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  • Wohnwagen, Highway to Hell und ein Sonnensegel — Akt 3 der Schlaf-Trilogie

    Wohnwagen, Highway to Hell und ein Sonnensegel — Akt 3 der Schlaf-Trilogie

    Quest #066 · Beziehungs-Tech · +250 XP · Trilogie 3/3 · ABSCHLUSS

    Wohnwagen, Highway to Hell und ein Sonnensegel — Akt 3 der Schlaf-Trilogie

    Wer Quest #064 und #065 gelesen hat, kennt die Lehrkurve. Sieben Nächte im Audi A6 Avant. Eine Bora-Nacht im Zelt mit Hobby-Nazgûl-Modus. Zwei Stationen Lehrgeld. Erkenntnis am Ende: Wir brauchen Wände. Wir brauchen Wände, die nicht flattern, die nicht wackeln, die nicht aus Zeltstoff bestehen.

    Wir kauften einen Wohnwagen. Erste Fahrt: zurück nach Lopar, Insel Rab. Diesmal mit Wänden. Diesmal mit Bett. Diesmal richtig.

    Diesmal — naja. Lest selbst.


    ▌ DIE ANFAHRT — 19 STUNDEN, AKKURAT, NUR LANGSAMER

    Erste Fahrt mit dem neuen Wohnwagen. Ab zum Lieblings-Campingplatz. Wieder 19 Stunden Fahrt. Hust. Nur diesmal mit Anhänger. Was bedeutet: 80 km/h auf der Landstraße, 100 auf der Autobahn, mehr nicht. Wer schon mal mit einem Wohnwagen über den Brenner gefahren ist, weiß was ich meine. Wer noch nicht: stell dir vor, der Tachostand bewegt sich, aber die Welt zieht an dir vorbei wie an einer überholten Schnecke.

    An manchen Stellen war es wie im Schlingendorntal. Wer das Spiel kennt, weiß: dichte Vegetation, schmale Pfade, hinter jeder Kurve was Neues, das einem den Marsch ansagt. Aber daran ist man als WoW-Veteran gewöhnt. Was solls. Weiter.

    Um sechs Uhr morgens an der Fähre. Übergesetzt. Insel Rab. Und dann begann der zweite Teil der Anfahrt, der Teil, vor dem mich kein Reiseführer gewarnt hatte: die kroatischen Inselstraßen.

    Die kroatischen Inselstraßen haben offenbar in den letzten Jahren Weight Watchers durchgespielt. Sie sind schmal. Schmaler als gestern. Schmaler als vorgestern. Und die Logik ist eindeutig: Wenn du zu breit bist, ist die Straße zu schmal. Wer mit einem Wohnwagen unterwegs ist, ist per Definition zu breit. Also: Straße zu schmal.

    Trotzdem: schön ohne Flutschie ins Straßenprofil eingefädelt, immer schön den Kurven nach, Tempo runter, Blick auf den Außenspiegel. Das ging.

    ▌ Julia entwickelt LIDAR

    Auf dem Beifahrersitz neben mir entwickelte Julia in dem Moment Sensoren wie ein LIDAR-Radar. Ich weiß nicht, wann sie das Upgrade installiert hat. Ich weiß nur, dass sie es vorher nicht hatte. Auf einmal kamen Echtzeit-Warnungen: „Da kommen wir nicht durch.“ An jeder Kurve. An jedem Baum. An jedem entgegenkommenden Fiat Panda.

    Ich liebe meine Frau. Ich vertraue meiner Frau in den meisten Dingen. Aber bei der Frage, ob ein Audi A6 mit Wohnwagen-Anhänger durch eine kroatische Inselstraße passt, halte ich mich an folgende Erfahrungswerte:

    Julia ist die Frau, die in der Küche immer das kleinste Gefäß rausholt, dann feststellt, dass es zu klein ist, und alles in ein größeres Gefäß umschüttet. Bei jeder Mahlzeit. Seit 26 Jahren. Wer so konsistent das Volumen unterschätzt, bei dem ist die Live-LIDAR-Vermessung von kroatischen Inselstraßen mit Wohnwagen statistisch nicht zuverlässig.

    Also: „Ja, nö. Is klar.“ Weiterfahren. Spiegel checken. Tempo runter. Es passt. Es passt jedes Mal. Es hat noch nie nicht gepasst.

    In meinem Kopf läuft AC/DC. Highway to Hell. Mit Wohnwagen am Hacken. Mit einer LIDAR-Frau auf dem Beifahrersitz. Mit kroatischen Weight-Watchers-Straßen vor mir. Das ist der Soundtrack. Der ergibt sich von selbst.

    ▌ Hafenkino mit Freddy Quinn

    Endlich Lopar. Wir biegen auf den Campingplatz ein. Und jetzt, liebe Mitlesende, kommt der Teil, vor dem ich am meisten Respekt hatte: das Manövrieren des Wohnwagens auf den Stellplatz. Bei voller Belegung. Mit Publikum.

    Wer schon mal auf einem voll belegten Campingplatz einen Wohnwagen rangiert hat, der weiß: das ist Hafenkino. Sobald der Neue rollt, sitzen alle Bestandscamper plötzlich draußen. Bier in der Hand, Hund neben dem Stuhl, Augen auf den Anhänger. Hundert Mann und ein Befehl, und der Befehl heißt: zuschauen wie der Neue es probiert.

    In meinem Kopf läuft jetzt nicht mehr AC/DC. In meinem Kopf läuft Freddy Quinn. „Hundert Mann und ein Befehl, und ein Weg, den keiner will.“ Ich ziehe den Wohnwagen durch Stein und Sand, vorwärts, zurück, vorwärts, mit dem rechten Spiegel jede Schräge prüfen, mit dem linken Auge das Heck im Blick, mit der freien Hand die Kupplung durchgespielt wie auf einem Klavier.

    Wir waren auf dem Platz. Nicht perfekt ausgerichtet. Schief, eigentlich. Aber drauf. Wohnwagen drauf, Wänder dran, Bett drin. Geschafft.

    ▌ Akt 1 — Die Bumsbude bleibt am Hacken

    Ich dachte mir nur: Ätsch. Bin scheißegal wie wir stehen. Die Bumsbude bleibt am Hacken. Stützen ausfahren, Wasserschlauch anschließen, Vorzelt aufbauen, all das? Heute nicht. Heute nicht mehr. Heute nur noch ein einziges Programm: Tür auf, rein, Augen zu.

    Ich war zurück im Audi-Modus. Wo ich penne, penne ich. So einfach. So robust. So Lars.

    Kein Zelt aufbauen. Kein Luftbett aufpumpen. Kein Hering setzen. Einfach Tür auf, ins Bett, weg. So schön war der Traum. So schön.

    Man rechnet ja nicht mit einer Frau, die das Chaos nicht so liebt wie ich.

    Die Augenbraue zuckt. Das ist Frühwarnstufe eins, dokumentiert seit Jahren. Eine Augenbraue, die zuckt, ist ein Frühindikator. Sie kündigt Stufe zwei an. Stufe zwei ist: das Augenlid macht mit. Wenn die Augenbraue eine Rüttelplatte ist und das Augenlid einsteigt, dann sind wir nicht mehr in der Phase, in der man durch Schlafen-Gehen die Diskussion umgehen kann.

    Also: Bude nach den Sternen ausrichten. Bora-Strömungs-Analyse durchführen. Wir kennen die Bora ja schon, siehe Quest #065. Diesmal vorher. Diesmal preventive maintenance.

    Nicht mal Porsche testet so viel im Windkanal. Was wir an dem Abend an Aerodynamik-Berechnungen für einen 6-Meter-Wohnwagen auf einem kroatischen Sandboden durchgespielt haben, hätte für einen Marsmissions-Eintrittswinkel gereicht. Süd nach Nord, Sonnenstand morgens, Bora-Wahrscheinlichkeit, Schräglage zum Hang. Drei Mal umgestellt, zwei Mal nachjustiert, einmal die Stützen anders gesetzt.

    Schluss für heute. Sie hatte Einsicht. Schluss für heute, klingt wie Schluss. Ist aber nicht Schluss. Ist nur Schluss für heute. Den Unterschied verstand ich am nächsten Tag.

    ▌ Akt 2 — Das Sonnensegel

    Tag zwei. Das Sonnensegel. Das olle Ding muss aufgebaut werden. Kederleiste am Wohnwagen, Sonnensegel-Bahn einfädeln, drei Stangen rein, Federspannseile setzen — wegen möglichen Tornados. Tornados gibt es in Kroatien praktisch nie. Aber möglich ist möglich. Also Federspann.

    Aufgebaut. Funktional. Steht. Mein Auftrag erfüllt. Und jetzt — wie eine Ratte durchs Aquädukt — abhauen, bevor was Neues kommt. Ich kannte das Muster aus Quest #064 und #065 mittlerweile. Wenn etwas steht, geht es nicht lange, bis ein Mangel entdeckt wird. Also raus, an den Strand, weg.

    Am Strand: Druiden-Bär-Modus. Ich liege in der Sonne, Augen zu, von der Umwelt nichts mitbekommen. Das ist mein Erholungs-Default seit der Audi-Phase. Wo ich penne, penne ich. Egal ob Adria oder Atlantik.

    Irgendwann meldet sich der Hunger. Hunger bewegt den Kadaver. Der Kadaver bewegt sich Richtung WohnWacken. Ich war noch ungefähr vierzig Meter entfernt, als ich realisierte, was ich da sehe.

    Das war genau der Zeitpunkt, an dem ich hätte einfach weiterlaufen sollen. Vorbei. Nicht meiner. Nicht meiner. Einfach weitergehen, ist wie bei einem Autounfall. Du musst hinschauen. Aber du sollst nicht.

    1,53 Meter, mitten in unserem Sonnensegel verstrickt, wie ein Tarzan-Verschnitt im Liana-Geflecht. Plärrend. Knapp unterhalb der 4,2-Kilohertz-Banshee-Grenze, aber eindeutig in Richtung Nazgûl-Vorstufe.

    „Toll, auch mal da! Alles muss ich alleine machen!“

    Was war passiert? Das Sonnensegel hatte sich vom Winkel her in ein Spitzdach verwandelt. Eine Stange war eingeknickt, eine andere war zur Seite gerutscht, der ganze Aufbau hatte jetzt mehr Ähnlichkeit mit einer Tipi-Konstruktion als mit einem Sonnenschutz. Aber hey, was solls. Wenn es sie glücklich macht, soll es eben ein Spitzdach sein.

    Nur: glücklich war sie nicht.

    Der eigentliche Grund war nämlich nicht meine Statik. Der eigentliche Grund war: der Sand. Der Sand auf dem Campingplatz Lopar war nicht stabil genug für die Spannung der Federn. Die Häringe hatten sich rausgezogen. Die Seile hatten nachgegeben. Das Sonnensegel hatte sich in sich selbst zusammengezogen. Mit Julia drunter.

    Sie hatte was von einer Mumie. So eingewickelt. Stoffbahn um Stoffbahn. Drei Federn an strategischen Stellen — eine am Knöchel, eine an der Hüfte, eine an der Schulter. Sie konnte sich nicht bewegen, ohne dass irgendwo eine andere Feder wieder zog. Es war ein klassisches Stehende-Welle-Problem in einem Federsystem mit drei Knotenpunkten und einem unwilligen Insassen in der Mitte.

    ▌ Akt 3 — Die stille Erkenntnis

    Ich habe das Sonnensegel demontiert. Stange für Stange. Feder für Feder. Julia rausgewickelt wie eine sehr verärgerte Geburtstagsüberraschung.

    Wir saßen danach im Wohnwagen. Tür zu. Im Wohnwagen ist es ruhig. Im Wohnwagen wackelt nichts. Im Wohnwagen sind keine Schafe. Im Wohnwagen sind keine Stuka-Mücken. Im Wohnwagen kann auch keine Bora was tun, weil Wände.

    Erstmals seit dieser Trilogie war Julia in der Nacht nicht im Banshee-Modus. Erstmals war sie nicht im Hobby-Nazgûl-Modus. Sie hat geschlafen. Tief. Acht Stunden. Ohne Statik-Berechnung. Ohne Parselmouth.

    Ich auch.

    Es war die erste Nacht in Kroatien, die nicht durch eine Eskalations-Stufe gegangen ist. Wir hatten das Pattern gebrochen. Wir hatten verstanden, was wir wirklich brauchten.

    Es waren Wände.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ORT...............................: RAB / LOPAR│
    │  AUSRUESTUNG.......................: WOHNWAGEN  │
    │  WAENDE-VORHANDEN..................: JA         │
    │  FAHRZEIT BIS ANKUNFT..............: 19+ STD    │
    │  REISETEMPO LANDSTRASSE............: 80 KM/H    │
    │  REISETEMPO AUTOBAHN...............: 100 KM/H   │
    │  STRASSEN-WEIGHT-WATCHERS-LEVEL....: HOCH       │
    │  JULIA-LIDAR-RADAR.................: AKTIV      │
    │  JULIA-VOLUMEN-SCHAETZUNG..........: KONSERVATIV│
    │  KOLLISIONS-EREIGNISSE.............: 0          │
    │  HAFENKINO-PUBLIKUM................: 100 MANN   │
    │  RANGIER-SOUNDTRACK................: F. QUINN   │
    │  RANGIER-VERSUCHE..................: KEINE ZAHL │
    │  AUSRICHTUNG ENDPOSITION...........: SCHIEF     │
    │  WINDKANAL-ANALYSEN................: PORSCHE+1  │
    │  AUFSTELLUNG-NACHJUSTIERUNGEN......: 3          │
    │  SONNENSEGEL-AUFBAU................: SUCCESS    │
    │  SONNENSEGEL-STATIK................: SAND-FAIL  │
    │  JULIA-EINGEWICKELT-LEVEL..........: MUMIE      │
    │  FEDERN-KNOTENPUNKTE...............: 3          │
    │  PLAERR-FREQUENZ...................: ~3,8 KHZ   │
    │  HOBBY-NAZGUL-VORSTUFE.............: AKTIV      │
    │  ESKALATION-NACHT 2................: NEIN       │
    │  JULIA-SCHLAF NACHT 2..............: 8 STD      │
    │  LARS-SCHLAF NACHT 2...............: 8 STD      │
    │  PATTERN-GEBROCHEN.................: BESTAETIGT │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WAENDE WAREN RICHTIG <<           │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: WOHNWAGEN, RUECKBLICKEND OK<│
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Schlaf-Trilogie ist hiermit abgeschlossen. Sieben Nächte im Audi auf den Vordersitzen. Eine Bora-Nacht im Zelt mit Hobby-Nazgûl-Modus auf Maximum. Und schließlich: ein Wohnwagen, eine Mumie im Sonnensegel, und am Ende eine ruhige Nacht in Kroatien. Drei Stationen, drei Akte, ein roter Faden: Wir lernen, was wir brauchen, indem wir es nicht haben.

    Was hat uns der Wohnwagen gelehrt? Drei Dinge. Erstens: Anhängerkupplung-Fahren ist eine eigene Disziplin, die im Führerschein nicht abgedeckt ist. Zweitens: Aerodynamik-Berechnungen gehören zum Aufstellen, nicht erst beim Sturm. Drittens: Wenn man eine Frau aus einem Sonnensegel auswickelt, ist Schweigen die beste aller Optionen.

    Wir haben den Wohnwagen behalten. Wir sind oft wieder gefahren. Und der zentrale Trick — die Bumsbude bleibt am Hacken, ich gehe pennen — den hab ich nie wieder versucht. Das Wallenfelser Risiko-Management ist eindeutig: einmal ist Lehrgeld, zweimal ist Dummheit, dreimal ist Wiederholungstäter.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Erstens: Mein LIDAR funktioniert. Drei Mal hatte ich recht. Zwei Mal nicht. Das ist immer noch ein besserer Quoten-Wert als jede Wettervorhersage.

    Zweitens: Das mit den Gefäßen in der Küche stimmt. Ich nehme das kleinste, weil ich glaube, es reicht. Ich habe lieber zwei Mal kurz umgefüllt als einmal zu viel abgewaschen. Das ist Effizienz, nicht Volumen-Schätzfehler.

    Drittens: Im Sonnensegel war ich nicht freiwillig. Ich wollte nur schauen, ob die Federn stramm sitzen. Sie saßen zu stramm. Wer Federn auf weichem Sand spannt, der weiß was kommt. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es gemacht. Aber ich wusste es nicht.

    Viertens, was er nicht erzählt: Beim Hafenkino-Rangieren hat er drei Mal vergessen, in der Spurmitte zu bleiben. Wir standen am Ende mit einem Reifen auf der Nachbarparzelle. Der Nachbar war ein netter Niederländer, der sich nichts angemerkt hat. Aber er hat es gesehen.

    Fünftens: Ich habe in der Wohnwagen-Nacht sehr gut geschlafen. Das stimmt. Das war auch das Erste seit drei Sommern. Lars hat ein Recht, das in seinem Beitrag zu erwähnen. Wenn er weiterhin so vernünftig bleibt, sind wir auf einem guten Weg.