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  • Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Quest #055 · Drohnen · Legendär · +400 XP

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Es war ein verregneter Sonntagnachmittag. Der Modellflugplatz war geschlossen, die Wiese unter Wasser, und ich hatte einen Heli, der seit zwei Wochen auf seinen Erstflug wartete. In meiner Werkstatt war kein Platz, weil ein halbes Schiff im Weg stand. Im Garten war nass. Auf dem Hof war Wind. Was es gab, war ein Wohnzimmer mit einer 2,40-Meter-Decke, einem Couchtisch mit einer hübschen Vase darauf, und einem Parkettboden, in den meine Großmutter wahrscheinlich noch ihre Tränen hineingelegt hatte. Gut, dachte ich. Probieren wir den Schwebetest drinnen.


    ▌ INDOOR-HELIKOPTER-AERODYNAMIK FÜR ANFÄNGER

    Bevor wir ins Detail gehen, eine kurze Klarstellung: Es gibt Helikopter, die für Indoor-Flug gebaut sind. Die haben Rotoren von 30 bis 50 Zentimetern Durchmesser, sie wiegen 200 Gramm, sie kollidieren mit einer Lampe und gehen kaputt, aber die Lampe bleibt heil. Das sind hübsche Geräte für den Couchtisch.

    Mein Heli war nicht so einer.

    Mein Heli war ein Align T-Rex aus der oberen Klasse, mit einem Hauptrotor von 180 Zentimetern Durchmesser. Das ist nicht ein-Komma-acht Meter, das ist nicht eine kleine Innendekoration mit Drehflügeln, das ist ein veritables Stück Modellbau-Maschinerie. In voller Drehzahl pfeifen die Blätter durch die Luft, und der Wind, den das Ding erzeugt, lüftet ein durchschnittliches Wohnzimmer in zwei Sekunden komplett aus. Vorhänge tanzen. Lampenschirme drehen sich. Katzen verschwinden zuverlässig in andere Zimmer.

    Das wusste ich. Ich war nicht naiv. Ich war einfach der Meinung, dass die Decke meines Wohnzimmers — 2,40 Meter — höher ist als der Rotor breit, und dass damit die Sache geklärt sei. Mathematik der zweiten Klasse. Decke höher als Rotor = Heli passt rein.

    Was ich nicht bedacht hatte: Ein Helikopter ist nicht nur Hauptrotor.

    ▌ Das Problem mit dem Heckrotor

    Ein Helikopter besteht aus zwei Rotoren. Der Hauptrotor obendrauf hebt das Ding in die Luft. Der Heckrotor — kleiner, hinten am Heckausleger — sorgt dafür, dass das Ding sich nicht wie ein Karussell um die eigene Achse dreht. Ohne Heckrotor: Karussell. Mit Heckrotor: kontrollierter Flug. Beides braucht der Heli, beides muss frei drehen können.

    Der Heckausleger meines Helis war ungefähr 80 Zentimeter lang. Der Heckrotor hatte 25 Zentimeter Durchmesser. Beides hat sich am Boden des Helis befunden, also auf Höhe der Kufen, was bedeutet, dass der Heckrotor in einer Höhe von ungefähr 30 Zentimetern über dem Boden gerotiert hat. Ihr seht, worauf das hinausläuft.

    Wer einen Heli auf einen Tisch stellt, hat das Heckrotor-Problem nicht. Wer einen Heli aus dem Flug heraus auf einen Boden absinken lässt, hat es kurzzeitig — der Heckrotor schlägt einmal auf den Boden, das Ding kippt, fertig. Keine große Sache, vorausgesetzt der Boden ist Beton oder Linoleum. Wer einen Heli auf einem alten Parkettboden zu schweben versucht — kurz nur, wirklich nur ganz kurz, nur als Test — der trifft eine andere Konstellation.

    Das Parkett gibt nach. Nicht weich-nach, sondern knack-nach. Das Heckrotor-Blatt fährt mit hoher Geschwindigkeit in das Holz. Das Holz beantwortet die Frage. Die Antwort ist: Nein.

    ▌ Die ersten zwei Sekunden

    Der Heli hat sauber abgehoben. Drei Zentimeter, fünf Zentimeter, zehn. Schwebte stabil. V-Stabi macht seine Arbeit, der Hauptrotor hat seine ±15 Grad bei 1800 Umdrehungen, alles in Ordnung. Ich stand drei Meter weg mit dem Sender. Julia stand in der Küchentür und schaute, mit dem Gesichtsausdruck, den ich später als weiß-was-gleich-passiert-aber-sagt-nichts-mehr klassifiziert habe.

    In Sekunde zwei wollte ich den Heli leicht nach links versetzen. Das ist eine Geste am Sender, der Heli reagiert, das Ding driftet. Das tat es auch. Was ich nicht bedacht hatte: Der Couchtisch stand links. Der Heli reagierte korrekt auf meinen Befehl, ging nach links, näherte sich dem Couchtisch, erkannte ihn nicht als Hindernis (er hat keine Hindernisvermeidung, er ist von 2008), und entschied dann, dass die einzig vernünftige Korrektur eine kleine Drehung um die Hochachse ist.

    Bei dieser Drehung hat sich der Heckausleger nach hinten geschwungen. Nach hinten heißt: zur Wand. Genauer: zum Boden. Genauer: in das Parkett.

    Es gab ein Geräusch. Es war kein lautes Geräusch — Heckrotoren sind klein, das Holz war zwar alt, aber es war auch dünn an der Stelle, wo es getroffen wurde. Es war eher ein Tock, gefolgt von einem leichten Krick, gefolgt von einer kleinen Vibration im ganzen Heli, die sich dann in eine größere Vibration verwandelt hat, weil das Heckrotorblatt nun nicht mehr ganz geradeauf war, sondern in einer neuen, von der Werkstatt nicht vorgesehenen Form.

    Der V-Stabi hat das gemerkt. V-Stabis sind klug. Er hat versucht zu kompensieren, was geht. Was nicht geht: Wenn der Heckrotor unwuchtig ist, dreht sich der Heli irgendwann doch wie ein Karussell. Der Heli hat sich also gedreht. Langsam, aber bestimmt.

    Ich habe den Hauptrotor abgeschaltet. Das ist die einzig richtige Entscheidung, wenn ein Heli sich in einem Wohnzimmer dreht. Der Heli ist auf den Couchtisch gefallen. Die Vase hat überlebt — ich weiß bis heute nicht, wie. Der Couchtisch hatte einen Kratzer. Das Parkett hatte ein kleines Loch. Der Heli hatte einen verbogenen Heckausleger und ein verbeultes Heckrotor-Blatt, aber er war ansonsten ganz.

    Julia hat bis heute nichts gesagt. Sie hat sich umgedreht und ist in die Küche zurück.

    ▌ Was ich an dem Tag gelernt habe

    Der gemeine Modellflugkollege denkt jetzt: Klar, Indoor mit 180 cm geht nicht, das ist Lehrbuchwissen. Stimmt. Steht in jedem Helikopter-Handbuch. Steht in jeder Modellflug-Zeitschrift. Steht auch in der Bedienungsanleitung des Geräts, gleich auf Seite zwei.

    Lehrbuchwissen ist eine Sache, die man im Kopf hat. Lehrbuchwissen ist nicht eine Sache, an die man denkt, wenn der Modellflugplatz unter Wasser steht und man seit zwei Wochen auf einen Erstflug wartet. In dem Moment denkt man an die Decke. 2,40 Meter. Reicht doch. Mathematik zweite Klasse.

    Das ist im Übrigen der Unterschied zwischen wissen und wirklich-wissen. Wissen ist, was im Kopf steht. Wirklich-wissen ist, was nach einem kleinen Loch im Parkett im Kopf steht. Beides hat seinen Wert. Wirklich-wissen kostet halt mehr.

    Das Loch im Parkett ist heute noch da. Wir haben es nie reparieren lassen. Es ist nicht groß, ungefähr daumennagelgroß, und es liegt unter dem Couchtisch, wo man es nicht sieht. Es ist eines dieser Dinge, die ich nicht beseitigt habe, weil sie eine Funktion haben — sie erinnern mich daran, dass ich nicht so klug bin, wie ich gerne denke.

    Manchmal fährt Julia mit dem Staubsauger drüber, schaut mich an, sagt nichts, lacht ein bisschen vor sich hin. Ich weiß, was sie denkt. Sie weiß, dass ich weiß, was sie denkt. Das ist wahrscheinlich das, was Beziehung nach 26 Jahren ist.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  HAUPTROTOR-DURCHMESSER............: 180 cm     │
    │  WOHNZIMMER-DECKE..................: 240 cm     │
    │  HECKROTOR-BODEN-ABSTAND...........: 30 cm      │
    │  PARKETT-WIDERSTAND................: UNZUREICH. │
    │  V-STABI-LEISTUNG..................: VORBILDLICH│
    │  COUCHTISCH-VASE...................: ÜBERLEBT   │
    │  COUCHTISCH-OBERFLÄCHE.............: KRATZER    │
    │  PARKETT...........................: LOCH       │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: KEINER     │
    │  EHEFRAU-BLICK.....................: KENNT MICH │
    │  GROSSMUTTER (RIP)-ROTATION-IM-GRAB: MITTEL     │
    │  WIEDERHOLUNGS-RISIKO..............: NULL       │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WIRKLICH-WISSEN ERWORBEN <<       │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: AUSSEN ZUERST <<            │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil man stolz auf sich ist. Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil sie schlichtweg passiert sind und es keinen Sinn hat, sie wegzuschweigen. Diese hier ist von der zweiten Sorte. Ich war damals erstaunlich überzeugt von mir, ich hatte den Heli zwei Wochen lang gewartet, und ich hatte das Gefühl, dass die Decke höher ist als der Rotor breit. Diese Voraussetzung war mathematisch korrekt. Sie war praktisch ungenügend.

    Ich habe seither nie wieder versucht, einen Heli mit 180 cm Rotor in einem Wohnzimmer zu fliegen. Das ist nicht weil ich es nicht mehr wollte. Das ist weil das Loch im Parkett mich jedes Mal, wenn ich daran denke, daran erinnert, dass ich es schon einmal versucht habe. Das ist im Grunde der praktische Wert kleiner Sachschäden — sie übernehmen die Funktion, die früher bei Mönchen das Memento Mori hatte. Eine Erinnerung an die eigene Endlichkeit, in diesem Fall die der eigenen Klugheit.

    Der Heli fliegt heute noch. Auf der Wiese. Wo er hingehört.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich habe an dem Tag in der Küche gestanden und mich gefragt, ob ich noch was sagen soll. Ich habe nichts gesagt. Lars hatte den Sender in der Hand, der Heli stand in der Luft, ich kannte den Gesichtsausdruck, ich wusste, dass jeder Satz von mir den Heli nur schneller in die Vase fliegen lassen würde.

    Manchmal ist das Klügste, was man tun kann, ins andere Zimmer zu gehen. Ich bin in die Küche zurück und habe Kaffee gemacht. Als ich rauskam, war alles schon vorbei. Vase stand, Couchtisch hatte einen Kratzer, Parkett ein kleines Loch, Heli auf dem Sofa. Lars sah aus wie ein Mensch, der etwas gelernt hat. Mir hat das gereicht.

    Das Loch ist übrigens nicht mehr meine Großmutter ihres. Das Parkett ist später mal abgeschliffen worden. Aber Lars erzählt das gerne so. Lass ihm den Schmerz.