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  • Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Quest #060 · Drohnen · +180 XP

    Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Bevor Nick einzog, gab es in dieser Wohnung drei Katzen. Eine schwarze, eine getigerte, eine mit weißen Pfoten. Sie waren das, was Katzen sind: souverän, faul, gelegentlich misstrauisch, prinzipiell überzeugt davon, dass sie das Sagen haben. Sie hatten Recht. Sie hatten das Sagen, bis ich an einem Wintersonntag eine kleine Drohne in die Hand bekam, die etwa so groß wie eine Gulaschsuppentasse war, und beschloss, dass es eine gute Idee sei, sie in der Wohnung fliegen zu lassen.


    ▌ INDOOR-DROHNEN-FLUG MIT KATZEN-PUBLIKUM

    Es ist wichtig, vorab Folgendes festzuhalten: Eine Mini-Drohne in der Wohnung zu fliegen, ist keine schlechte Idee. Mini-Drohnen sind gebaut für sowas. Sie wiegen 30 Gramm, ihre Rotoren sind aus weichem Plastik, sie kollidieren mit einer Lampe und beide Beteiligte sind hinterher noch ganz. Das ist der ganze Sinn dieser Geräteklasse: drinnen fliegen, üben, Spaß haben. Im Gegensatz zur Henseleit mit 180 cm Rotor (siehe Quest #055) ist hier wirklich nichts gefährdet, weder Decke noch Vase noch Großmutters Parkett.

    Was ich nicht bedacht hatte: Mini-Drohnen sind aus Sicht einer Katze keine Geräte. Mini-Drohnen sind Wesen. Wesen, die sich bewegen, summen, schweben, plötzlich die Richtung ändern und dabei niemandem Rechenschaft schuldig sind. Wesen, die nicht in die übliche Klassifikation passen, die Katzen so im Kopf haben — also weder Beute noch Konkurrent noch Mensch. Eine Mini-Drohne ist für eine Katze ein Schicksalsthema. Und Schicksalsthemen werden untersucht.

    ▌ Die drei Katzen-Antworten

    Drei Katzen, drei Reaktionen. Beobachtbar in den ersten zehn Sekunden des Erstfluges, repräsentativ für die nächsten zwei Jahre.

    • Die Schwarze: Hat einmal kurz hingeschaut, hat dann den Schwanz so gehalten, dass man wusste, sie hält das für unter ihrer Würde, und ist ins Schlafzimmer gegangen. Sie hat die Drohne nie wieder beachtet. Auch nicht, als sie ihr drei Wochen später an die Schnauze flog. Souveränität als Lebensentwurf, könnte man sagen.
    • Die Getigerte: Hat einen Sprung gemacht, der drei Mal so hoch war wie der gewöhnliche Katzensprung. Hat die Drohne im Flug zu fangen versucht. Hat einmal gewonnen — die Drohne lag danach mit verbogenen Rotoren auf dem Teppich, die Getigerte saß daneben mit einer Pose, die so, jetzt habe ich’s bedeutete. Sie war von dem Tag an die Anführerin der Wohnung. Sie hat die Drohne als Beweis für ihre Vorrangstellung gesehen.
    • Die mit den weißen Pfoten: Hat die Drohne mit großen Augen verfolgt, hat sich aber nicht bewegt. Hat nur den Kopf hin- und hergedreht, schnell, fast hektisch, als versuchte sie, die Flugbahn vorherzusagen. Wir nannten es danach den Drohnen-Tanz. Sie hat ihn gemacht, sobald die Drohne in der Luft war. Es war faszinierend zu beobachten und ein bisschen besorgniserregend, was ihre Halswirbelsäule anging.

    ▌ Die Drohnen-Generationen

    Es war nicht eine Drohne. Es waren mehrere. Die erste hatte die Getigerte am ersten Tag gefangen und beschädigt. Die zweite hatte einen Crash gegen den Vorhang nicht überlebt — der Vorhang war intakt, die Drohne nicht, das war eine bemerkenswerte Asymmetrie. Die dritte habe ich auf eine Lampe gesetzt, weil ich falsch gesteuert hatte; der Steueroffset zwischen Pilot betrunken und Pilot nicht betrunken war damals nicht vorhanden, das ist eine Funktion, die DJI später erfunden hat.

    Die vierte Drohne war eine professionellere — ein kleines Quadrocopter-Modell von einem Hersteller, der heute nicht mehr existiert, mit besserer Stabilisierung und Akku-Schutz. Diese Drohne hat zwei Jahre überlebt. Mit ihr habe ich gelernt, was man indoor mit so einem Gerät machen kann: präzise Schwebe-Übungen, kleine Acht-Figuren, Hover über einem ausgelegten Punkt. Es war im Grunde Modellflug-Training auf engem Raum, ohne Wettergottabhängigkeit, mit dem Bonus eines Katzen-Publikums, das jeden Flug so kommentierte, wie es die jeweilige Katze für richtig hielt.

    ▌ Was Julia dazu sagte

    Julia mochte die Katzen sehr. Julia hat Katzen über alles geliebt, sie hatte Katzen schon als Kind gehabt, sie wollte irgendwann auch wieder welche, das war klar. Julia hat die Drohnen-Katzen-Konstellation lange beobachtet, ohne etwas zu sagen. Sie hat nur einmal, als die Schwarze ein paar Wochen lang einen leichten Hang hatte, beim Anblick einer Drohne vorsorglich ins Schlafzimmer zu gehen, eine kleine Bemerkung fallen lassen.

    Sie hat gesagt: „Schatz, ich glaube, sie findet das nicht so witzig.“

    Das war’s. Kein Drama, keine Diskussion, kein Verbot. Eine Beobachtung, sachlich vorgetragen, mit einem Tonfall, der eher liebevoll-besorgt als vorwurfsvoll war. Aber ich kannte den Tonfall. Ich habe danach die Drohne nur noch geflogen, wenn die Schwarze nicht im Raum war.

    Die Getigerte und die mit den weißen Pfoten haben weiter ihre Show abgeliefert. Die Schwarze hat ihre Würde behalten. Alle waren zufrieden.

    ▌ Was übrig blieb

    Die drei Katzen sind nicht mehr da. Katzenleben sind nicht so lang wie Menschenleben, das ist eine der härteren Tatsachen, mit denen Menschen klarkommen müssen, die sich auf Katzen einlassen. Wir hatten sie alle drei alt werden sehen, jede einzeln verabschiedet, und nach der dritten haben wir gesagt: erstmal keine Katze mehr. Erstmal eine Pause.

    Dann kam Nick.

    Nick mag keine Katzen. Das hatte ich an anderer Stelle schon angedeutet (siehe Quest #052). Nick ist Schäferhund mit Schutzdienst-Training und meinungsstabilem Charakter, und sein 10-Meter-Feindradius enthält Katzen mit Priorität. Es geht also nicht mehr, dass wir Katzen halten. Das ist eine logische Konsequenz, mit der wir leben.

    Was ich auch nicht mehr mache: Indoor-Drohnen-Flug. Nicht weil Nick es nicht zulassen würde — er hat zu Drohnen ein gleichgültiges Verhältnis, sie sind ihm offensichtlich ein zu kleines Wesen, um es ernst zu nehmen. Sondern weil das Drohnen-Fliegen drinnen ohne Katzen-Publikum nur die halbe Hälfte ist. Das Schauspiel war das eigentliche Programm. Ohne die Getigerte, die zum Sprung ansetzt, ohne die mit den weißen Pfoten, die den Drohnen-Tanz tanzt, ohne die Schwarze, die mit ihrem Schwanz-Halten Aussagen macht — wäre es nur eine kleine Drohne, die summt.

    Eine Mini-Drohne ohne Publikum ist halt nur eine Mini-Drohne.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  KATZEN-IM-HAUSHALT-DAMALS.........: 3          │
    │  KATZEN-IM-HAUSHALT-HEUTE..........: 0          │
    │  DROHNEN-IM-HAUSHALT-DAMALS........: 4          │
    │  DROHNEN-IM-HAUSHALT-HEUTE.........: VIELE      │
    │  KATZEN-FANG-VERSUCHE..............: ZÄHLUNG AUF│
    │  ERFOLGREICHE FÄNGE................: 1          │
    │  DROHNEN-VERLUST-RATE..............: 75%        │
    │  DROHNEN-TANZ-OBSERVIERT...........: TÄGLICH    │
    │  EHEFRAU-INTERVENTION..............: 1          │
    │  EHEFRAU-WORT-ANZAHL...............: 11         │
    │  WIRKUNG-DER-INTERVENTION..........: SOFORT     │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: KATZEN HABEN DAS SAGEN GEHABT <<  │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NUR MIT PUBLIKUM <<         │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Manchmal denke ich, die Vault, in der wir heute leben, ist nicht dieselbe wie die, in der wir früher gelebt haben. Es ist dieselbe Wohnung, dieselbe Küche, derselbe Werkstatttisch. Aber das Leben darin ist ein anderes geworden, und das hat mit den Bewohnern zu tun, nicht mit den Räumen. Drei Katzen waren ein anderes Setup als ein Schäferhund. Beide haben ihre Würde, beide haben ihren Platz. Aber sie überlappen nicht, und das macht jede Phase eigenständig.

    Wenn ich heute eine Mini-Drohne in der Hand habe, fliege ich sie draußen. Auf der Wiese, im Garten. Nick schaut zu, kommentiert nicht. Es ist ruhiger als früher, aber auch leerer. Beides hat seinen Wert. Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Schäferhund und Katzen passen nicht zusammen, Drohnen-Tanz und Schutzdienst auch nicht.

    Aber wenn die Getigerte heute noch leben würde, hätte sie längst die fünfundzwanzigste Drohne aus der Luft geholt. Da bin ich sicher.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Die drei Katzen waren meine. Lars hat sie irgendwann mit übernommen, aber Katzen hat man bei mir vom ersten Tag an. Ich vermisse sie. Ich sage das nicht oft, weil’s dann immer ein bisschen weh tut.

    Was Lars nicht erzählt: Bei der Getigerten und der Drohne war ich am Boden zerstört, weil ich erst gedacht habe, sie hätte sich an den Rotoren verletzt. Hat sie nicht. Sie war kerngesund, leicht stolz auf sich, und hat gegessen. Lars hat danach drei Tage lang nichts mehr indoor geflogen, weil er gesehen hat, wie es mir damit ging. Das hat er gut gemacht.

    Nick mag keine Katzen, das stimmt. Aber Nick und ich, wir reden manchmal über die Schwarze, wenn er glaubt, niemand hört zu. Er hat sie nicht gekannt. Er hört trotzdem zu. Schäferhunde sind manchmal höflicher, als sie tun.


  • Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Quest #055 · Drohnen · Legendär · +400 XP

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Es war ein verregneter Sonntagnachmittag. Der Modellflugplatz war geschlossen, die Wiese unter Wasser, und ich hatte einen Heli, der seit zwei Wochen auf seinen Erstflug wartete. In meiner Werkstatt war kein Platz, weil ein halbes Schiff im Weg stand. Im Garten war nass. Auf dem Hof war Wind. Was es gab, war ein Wohnzimmer mit einer 2,40-Meter-Decke, einem Couchtisch mit einer hübschen Vase darauf, und einem Parkettboden, in den meine Großmutter wahrscheinlich noch ihre Tränen hineingelegt hatte. Gut, dachte ich. Probieren wir den Schwebetest drinnen.


    ▌ INDOOR-HELIKOPTER-AERODYNAMIK FÜR ANFÄNGER

    Bevor wir ins Detail gehen, eine kurze Klarstellung: Es gibt Helikopter, die für Indoor-Flug gebaut sind. Die haben Rotoren von 30 bis 50 Zentimetern Durchmesser, sie wiegen 200 Gramm, sie kollidieren mit einer Lampe und gehen kaputt, aber die Lampe bleibt heil. Das sind hübsche Geräte für den Couchtisch.

    Mein Heli war nicht so einer.

    Mein Heli war ein Align T-Rex aus der oberen Klasse, mit einem Hauptrotor von 180 Zentimetern Durchmesser. Das ist nicht ein-Komma-acht Meter, das ist nicht eine kleine Innendekoration mit Drehflügeln, das ist ein veritables Stück Modellbau-Maschinerie. In voller Drehzahl pfeifen die Blätter durch die Luft, und der Wind, den das Ding erzeugt, lüftet ein durchschnittliches Wohnzimmer in zwei Sekunden komplett aus. Vorhänge tanzen. Lampenschirme drehen sich. Katzen verschwinden zuverlässig in andere Zimmer.

    Das wusste ich. Ich war nicht naiv. Ich war einfach der Meinung, dass die Decke meines Wohnzimmers — 2,40 Meter — höher ist als der Rotor breit, und dass damit die Sache geklärt sei. Mathematik der zweiten Klasse. Decke höher als Rotor = Heli passt rein.

    Was ich nicht bedacht hatte: Ein Helikopter ist nicht nur Hauptrotor.

    ▌ Das Problem mit dem Heckrotor

    Ein Helikopter besteht aus zwei Rotoren. Der Hauptrotor obendrauf hebt das Ding in die Luft. Der Heckrotor — kleiner, hinten am Heckausleger — sorgt dafür, dass das Ding sich nicht wie ein Karussell um die eigene Achse dreht. Ohne Heckrotor: Karussell. Mit Heckrotor: kontrollierter Flug. Beides braucht der Heli, beides muss frei drehen können.

    Der Heckausleger meines Helis war ungefähr 80 Zentimeter lang. Der Heckrotor hatte 25 Zentimeter Durchmesser. Beides hat sich am Boden des Helis befunden, also auf Höhe der Kufen, was bedeutet, dass der Heckrotor in einer Höhe von ungefähr 30 Zentimetern über dem Boden gerotiert hat. Ihr seht, worauf das hinausläuft.

    Wer einen Heli auf einen Tisch stellt, hat das Heckrotor-Problem nicht. Wer einen Heli aus dem Flug heraus auf einen Boden absinken lässt, hat es kurzzeitig — der Heckrotor schlägt einmal auf den Boden, das Ding kippt, fertig. Keine große Sache, vorausgesetzt der Boden ist Beton oder Linoleum. Wer einen Heli auf einem alten Parkettboden zu schweben versucht — kurz nur, wirklich nur ganz kurz, nur als Test — der trifft eine andere Konstellation.

    Das Parkett gibt nach. Nicht weich-nach, sondern knack-nach. Das Heckrotor-Blatt fährt mit hoher Geschwindigkeit in das Holz. Das Holz beantwortet die Frage. Die Antwort ist: Nein.

    ▌ Die ersten zwei Sekunden

    Der Heli hat sauber abgehoben. Drei Zentimeter, fünf Zentimeter, zehn. Schwebte stabil. V-Stabi macht seine Arbeit, der Hauptrotor hat seine ±15 Grad bei 1800 Umdrehungen, alles in Ordnung. Ich stand drei Meter weg mit dem Sender. Julia stand in der Küchentür und schaute, mit dem Gesichtsausdruck, den ich später als weiß-was-gleich-passiert-aber-sagt-nichts-mehr klassifiziert habe.

    In Sekunde zwei wollte ich den Heli leicht nach links versetzen. Das ist eine Geste am Sender, der Heli reagiert, das Ding driftet. Das tat es auch. Was ich nicht bedacht hatte: Der Couchtisch stand links. Der Heli reagierte korrekt auf meinen Befehl, ging nach links, näherte sich dem Couchtisch, erkannte ihn nicht als Hindernis (er hat keine Hindernisvermeidung, er ist von 2008), und entschied dann, dass die einzig vernünftige Korrektur eine kleine Drehung um die Hochachse ist.

    Bei dieser Drehung hat sich der Heckausleger nach hinten geschwungen. Nach hinten heißt: zur Wand. Genauer: zum Boden. Genauer: in das Parkett.

    Es gab ein Geräusch. Es war kein lautes Geräusch — Heckrotoren sind klein, das Holz war zwar alt, aber es war auch dünn an der Stelle, wo es getroffen wurde. Es war eher ein Tock, gefolgt von einem leichten Krick, gefolgt von einer kleinen Vibration im ganzen Heli, die sich dann in eine größere Vibration verwandelt hat, weil das Heckrotorblatt nun nicht mehr ganz geradeauf war, sondern in einer neuen, von der Werkstatt nicht vorgesehenen Form.

    Der V-Stabi hat das gemerkt. V-Stabis sind klug. Er hat versucht zu kompensieren, was geht. Was nicht geht: Wenn der Heckrotor unwuchtig ist, dreht sich der Heli irgendwann doch wie ein Karussell. Der Heli hat sich also gedreht. Langsam, aber bestimmt.

    Ich habe den Hauptrotor abgeschaltet. Das ist die einzig richtige Entscheidung, wenn ein Heli sich in einem Wohnzimmer dreht. Der Heli ist auf den Couchtisch gefallen. Die Vase hat überlebt — ich weiß bis heute nicht, wie. Der Couchtisch hatte einen Kratzer. Das Parkett hatte ein kleines Loch. Der Heli hatte einen verbogenen Heckausleger und ein verbeultes Heckrotor-Blatt, aber er war ansonsten ganz.

    Julia hat bis heute nichts gesagt. Sie hat sich umgedreht und ist in die Küche zurück.

    ▌ Was ich an dem Tag gelernt habe

    Der gemeine Modellflugkollege denkt jetzt: Klar, Indoor mit 180 cm geht nicht, das ist Lehrbuchwissen. Stimmt. Steht in jedem Helikopter-Handbuch. Steht in jeder Modellflug-Zeitschrift. Steht auch in der Bedienungsanleitung des Geräts, gleich auf Seite zwei.

    Lehrbuchwissen ist eine Sache, die man im Kopf hat. Lehrbuchwissen ist nicht eine Sache, an die man denkt, wenn der Modellflugplatz unter Wasser steht und man seit zwei Wochen auf einen Erstflug wartet. In dem Moment denkt man an die Decke. 2,40 Meter. Reicht doch. Mathematik zweite Klasse.

    Das ist im Übrigen der Unterschied zwischen wissen und wirklich-wissen. Wissen ist, was im Kopf steht. Wirklich-wissen ist, was nach einem kleinen Loch im Parkett im Kopf steht. Beides hat seinen Wert. Wirklich-wissen kostet halt mehr.

    Das Loch im Parkett ist heute noch da. Wir haben es nie reparieren lassen. Es ist nicht groß, ungefähr daumennagelgroß, und es liegt unter dem Couchtisch, wo man es nicht sieht. Es ist eines dieser Dinge, die ich nicht beseitigt habe, weil sie eine Funktion haben — sie erinnern mich daran, dass ich nicht so klug bin, wie ich gerne denke.

    Manchmal fährt Julia mit dem Staubsauger drüber, schaut mich an, sagt nichts, lacht ein bisschen vor sich hin. Ich weiß, was sie denkt. Sie weiß, dass ich weiß, was sie denkt. Das ist wahrscheinlich das, was Beziehung nach 26 Jahren ist.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  HAUPTROTOR-DURCHMESSER............: 180 cm     │
    │  WOHNZIMMER-DECKE..................: 240 cm     │
    │  HECKROTOR-BODEN-ABSTAND...........: 30 cm      │
    │  PARKETT-WIDERSTAND................: UNZUREICH. │
    │  V-STABI-LEISTUNG..................: VORBILDLICH│
    │  COUCHTISCH-VASE...................: ÜBERLEBT   │
    │  COUCHTISCH-OBERFLÄCHE.............: KRATZER    │
    │  PARKETT...........................: LOCH       │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: KEINER     │
    │  EHEFRAU-BLICK.....................: KENNT MICH │
    │  GROSSMUTTER (RIP)-ROTATION-IM-GRAB: MITTEL     │
    │  WIEDERHOLUNGS-RISIKO..............: NULL       │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WIRKLICH-WISSEN ERWORBEN <<       │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: AUSSEN ZUERST <<            │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil man stolz auf sich ist. Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil sie schlichtweg passiert sind und es keinen Sinn hat, sie wegzuschweigen. Diese hier ist von der zweiten Sorte. Ich war damals erstaunlich überzeugt von mir, ich hatte den Heli zwei Wochen lang gewartet, und ich hatte das Gefühl, dass die Decke höher ist als der Rotor breit. Diese Voraussetzung war mathematisch korrekt. Sie war praktisch ungenügend.

    Ich habe seither nie wieder versucht, einen Heli mit 180 cm Rotor in einem Wohnzimmer zu fliegen. Das ist nicht weil ich es nicht mehr wollte. Das ist weil das Loch im Parkett mich jedes Mal, wenn ich daran denke, daran erinnert, dass ich es schon einmal versucht habe. Das ist im Grunde der praktische Wert kleiner Sachschäden — sie übernehmen die Funktion, die früher bei Mönchen das Memento Mori hatte. Eine Erinnerung an die eigene Endlichkeit, in diesem Fall die der eigenen Klugheit.

    Der Heli fliegt heute noch. Auf der Wiese. Wo er hingehört.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich habe an dem Tag in der Küche gestanden und mich gefragt, ob ich noch was sagen soll. Ich habe nichts gesagt. Lars hatte den Sender in der Hand, der Heli stand in der Luft, ich kannte den Gesichtsausdruck, ich wusste, dass jeder Satz von mir den Heli nur schneller in die Vase fliegen lassen würde.

    Manchmal ist das Klügste, was man tun kann, ins andere Zimmer zu gehen. Ich bin in die Küche zurück und habe Kaffee gemacht. Als ich rauskam, war alles schon vorbei. Vase stand, Couchtisch hatte einen Kratzer, Parkett ein kleines Loch, Heli auf dem Sofa. Lars sah aus wie ein Mensch, der etwas gelernt hat. Mir hat das gereicht.

    Das Loch ist übrigens nicht mehr meine Großmutter ihres. Das Parkett ist später mal abgeschliffen worden. Aber Lars erzählt das gerne so. Lass ihm den Schmerz.