbeigegangen, hat reingeschaut, hat den Kopf geschüttelt und ist weiter in die Küche. Manchmal hat sie Kaffee gebracht. Manchmal hat sie mich an irgendwas erinnert, das ich versprochen hatte. Manchmal hat sie nichts gesagt und ist einfach weiter.

    Als das Ding zum ersten Mal frei geschwebt hat, habe ich sie gerufen. Sie kam, schaute, sah die Drohne in der Luft, sah meinen Gesichtsausdruck, und sagte einen Satz, der so trocken war, dass man ihn hätte einrahmen können: „Das ist also der Grund für die Wii-Controller.“

    Ich habe genickt. Mehr brauchte es nicht. Sie hat keine weiteren Fragen gestellt.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  BAUTEIL-HERKUNFT..................: NINTENDO   │
    │  BAUTEIL-EIGENTLICHER-ZWECK........: TENNIS-WII │
    │  ATMEL-RECHENLEISTUNG..............: TOASTER    │
    │  PID-REGLER........................: HANDARBEIT │
    │  VERSUCHE BIS ZUM ERSTEN SCHWEBEN..: 9          │
    │  SCHWEBE-DAUER VERSUCH 9...........: 3 sek      │
    │  SCHWEBE-DAUER VERSUCH 11..........: stabil     │
    │  DJI-ZUM-ZEITPUNKT.................: NICHT EXIS │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE NUNCHUCKS........: 1          │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE WÄNDE............: 1          │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE DECKEN...........: 0,5        │
    │  EHEFRAU-AUGENBRAUE-LEVEL..........: GEHOBEN    │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PIONIERTAT <<                     │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NEIN, ZEUGS GIBT'S JETZT <<│
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Drohne aus den Wii-Controllern fliegt heute nicht mehr. Sie steht im Regal, neben den Schiffsmodellen, mit einem leichten Staub-Mantel und einem Atmel-Bauch, der vermutlich noch funktioniert, wenn man ihn anschließt. Ich habe sie nie weggeworfen, obwohl ich später bessere Drohnen gebaut habe und noch später einfach welche gekauft habe.

    Sie ist wie das erste Schiff, das ich gebaut habe — sie ist nicht beeindruckend, sie ist nicht das Beste was ich je gemacht habe, aber sie ist die Erste. Und das Erste hat einen Wert, der nicht in Stundenlohn umrechenbar ist.

    Wenn jemand fragt, woher ich Drohnen kann: aus Nintendo-Spielzeug. Klingt blöd. Stimmt aber.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Lars hat in der Tat zwei Wii-Controller gekauft und nie damit gespielt. Er hat sie noch am gleichen Abend zerlegt. Ich war kurz traurig, weil ich kurz gedacht hatte, wir machen Wii-Abend.

    Was er nicht erzählt: Versuch 4 hat einen Kratzer im Werkstatt-Boden hinterlassen, den man heute noch sieht. Versuch 6 hat ein Loch in der Werkstatttür gemacht, klein, aber durchgehend. Versuch 8 ist mir vor die Füße geflogen, als ich grade zur Tür rein wollte. Ich habe in der Werkstatt seitdem ein Helm-Konzept.

    Das Ding fliegt aber. Hat er gut gemacht. Auch wenn er beim Erzählen die kaputten Sachen vergisst.