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  • Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Quest #063 · Drohnen · +250 XP

    Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Es war Frühsommer 2013, der Himmel hatte diese stumpfe Bläue, die gut aussieht in Videos und furchtbar ist, wenn man eigentlich Sonne braucht. Ich stand in Coburg vor einem alten Lokschuppen, dem mit der durchhängenden Dachkonstruktion und den eingerosteten Schienen davor. In der einen Hand der Sender. In der anderen ein zweiter Sender, weil ich zwei brauchte. Auf dem Klapptisch neben mir ein Monitor mit eingebautem 5,8-Gigahertz-Empfänger, das Bild flackerte noch im Standby. Im Gras stand eine weiße DJI Phantom — die erste Generation, die kleine, ohne Kamera-Halterung ab Werk. Daran getapt, geklebt, geschraubt: ein Zenmuse-Gimbal mit einer GoPro Hero 1.

    Niemand sagte 2013 „FPV“. Das Wort war noch nicht da. Was ich da auf dem Tisch stehen hatte, hatte noch keinen Namen.


    ▌ LIVE-BILDÜBERTRAGUNG VOR DEM FPV-HYPE — EINE KURZE GESCHICHTE

    Heute klebt man eine DJI Mini auf den Schreibtisch, klappt sie auf, drückt einen Knopf, und auf dem Smartphone erscheint ein Live-Bild in 4K. Geofencing, Hindernis-Erkennung, automatische Rückkehr, Wettervorhersage, Akku-Restzeit, alles dabei. Selbst der Akku weiß, ob man ihn gerade nett behandelt.

    2013 war das anders.

    2013 hatte DJI gerade die Phantom 1 auf den Markt gebracht — die kleine weiße Drohne, die später jeder im Park rumfliegen ließ. Das Ding flog. Es hatte GPS. Es kam zurück, wenn man es ihm sagte. Aber es hatte keine Kamera. Keine Halterung. Kein Live-Bild. Kein Gimbal. Wer eine GoPro mitfliegen lassen wollte, der hatte zwei Möglichkeiten: das Ding mit Klebeband ans Fahrwerk pappen und hoffen, dass das Video später nicht aussieht wie eine Achterbahn aus dem Fiebertraum, oder selber bauen.

    Ich habe Möglichkeit zwei genommen. Aus den gleichen Gründen wie damals bei den Wii-Controllern (siehe Quest #053): Möglichkeit eins gab’s nicht für das, was ich wollte.

    ▌ Was Zenmuse damals war

    Zenmuse ist heute eine ganze DJI-Produktlinie — fette Profi-Gimbals mit eingebauter Wärmebildkamera, für Vermessung, Inspektion, Filmproduktion. Wenn jemand „Zenmuse“ sagt, denkt er heute an einen Koffer voll Equipment für einen halben Audi.

    2013 war Zenmuse eine kleine Platine in einem schwarzen Kunststoff-Käfig, der einen GoPro Hero 1 hielt und sie über zwei Servos in zwei Achsen ausglich. Roll und Pitch, also kippen und nicken. Mehr nicht. Damit das Bild nicht aussah, als hätte man die Kamera einem Hund auf den Rücken geschnallt.

    Der Käfig wog ein paar hundert Gramm. Die Phantom 1 war für genau diesen Zustand nicht gebaut. Wer die Phantom mit einem Zenmuse + GoPro fliegen lassen wollte, der musste den Schwerpunkt manuell verschieben. Akku weiter nach hinten. Gimbal vorn. Beine verlängern, weil sonst die GoPro beim Landen den Boden gestreift hätte. Das war Bastelei. Das war kein Plug-and-Play.

    Aber es flog. Mit verschobenem Schwerpunkt, mit verlängerten Beinen, mit einem Gimbal, der manchmal das Bild stabilisierte und manchmal vergaß, was sein Job war. Es flog.

    ▌ Die Sache mit dem Live-Bild

    Eine Kamera, die mitfliegt, aufnimmt, später runtergeladen wird — das war 2013 Stand der Technik für Hobbyisten. Damit konnte man leben. Damit konnte man nach dem Flug sehen, was man gefilmt hatte. Damit konnte man hoffen, dass die Kamera nicht zu schräg gestanden hatte, dass die Belichtung gepasst hatte, dass die Drohne nicht in einem Moment Vollgas gegeben hatte, in dem man sie eigentlich ruhig haben wollte.

    Was ich wollte, war anders: Ich wollte das Bild live sehen. Während des Flugs. Auf dem Monitor neben mir. Damit ich die Drohne nicht nur räumlich steuere, sondern auch das Bild komponiere. Damit ich sehe, wo die GoPro hinguckt, ohne dass ich erst nach der Landung eine SD-Karte ausstöpsele.

    Das gab es nicht zu kaufen. Das gab es als Bauanleitung in einem Forum, das halb auf Englisch und halb auf Russisch geschrieben war. Da DAAA. Hehehe.

    ▌ Die Bauteilliste

    • Eine DJI Phantom 1 mit modifiziertem Schwerpunkt und verlängerten Beinen.
    • Ein Zenmuse-Gimbal der ersten Generation, manchmal kooperativ.
    • Eine GoPro Hero 1 — kein Vor-Modell, kein Nach-Modell, exakt die Hero 1, weil ihre Video-Out-Buchse zugänglich war.
    • Ein 5,8-Gigahertz-Sender aus Russland, ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel, aber wärmer.
    • Ein 5,8-Gigahertz-Empfänger in einem Klapp-Monitor mit eingebautem LCD-Bildschirm. Auch aus Russland. Auch warm.
    • Ein Stück Klebeband für die Antenne, weil das Gehäuse-Konzept der russischen Sender von der Idee „kein Gehäuse“ geprägt war.
    • Ein selbstgebauter Spannungswandler, weil die GoPro 5 Volt wollte und die Phantom 11,1 Volt lieferte.
    • Eine 12-Volt-Akku-Lösung für den Klapp-Monitor, weil Sender und Empfänger zwei verschiedene Stromquellen brauchen, sonst gibt es Erdungs-Brummen im Bild.
    • Geduld. Plus eine zweite Sorte Geduld, für den Fall dass die erste ausgeht.

    Wer das alles auflistet, denkt: das ist nicht so wild. Das ist ein bisschen Löten, ein bisschen Klebeband, ein bisschen Frequenzplanung. Aber 2013 standen die einzelnen Teile auf vier verschiedenen Kontinenten und mussten erstmal zusammenfinden. Die russischen 5,8-GHz-Sender kamen aus Foren, die heute nicht mehr existieren. Die Spannungswandler hat man selber gewickelt, weil die fertigen zu schwer waren. Den Zenmuse hat man auf Plätzen bestellt, die nicht jeder kannte.

    ▌ Der Flug am Lokschuppen

    Ich brauchte ein Motiv. Etwas, das sich von oben anders anschaut als von unten. Etwas, das Geschichte hat. Etwas, das nicht weglaufen würde, wenn die Drohne mal eine Sekunde lang nicht das tat, was sie sollte. Der Lokschuppen in Coburg war perfekt. Altes Bahn-Gelände, durchhängendes Dach, eingerostete Schienen, kein Mensch weit und breit, weil die Anlage seit Jahren nicht mehr in Betrieb war.

    Ich hatte den Klapptisch dabei. Den Monitor. Die Phantom mit dem Zenmuse-Käfig dran. Den Sender für die Drohne und einen zweiten Sender für die Gimbal-Steuerung. Den 5,8-GHz-Empfänger, der seinen 12-Volt-Akku schon halb leer hatte, weil ich ihn beim Aufbau nicht ausgeschaltet hatte.

    Ich habe die Phantom angeworfen. Der GPS-Lock kam nach 30 Sekunden. Die GoPro lief. Der Zenmuse zappelte kurz, fand seine Mittelposition. Auf dem Klapp-Monitor wurde der Bildschirm vom Standby-Flackern zu einem ruhigen, leicht verrauschten Bild — die Wiese vor mir, aus Sicht der noch am Boden stehenden GoPro. Ich sah, was die GoPro sah.

    Das ist ein Satz, der heute keinen mehr beeindruckt. 2013 war das ein Satz, der mir kurz die Kniegelenke weich gemacht hat. Ich sah, was die GoPro sah. Live. Auf einem Tisch im Gras vor dem Lokschuppen Coburg.

    Ich habe die Drohne gestartet. Sie ist hochgegangen, kontrolliert, der Gimbal hat sich an die Bewegung angepasst, das Bild auf dem Monitor blieb ruhig — leicht verrauscht, manchmal mit einem kurzen Aussetzer, aber ruhig. Ich habe den Lokschuppen umflogen, ein paar Mal langsam, einmal schneller, und ich habe die ganze Zeit auf den Monitor geguckt, nicht zur Drohne hoch. Ich habe das Bild komponiert. Live. Mit einer DJI Phantom 1, einem russischen 5,8-GHz-Sender und einer GoPro Hero 1, die auf einem zappeligen Zenmuse saß.

    Sieben Minuten Akku. Dann musste sie runter. Ich habe sie sauber gelandet, gleich neben dem Klapptisch, und die SD-Karte aus der GoPro gezogen.

    Auf der SD-Karte war ein Video, das aussah wie eine Drohnenaufnahme von 2017. Vier Jahre zu früh.

    ▌ Was Julia dazu sagt (sinngemäß)

    Julia war an dem Tag nicht dabei. Sie ist später bei Drohnen-Sachen meistens nicht mehr dabei gewesen, nachdem ihr klar geworden war, dass das Wort „kurz“ in der Nähe einer Werkstatt eine andere Maßeinheit ist als sonst.

    Als ich nach Hause kam und ihr das Video gezeigt habe, hat sie geschaut, kurz überlegt und gesagt: „Das sieht aus wie ein Werbefilm.“ Das war das größte Lob, das sie für so etwas vergibt. Sie sagt es selten. Sie hat es nicht für die Wii-Drohne gesagt. Sie hat es nicht für die Schiffsmodelle gesagt. Sie hat es für den Lokschuppen-Flug gesagt.

    Ich habe geblinkt. Mehr nicht.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  JAHR..............................: 2013       │
    │  WORT "FPV" IM ALLGEMEINEN UMLAUF..: NEIN       │
    │  DJI PHANTOM-VERSION...............: 1.0        │
    │  GOPRO-VERSION.....................: HERO 1     │
    │  ZENMUSE-ACHSEN....................: 2 (R/P)    │
    │  HERKUNFT 5,8-GHZ-SENDER...........: RUSSLAND   │
    │  TEMPERATUR 5,8-GHZ-SENDER.........: WARM       │
    │  GEHAEUSE-KONZEPT-RUSSLAND.........: KEINS      │
    │  AKKU-LAUFZEIT PHANTOM 1...........: 7 MIN      │
    │  GPS-LOCK-ZEIT.....................: 30 SEK     │
    │  ERDUNGSBRUMMEN....................: VERMIEDEN  │
    │  KNIE-WEICHHEITS-LEVEL BEI BILD....: SPUERBAR   │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: "WERBEFILM"│
    │  JAHRE BIS DJI ES SO VERKAUFT......: 4          │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PIONIERTAT <<                     │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NEIN, GIBT'S JETZT <<       │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Drei Jahre später, 2016, hat DJI die Phantom 4 verkauft, mit eingebautem Gimbal, mit eingebauter Live-Bild-Übertragung, mit App auf dem Smartphone. Sechs Jahre später hat jeder im Park einer rumfliegen lassen. Heute, zehn Jahre nach dem Lokschuppen-Flug, ist die Live-Bild-Übertragung so selbstverständlich, dass sich keiner mehr daran erinnert, dass sie mal was Besonderes war.

    Was ich an dem Lokschuppen-Tag gemacht habe, war keine Erfindung. Es war Zusammenbau. Aus Teilen, die jemand anderes gebaut hatte, in Kombinationen, die noch keiner in einem Forum dokumentiert hatte. Aber es war früh. Es war drei, vier Jahre früher als der Mainstream. Und für drei, vier Jahre habe ich mich vor dem Klapp-Monitor neben einem Lokschuppen gefühlt wie jemand, der eine Tür gefunden hat, die für andere noch nicht da war.

    Das Video vom Lokschuppen liegt heute auf einer alten Festplatte. Manchmal schaue ich es mir an. Es ist nicht mein bestes Video. Es ist auch nicht das technisch sauberste. Aber es ist das Erste, bei dem ich live sah, was die Drohne sah. Und das Erste hat einen Wert, der nicht in Stundenlohn umrechenbar ist.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ja, ich habe gesagt es sieht aus wie ein Werbefilm. Das war ehrlich gemeint. Es sah wirklich aus wie ein Werbefilm, und Lars hatte das in Coburg auf einer eingerosteten Bahnanlage hingekriegt, mit Sachen, die er auf seinem Schreibtisch zusammengebaut hatte.

    Was er nicht erzählt: Er hat in dem Sommer drei Mal versucht, mir das Wort „Zenmuse“ zu erklären. Beim ersten Mal hat er gesagt, das ist ein Gimbal. Beim zweiten Mal hat er gesagt, das ist ein Stabilisator für die Kamera. Beim dritten Mal hat er gesagt, das ist eine kleine Wippe, die die GoPro gerade hält. Beim dritten Mal habe ich es verstanden. Er hätte beim dritten Mal anfangen sollen.

    Das mit dem Werbefilm habe ich übrigens auch zu der Hongkong-Domäne gesagt (siehe Quest #057). Bei ihm muss man die Werbefilm-Zertifikate zählen, sonst übersieht man sie.


  • Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Quest #053 · Drohnen · +250 XP

    Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Es war irgendwann zwischen 2010 und 2012, das genaue Datum hat sich in meinem Kopf nicht eingebrannt. Was sich eingebrannt hat: Der Kassenzettel von einem MediaMarkt, auf dem stand „Nintendo Wii Nunchuck“ und „Wii Motion Plus“, zweimal jeweils. Die Verkäuferin hat gefragt, ob die für meine Kinder seien. Ich habe nicht gelogen, ich habe nur gelächelt. Wir haben keine Kinder. Aber ich habe an dem Abend zwei Wii-Controller mit einem Schraubenzieher zerlegt und das Innere unter eine Lupe gehalten.


    ▌ DROHNEN-BAU FÜR ANFÄNGER — DIE NICHT EMPFOHLENE METHODE

    Heute kauft man eine Drohne. Man geht zu einem der einschlägigen Anbieter, klickt drei Mal, am übernächsten Tag steht ein Karton vor der Tür, man drückt einen Knopf und das Ding fliegt. Es macht Fotos, Videos, Hindernisvermeidung, automatische Rückkehr, Geofencing, Live-Wetter-Korrektur. Es kostet Geld, aber das Geld kostet weniger als der Verstand, der nötig wäre, das Ding selber zu bauen.

    2010 war das anders.

    2010 gab es Drohnen, aber sie waren professionell, militärisch oder universitär. DJI gab es als Firma, aber die Phantom — die kleine weiße Standard-Drohne, die später jeder im Park rumfliegen ließ — die kam erst 2013. Wer 2010 eine Drohne wollte, der hatte zwei Möglichkeiten: viel Geld ausgeben für etwas Industrielles, oder selber bauen.

    Selber bauen war keine triviale Übung. Man brauchte Sensoren — also kleine Bauteile, die einer Maschine sagen, in welche Richtung sie gerade kippt, wie schnell sie sich dreht, wie sie zur Schwerkraft steht. Solche Sensoren heißen MEMS-Gyros und Beschleunigungssensoren. 2010 waren die nicht in jedem Bastelladen zu haben. Sie waren teuer. Sie waren spärlich dokumentiert. Sie kamen aus industriellen Anwendungen, wo sie in größeren Stückzahlen in Autos und Smartphones gewandert sind.

    Und in eine andere Sache. Eine Sache, die niemand auf dem Schirm hatte, außer einer kleinen Hand voll Bastler weltweit, von denen ich einer war.

    Nintendo hatte die Sensoren auch. In den Wii-Controllern. Da drin saßen InvenSense-Gyros und ST-Beschleunigungssensoren, die in der Industrie das Drei- bis Vierfache gekostet hätten. Im Wii-Nunchuck hat sie Nintendo subventioniert mitverbaut, damit der Mario beim Tennisschlag korrekt reagiert.

    Ich brauchte den Mario nicht. Ich brauchte die Sensoren.

    ▌ Die Bauteilliste

    • Zwei Wii-Nunchucks — wegen der Gyros darin. Einer als Backup, weil ich beim ersten Zerlegen zu früh in die Platine gepiekst hatte.
    • Zwei Wii-Motion-Plus-Aufsätze — wegen zusätzlicher Sensorachsen, die das Nunchuck nicht hatte.
    • Ein Bosch-Beschleunigungssensor (BMA180, falls jemand mitschreibt). War in irgendeinem Industrie-Sample-Programm zu kriegen, ich weiß nicht mehr genau wie.
    • Ein Atmel-Mikrocontroller auf einer eigenen Platine. Nichts Großes, ein 8-Bit-Atmel mit ein paar Kilobyte Speicher.
    • Vier Brushless-Motoren mit Reglern aus dem Modellbau-Versand.
    • Ein Rahmen aus Aluminium, den ich auf einer Werkstatt-Fräse selber zugeschnitten habe.
    • Ein Empfänger für die normale Modellbau-Funke. Damals noch 35 MHz, später 2,4 Gigahertz.
    • Eine sehr große Tüte Geduld.

    Die Sache mit der Tüte Geduld stand nicht auf der ersten Bauteilliste, aber ich habe sie irgendwo zwischen Versuch 4 und Versuch 11 dazugeschrieben.

    ▌ Der PID-Regler

    Eine Drohne fliegt nicht von selber. Eine Drohne fällt von selber. Damit eine Drohne fliegt, braucht sie einen Regler — etwas, das die Sensoren ausliest, vergleicht, was der Pilot will mit dem, was der Quadrokopter gerade tut, und dann hundertmal pro Sekunde an den vier Motoren herumdreht, damit das Ding gerade bleibt.

    Dieses Etwas heißt PID-Regler. P wie Proportional, I wie Integral, D wie Differenzial. Die Mathematik dahinter ist nicht furchtbar schwer, aber sie ist auch nicht trivial, und vor allem: Sie muss in einem 8-Bit-Atmel laufen, der ungefähr so viel Rechenleistung hat wie ein gut gefüttertes Toaster-Display.

    Es gab zwei Möglichkeiten, an einen PID-Regler zu kommen.

    Erstens: Im Internet einen runterladen. Hat nicht funktioniert, weil es 2010 noch keine fertigen Open-Source-Flugcontroller gab. Es gab MultiWii, das war ein Anfang. Es gab Paparazzi UAV, das war für Forschung. Aber für meinen spezifischen Wii-Sensor-Mix mit Bosch-Ergänzung und 8-Bit-Atmel — da war nichts. Internet war damals außerdem noch eine Tasse, die man halb voll mit Wissen gestellt hat. Wer drei Quellen über das gleiche Thema fand, hatte einen guten Tag.

    Zweitens: Selber schreiben. In C. Auf den Atmel flashen. Anschließen. Anschalten. Hoffen.

    Ich habe Möglichkeit zwei genommen. Nicht aus Tapferkeit, sondern aus Mangel an Möglichkeit eins. Manchmal entstehen die schönsten Pioniertaten aus dem ganz banalen Umstand, dass die einfache Lösung einfach nicht da war.

    ▌ Die ersten elf Versuche

    Versuch 1 ging nicht. Versuch 2 ging in eine Wand. Versuch 3 ging in die Decke, was eigentlich Fortschritt war, weil Decken höher sind als Wände. Versuch 4 hat angefangen wie ein Erfolg und endete als kleine Aluminium-Pyramide auf dem Werkstattboden. Versuch 5 bis 8 waren Variationen über das Thema „Drohne fliegt drei Sekunden in eine Richtung, die in keinem Sender-Knüppel-Befehl vorgesehen war“.

    Versuch 9 hat geschwebt. Drei Sekunden. Auf einer Stelle. Das Ding schwebt einfach da, mit dem Atmel im Bauch und den Wii-Sensoren als Augen, und ich stehe daneben mit dem Sender in der Hand, halb pissed weil’s nur drei Sekunden waren, halb völlig fertig weil Wii-Sensoren halten ein selbstgebautes Quadrokopter-Modell in der Luft.

    Drei Sekunden. Dann kippte es weg.

    Versuch 10 hat fünf Sekunden geschwebt. Versuch 11 hat geschwebt, bis ich es selber abgeschaltet habe.

    Da DAAA. Hehehe.

    Ich gebe zu, das ist kein wissenschaftlich fundierter Kommentar zur Aerodynamik. Aber es war der einzige Kommentar, der mir in dem Moment einfiel. Ich hatte aus zwei Nintendo-Controllern, einem Bosch-Sensor, einem Atmel-Chip und einem Stück selbstgeschnittenem Aluminium etwas gebaut, das fliegt. Bevor DJI ein Wort war.

    ▌ Was Julia dazu sagt (sinngemäß)

    Julia ist in dieser Phase oft an der Werkstatt vorbeigegangen, hat reingeschaut, hat den Kopf geschüttelt und ist weiter in die Küche. Manchmal hat sie Kaffee gebracht. Manchmal hat sie mich an irgendwas erinnert, das ich versprochen hatte. Manchmal hat sie nichts gesagt und ist einfach weiter.

    Als das Ding zum ersten Mal frei geschwebt hat, habe ich sie gerufen. Sie kam, schaute, sah die Drohne in der Luft, sah meinen Gesichtsausdruck, und sagte einen Satz, der so trocken war, dass man ihn hätte einrahmen können: „Das ist also der Grund für die Wii-Controller.“

    Ich habe genickt. Mehr brauchte es nicht. Sie hat keine weiteren Fragen gestellt.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  BAUTEIL-HERKUNFT..................: NINTENDO   │
    │  BAUTEIL-EIGENTLICHER-ZWECK........: TENNIS-WII │
    │  ATMEL-RECHENLEISTUNG..............: TOASTER    │
    │  PID-REGLER........................: HANDARBEIT │
    │  VERSUCHE BIS ZUM ERSTEN SCHWEBEN..: 9          │
    │  SCHWEBE-DAUER VERSUCH 9...........: 3 sek      │
    │  SCHWEBE-DAUER VERSUCH 11..........: stabil     │
    │  DJI-ZUM-ZEITPUNKT.................: NICHT EXIS │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE NUNCHUCKS........: 1          │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE WÄNDE............: 1          │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE DECKEN...........: 0,5        │
    │  EHEFRAU-AUGENBRAUE-LEVEL..........: GEHOBEN    │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PIONIERTAT <<                     │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NEIN, ZEUGS GIBT'S JETZT <<│
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Drohne aus den Wii-Controllern fliegt heute nicht mehr. Sie steht im Regal, neben den Schiffsmodellen, mit einem leichten Staub-Mantel und einem Atmel-Bauch, der vermutlich noch funktioniert, wenn man ihn anschließt. Ich habe sie nie weggeworfen, obwohl ich später bessere Drohnen gebaut habe und noch später einfach welche gekauft habe.

    Sie ist wie das erste Schiff, das ich gebaut habe — sie ist nicht beeindruckend, sie ist nicht das Beste was ich je gemacht habe, aber sie ist die Erste. Und das Erste hat einen Wert, der nicht in Stundenlohn umrechenbar ist.

    Wenn jemand fragt, woher ich Drohnen kann: aus Nintendo-Spielzeug. Klingt blöd. Stimmt aber.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Lars hat in der Tat zwei Wii-Controller gekauft und nie damit gespielt. Er hat sie noch am gleichen Abend zerlegt. Ich war kurz traurig, weil ich kurz gedacht hatte, wir machen Wii-Abend.

    Was er nicht erzählt: Versuch 4 hat einen Kratzer im Werkstatt-Boden hinterlassen, den man heute noch sieht. Versuch 6 hat ein Loch in der Werkstatttür gemacht, klein, aber durchgehend. Versuch 8 ist mir vor die Füße geflogen, als ich grade zur Tür rein wollte. Ich habe in der Werkstatt seitdem ein Helm-Konzept.

    Das Ding fliegt aber. Hat er gut gemacht. Auch wenn er beim Erzählen die kaputten Sachen vergisst.