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    Warum Erbsen gehorchen müssen — eine Anleitung

    Quest #056 · Werkstatt · +150 XP

    Warum Erbsen gehorchen müssen — eine Anleitung

    Es gibt diese Sonntage, an denen man kocht. Nicht aus Hunger, sondern aus Trotz. Julia war beim Friseur, ich hatte freie Bahn in der Küche, und auf dem Herd stand der Schnellkochtopf, in dem Erbsensuppe vor sich hin sollte. Das Rezept war einfach. Die Anleitung des Schnellkochtopfs war auch einfach. Ich kannte beide. Ich war seit Jahren MCSE-zertifiziert. Was sollte schon schiefgehen.


    ▌ DRUCK-DIFFERENTIAL IN HAUSHALTSGERÄTEN

    Ein Schnellkochtopf ist im Grunde ein Druckbehälter mit einer Sicherheitsfunktion. Innen baut sich Druck auf, der das Wasser über 100 Grad erhitzt, ohne dass es verdampft. Das geht, weil der Deckel dicht ist und der Druck nicht entweichen kann. Das geht, bis der Druck so groß wird, dass er entweichen muss. Dafür gibt es ein Ventil. Das Ventil sitzt oben auf dem Deckel. Wenn der Druck einen bestimmten Wert überschreitet, lüftet das Ventil ab und das Ding pfeift wie eine kleine Lokomotive.

    Soweit das Lehrbuch.

    Was im Lehrbuch nicht steht — oder zumindest nicht laut genug — ist die Frage, was im Topf ist, wenn der Druck abgelassen wird. In meinem Fall waren es ungefähr 400 Gramm Erbsen, die in der Brühe schwammen. Erbsen sind kleine, leichte Objekte mit einer aerodynamischen Form. Wenn man Erbsen mit einem schlagartigen Druckabfall konfrontiert, möchten Erbsen nicht im Topf bleiben. Sie möchten woanders hin.

    ▌ Die naheliegende Idee

    Naheliegend wäre gewesen: Den Druck so abzulassen, wie es in der Anleitung steht. Topf vom Herd, Hebel auf Position 2, eine Minute warten, Deckel öffnen. Ergebnis: Erbsensuppe, fertig.

    Naheliegend war mir damals nicht naheliegend genug. Ich hatte irgendwo gehört oder gelesen — und glaubt mir, ich weiß bis heute nicht, woher diese Idee kam — dass man den Druck schneller ablassen könne, indem man das Ventil direkt öffnet. Manuell. Mit einem kleinen Schraubenzieher, der gerade rumlag. Die Logik dahinter war: Wenn das Ventil so oder so öffnet, dann kann ich es auch selber öffnen. Mathematik der zweiten Klasse.

    Mathematik der zweiten Klasse berücksichtigt nicht den Bernoulli-Effekt. Mathematik der zweiten Klasse berücksichtigt auch nicht, dass ein Schnellkochtopf-Ventil mit einer Feder gegen den Druck im Topf arbeitet, und dass diese Feder bei manueller Öffnung den Druck einfach schneller rauslässt, als das Ventil im Normalbetrieb tun würde. Wir reden hier von einem Faktor zehn, mindestens. Und wir reden von einem Topf, in dem 400 Gramm Erbsen waren.

    ▌ Die nächsten zwei Sekunden

    Sekunde eins: Ich hebe den Schraubenzieher zum Ventil. Sekunde zwei gibt es nicht. Genauer gesagt: Sekunde zwei vergeht so schnell, dass ich sie erst danach rekonstruieren kann, anhand der Verteilung der Erbsen in der Küche.

    Erbsen waren auf dem Herd. Erbsen waren auf der Arbeitsplatte. Erbsen waren in der Spüle. Erbsen waren auf dem Geschirrtuch, das neben dem Herd hing. Erbsen waren an der Decke, ich erspare uns die Diskussion, wie das physikalisch möglich war, aber sie waren dort. Erbsen waren am Vorhang. Erbsen waren in dem kleinen Topf-Untersetzer, in dem Salz war. Erbsen waren auf der Wanduhr.

    Erbsen waren auch noch im Topf. Aber deutlich weniger als vorher.

    Ich stand mit dem Schraubenzieher in der Hand da, in einer Wolke aus heißem Wasserdampf, und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Schnellkochtopf-Ventil offen, Druck weg, Erbsen weg, ich nass. Plus ein bisschen Brühe auf der Brille.

    ▌ Was Bernoulli dazu sagt

    Daniel Bernoulli, Schweizer Physiker, hat im 18. Jahrhundert ein paar Sachen über strömende Flüssigkeiten und Gase aufgeschrieben, die heute noch gelten. Eine davon: Wenn ein Gas durch eine Engstelle strömt, wird es schneller, der Druck sinkt, und alles, was sich in dem Gas befindet, wird mitgerissen. Das ist der Grund, warum Düsen in Triebwerken funktionieren, warum Sprühdosen sprühen und warum Erbsen aus einem Schnellkochtopf-Ventil kommen, sobald man die Engstelle freigibt.

    Hätte ich das gewusst? Doch. Ich hatte in der Berufsschule Strömungslehre. Ich wusste das. Ich wusste sogar die Formel. Was ich nicht wusste, war, dass die Formel auch in der Küche gilt. Die Formel hat in meinem Kopf zur Werkstatt gehört, zur Pneumatik, zu Druckluftleitungen. Nicht zu Erbsensuppe. Erbsensuppe war mental in einer anderen Schublade.

    Das ist im Übrigen eine wichtige Beobachtung über Wissen: Wissen ist nicht Wissen, wenn es nur in einer Schublade liegt. Wissen ist Wissen, wenn man es quer über die Schubladen anwenden kann. In dem Moment, als ich den Schraubenzieher zum Ventil hob, hatte ich den Bernoulli-Effekt noch in der Werkstatt-Schublade. Eine halbe Sekunde später hatte ich ihn auch in der Küchen-Schublade. Manchmal lernt man Sachen schneller, als einem lieb ist.

    ▌ Was Julia sagte, als sie zurückkam

    Sie kam vom Friseur, mit einer Frisur, die teuer ausgesehen hat. Sie hat die Wohnungstür aufgemacht. Sie hat in die Küche geschaut. Sie hat eine kurze Pause eingelegt, in der sie ihre Augenbraue auf eine Höhe gehoben hat, die ich vorher nur theoretisch für möglich gehalten hatte.

    Dann hat sie gesagt: „Schatz, echt jetzt?“

    Ich habe genickt. Ich war noch nicht in der Lage, eine längere Antwort zu formulieren. Sie hat sich umgedreht und ist ins Schlafzimmer gegangen, um sich umzuziehen. Als sie zurückkam, hatte sie alte Kleidung an. Wir haben dann zusammen zwei Stunden lang Erbsen aus der Küche entfernt. Sie hat dabei nicht geschimpft. Sie hat nur einmal vor sich hin gesagt, mit dem Tonfall, den sie für besondere Anlässe reserviert: „Du hast einen MCSE.“

    Sie hat recht gehabt. Ich habe einen MCSE. Der MCSE umfasst keine Erbsen-Aerodynamik. Sollte er aber.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ERBSEN-AUSGANGSMENGE..............: 400 g      │
    │  ERBSEN-IM-TOPF-NACHHER............: ~120 g     │
    │  ERBSEN-AN-DECKE...................: BESTÄTIGT  │
    │  ERBSEN-AN-VORHANG.................: BESTÄTIGT  │
    │  ERBSEN-AN-WANDUHR.................: BESTÄTIGT  │
    │  ERBSEN-IM-SALZSTREUER.............: 3 STÜCK    │
    │  DRUCKABFALL-FAKTOR................: ~10        │
    │  BERNOULLI-EFFEKT-AKTIV............: JA         │
    │  SCHRAUBENZIEHER-NOTWENDIG.........: NEIN       │
    │  ANLEITUNG-GELESEN.................: NEIN       │
    │  EHEFRAU-AUGENBRAUE-LEVEL..........: REKORDHOCH │
    │  REINIGUNGSDAUER...................: 2 STD      │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: BERNOULLI HAT IMMER RECHT <<      │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: ANLEITUNG LESEN <<          │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Was ich an dem Tag gelernt habe, war eigentlich nichts Neues. Ich wusste alles, was ich wissen musste, um den Vorfall zu vermeiden. Strömungslehre stand in meiner Berufsschul-Mappe, der Bernoulli-Effekt war Lehrstoff, das Wort Druckdifferential hatte ich tausendmal benutzt. Was ich an dem Tag gelernt habe, war: Wissen ist nicht überall, wo man es bräuchte. Es liegt in Schubladen, und manche Schubladen sieht man nicht, bis sie sich öffnen, weil man einen Schraubenzieher zum Ventil hebt.

    Ich öffne heute Schnellkochtöpfe nach Anleitung. Hebel auf Position 2. Eine Minute warten. Deckel auf. Erbsen bleiben drin. Es ist nicht spektakulär. Es funktioniert.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich kam vom Friseur. Ich hatte mich gefreut. Die Frisur war frisch, der Kopf war leicht, ich wollte mich auf das Sofa setzen und einen Kaffee trinken. Ich habe stattdessen Erbsen von der Decke gekratzt.

    Was er nicht erzählt: Drei Erbsen waren auch im Salzstreuer. Wir haben den Salzstreuer aus dem Verkehr gezogen. Nicht weil drei Erbsen schädlich sind, sondern weil ich, jedes Mal wenn ich ihn benutzt hätte, an diesen Tag denken müsste. Der Salzstreuer steht heute oben auf dem Schrank. Ich nenne ihn den Bernoulli-Streuer.

    Den Schraubenzieher haben wir auch versteckt. Sicherheitshalber.