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  • Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Quest #063 · Drohnen · +250 XP

    Wie ich 2013 GoPro-Bilder live runtergebracht habe, als noch keiner FPV sagte

    Es war Frühsommer 2013, der Himmel hatte diese stumpfe Bläue, die gut aussieht in Videos und furchtbar ist, wenn man eigentlich Sonne braucht. Ich stand in Coburg vor einem alten Lokschuppen, dem mit der durchhängenden Dachkonstruktion und den eingerosteten Schienen davor. In der einen Hand der Sender. In der anderen ein zweiter Sender, weil ich zwei brauchte. Auf dem Klapptisch neben mir ein Monitor mit eingebautem 5,8-Gigahertz-Empfänger, das Bild flackerte noch im Standby. Im Gras stand eine weiße DJI Phantom — die erste Generation, die kleine, ohne Kamera-Halterung ab Werk. Daran getapt, geklebt, geschraubt: ein Zenmuse-Gimbal mit einer GoPro Hero 1.

    Niemand sagte 2013 „FPV“. Das Wort war noch nicht da. Was ich da auf dem Tisch stehen hatte, hatte noch keinen Namen.


    ▌ LIVE-BILDÜBERTRAGUNG VOR DEM FPV-HYPE — EINE KURZE GESCHICHTE

    Heute klebt man eine DJI Mini auf den Schreibtisch, klappt sie auf, drückt einen Knopf, und auf dem Smartphone erscheint ein Live-Bild in 4K. Geofencing, Hindernis-Erkennung, automatische Rückkehr, Wettervorhersage, Akku-Restzeit, alles dabei. Selbst der Akku weiß, ob man ihn gerade nett behandelt.

    2013 war das anders.

    2013 hatte DJI gerade die Phantom 1 auf den Markt gebracht — die kleine weiße Drohne, die später jeder im Park rumfliegen ließ. Das Ding flog. Es hatte GPS. Es kam zurück, wenn man es ihm sagte. Aber es hatte keine Kamera. Keine Halterung. Kein Live-Bild. Kein Gimbal. Wer eine GoPro mitfliegen lassen wollte, der hatte zwei Möglichkeiten: das Ding mit Klebeband ans Fahrwerk pappen und hoffen, dass das Video später nicht aussieht wie eine Achterbahn aus dem Fiebertraum, oder selber bauen.

    Ich habe Möglichkeit zwei genommen. Aus den gleichen Gründen wie damals bei den Wii-Controllern (siehe Quest #053): Möglichkeit eins gab’s nicht für das, was ich wollte.

    ▌ Was Zenmuse damals war

    Zenmuse ist heute eine ganze DJI-Produktlinie — fette Profi-Gimbals mit eingebauter Wärmebildkamera, für Vermessung, Inspektion, Filmproduktion. Wenn jemand „Zenmuse“ sagt, denkt er heute an einen Koffer voll Equipment für einen halben Audi.

    2013 war Zenmuse eine kleine Platine in einem schwarzen Kunststoff-Käfig, der einen GoPro Hero 1 hielt und sie über zwei Servos in zwei Achsen ausglich. Roll und Pitch, also kippen und nicken. Mehr nicht. Damit das Bild nicht aussah, als hätte man die Kamera einem Hund auf den Rücken geschnallt.

    Der Käfig wog ein paar hundert Gramm. Die Phantom 1 war für genau diesen Zustand nicht gebaut. Wer die Phantom mit einem Zenmuse + GoPro fliegen lassen wollte, der musste den Schwerpunkt manuell verschieben. Akku weiter nach hinten. Gimbal vorn. Beine verlängern, weil sonst die GoPro beim Landen den Boden gestreift hätte. Das war Bastelei. Das war kein Plug-and-Play.

    Aber es flog. Mit verschobenem Schwerpunkt, mit verlängerten Beinen, mit einem Gimbal, der manchmal das Bild stabilisierte und manchmal vergaß, was sein Job war. Es flog.

    ▌ Die Sache mit dem Live-Bild

    Eine Kamera, die mitfliegt, aufnimmt, später runtergeladen wird — das war 2013 Stand der Technik für Hobbyisten. Damit konnte man leben. Damit konnte man nach dem Flug sehen, was man gefilmt hatte. Damit konnte man hoffen, dass die Kamera nicht zu schräg gestanden hatte, dass die Belichtung gepasst hatte, dass die Drohne nicht in einem Moment Vollgas gegeben hatte, in dem man sie eigentlich ruhig haben wollte.

    Was ich wollte, war anders: Ich wollte das Bild live sehen. Während des Flugs. Auf dem Monitor neben mir. Damit ich die Drohne nicht nur räumlich steuere, sondern auch das Bild komponiere. Damit ich sehe, wo die GoPro hinguckt, ohne dass ich erst nach der Landung eine SD-Karte ausstöpsele.

    Das gab es nicht zu kaufen. Das gab es als Bauanleitung in einem Forum, das halb auf Englisch und halb auf Russisch geschrieben war. Da DAAA. Hehehe.

    ▌ Die Bauteilliste

    • Eine DJI Phantom 1 mit modifiziertem Schwerpunkt und verlängerten Beinen.
    • Ein Zenmuse-Gimbal der ersten Generation, manchmal kooperativ.
    • Eine GoPro Hero 1 — kein Vor-Modell, kein Nach-Modell, exakt die Hero 1, weil ihre Video-Out-Buchse zugänglich war.
    • Ein 5,8-Gigahertz-Sender aus Russland, ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel, aber wärmer.
    • Ein 5,8-Gigahertz-Empfänger in einem Klapp-Monitor mit eingebautem LCD-Bildschirm. Auch aus Russland. Auch warm.
    • Ein Stück Klebeband für die Antenne, weil das Gehäuse-Konzept der russischen Sender von der Idee „kein Gehäuse“ geprägt war.
    • Ein selbstgebauter Spannungswandler, weil die GoPro 5 Volt wollte und die Phantom 11,1 Volt lieferte.
    • Eine 12-Volt-Akku-Lösung für den Klapp-Monitor, weil Sender und Empfänger zwei verschiedene Stromquellen brauchen, sonst gibt es Erdungs-Brummen im Bild.
    • Geduld. Plus eine zweite Sorte Geduld, für den Fall dass die erste ausgeht.

    Wer das alles auflistet, denkt: das ist nicht so wild. Das ist ein bisschen Löten, ein bisschen Klebeband, ein bisschen Frequenzplanung. Aber 2013 standen die einzelnen Teile auf vier verschiedenen Kontinenten und mussten erstmal zusammenfinden. Die russischen 5,8-GHz-Sender kamen aus Foren, die heute nicht mehr existieren. Die Spannungswandler hat man selber gewickelt, weil die fertigen zu schwer waren. Den Zenmuse hat man auf Plätzen bestellt, die nicht jeder kannte.

    ▌ Der Flug am Lokschuppen

    Ich brauchte ein Motiv. Etwas, das sich von oben anders anschaut als von unten. Etwas, das Geschichte hat. Etwas, das nicht weglaufen würde, wenn die Drohne mal eine Sekunde lang nicht das tat, was sie sollte. Der Lokschuppen in Coburg war perfekt. Altes Bahn-Gelände, durchhängendes Dach, eingerostete Schienen, kein Mensch weit und breit, weil die Anlage seit Jahren nicht mehr in Betrieb war.

    Ich hatte den Klapptisch dabei. Den Monitor. Die Phantom mit dem Zenmuse-Käfig dran. Den Sender für die Drohne und einen zweiten Sender für die Gimbal-Steuerung. Den 5,8-GHz-Empfänger, der seinen 12-Volt-Akku schon halb leer hatte, weil ich ihn beim Aufbau nicht ausgeschaltet hatte.

    Ich habe die Phantom angeworfen. Der GPS-Lock kam nach 30 Sekunden. Die GoPro lief. Der Zenmuse zappelte kurz, fand seine Mittelposition. Auf dem Klapp-Monitor wurde der Bildschirm vom Standby-Flackern zu einem ruhigen, leicht verrauschten Bild — die Wiese vor mir, aus Sicht der noch am Boden stehenden GoPro. Ich sah, was die GoPro sah.

    Das ist ein Satz, der heute keinen mehr beeindruckt. 2013 war das ein Satz, der mir kurz die Kniegelenke weich gemacht hat. Ich sah, was die GoPro sah. Live. Auf einem Tisch im Gras vor dem Lokschuppen Coburg.

    Ich habe die Drohne gestartet. Sie ist hochgegangen, kontrolliert, der Gimbal hat sich an die Bewegung angepasst, das Bild auf dem Monitor blieb ruhig — leicht verrauscht, manchmal mit einem kurzen Aussetzer, aber ruhig. Ich habe den Lokschuppen umflogen, ein paar Mal langsam, einmal schneller, und ich habe die ganze Zeit auf den Monitor geguckt, nicht zur Drohne hoch. Ich habe das Bild komponiert. Live. Mit einer DJI Phantom 1, einem russischen 5,8-GHz-Sender und einer GoPro Hero 1, die auf einem zappeligen Zenmuse saß.

    Sieben Minuten Akku. Dann musste sie runter. Ich habe sie sauber gelandet, gleich neben dem Klapptisch, und die SD-Karte aus der GoPro gezogen.

    Auf der SD-Karte war ein Video, das aussah wie eine Drohnenaufnahme von 2017. Vier Jahre zu früh.

    ▌ Was Julia dazu sagt (sinngemäß)

    Julia war an dem Tag nicht dabei. Sie ist später bei Drohnen-Sachen meistens nicht mehr dabei gewesen, nachdem ihr klar geworden war, dass das Wort „kurz“ in der Nähe einer Werkstatt eine andere Maßeinheit ist als sonst.

    Als ich nach Hause kam und ihr das Video gezeigt habe, hat sie geschaut, kurz überlegt und gesagt: „Das sieht aus wie ein Werbefilm.“ Das war das größte Lob, das sie für so etwas vergibt. Sie sagt es selten. Sie hat es nicht für die Wii-Drohne gesagt. Sie hat es nicht für die Schiffsmodelle gesagt. Sie hat es für den Lokschuppen-Flug gesagt.

    Ich habe geblinkt. Mehr nicht.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  JAHR..............................: 2013       │
    │  WORT "FPV" IM ALLGEMEINEN UMLAUF..: NEIN       │
    │  DJI PHANTOM-VERSION...............: 1.0        │
    │  GOPRO-VERSION.....................: HERO 1     │
    │  ZENMUSE-ACHSEN....................: 2 (R/P)    │
    │  HERKUNFT 5,8-GHZ-SENDER...........: RUSSLAND   │
    │  TEMPERATUR 5,8-GHZ-SENDER.........: WARM       │
    │  GEHAEUSE-KONZEPT-RUSSLAND.........: KEINS      │
    │  AKKU-LAUFZEIT PHANTOM 1...........: 7 MIN      │
    │  GPS-LOCK-ZEIT.....................: 30 SEK     │
    │  ERDUNGSBRUMMEN....................: VERMIEDEN  │
    │  KNIE-WEICHHEITS-LEVEL BEI BILD....: SPUERBAR   │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: "WERBEFILM"│
    │  JAHRE BIS DJI ES SO VERKAUFT......: 4          │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PIONIERTAT <<                     │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NEIN, GIBT'S JETZT <<       │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Drei Jahre später, 2016, hat DJI die Phantom 4 verkauft, mit eingebautem Gimbal, mit eingebauter Live-Bild-Übertragung, mit App auf dem Smartphone. Sechs Jahre später hat jeder im Park einer rumfliegen lassen. Heute, zehn Jahre nach dem Lokschuppen-Flug, ist die Live-Bild-Übertragung so selbstverständlich, dass sich keiner mehr daran erinnert, dass sie mal was Besonderes war.

    Was ich an dem Lokschuppen-Tag gemacht habe, war keine Erfindung. Es war Zusammenbau. Aus Teilen, die jemand anderes gebaut hatte, in Kombinationen, die noch keiner in einem Forum dokumentiert hatte. Aber es war früh. Es war drei, vier Jahre früher als der Mainstream. Und für drei, vier Jahre habe ich mich vor dem Klapp-Monitor neben einem Lokschuppen gefühlt wie jemand, der eine Tür gefunden hat, die für andere noch nicht da war.

    Das Video vom Lokschuppen liegt heute auf einer alten Festplatte. Manchmal schaue ich es mir an. Es ist nicht mein bestes Video. Es ist auch nicht das technisch sauberste. Aber es ist das Erste, bei dem ich live sah, was die Drohne sah. Und das Erste hat einen Wert, der nicht in Stundenlohn umrechenbar ist.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ja, ich habe gesagt es sieht aus wie ein Werbefilm. Das war ehrlich gemeint. Es sah wirklich aus wie ein Werbefilm, und Lars hatte das in Coburg auf einer eingerosteten Bahnanlage hingekriegt, mit Sachen, die er auf seinem Schreibtisch zusammengebaut hatte.

    Was er nicht erzählt: Er hat in dem Sommer drei Mal versucht, mir das Wort „Zenmuse“ zu erklären. Beim ersten Mal hat er gesagt, das ist ein Gimbal. Beim zweiten Mal hat er gesagt, das ist ein Stabilisator für die Kamera. Beim dritten Mal hat er gesagt, das ist eine kleine Wippe, die die GoPro gerade hält. Beim dritten Mal habe ich es verstanden. Er hätte beim dritten Mal anfangen sollen.

    Das mit dem Werbefilm habe ich übrigens auch zu der Hongkong-Domäne gesagt (siehe Quest #057). Bei ihm muss man die Werbefilm-Zertifikate zählen, sonst übersieht man sie.