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  • Wohnwagen, Highway to Hell und ein Sonnensegel — Akt 3 der Schlaf-Trilogie

    Wohnwagen, Highway to Hell und ein Sonnensegel — Akt 3 der Schlaf-Trilogie

    Quest #066 · Beziehungs-Tech · +250 XP · Trilogie 3/3 · ABSCHLUSS

    Wohnwagen, Highway to Hell und ein Sonnensegel — Akt 3 der Schlaf-Trilogie

    Wer Quest #064 und #065 gelesen hat, kennt die Lehrkurve. Sieben Nächte im Audi A6 Avant. Eine Bora-Nacht im Zelt mit Hobby-Nazgûl-Modus. Zwei Stationen Lehrgeld. Erkenntnis am Ende: Wir brauchen Wände. Wir brauchen Wände, die nicht flattern, die nicht wackeln, die nicht aus Zeltstoff bestehen.

    Wir kauften einen Wohnwagen. Erste Fahrt: zurück nach Lopar, Insel Rab. Diesmal mit Wänden. Diesmal mit Bett. Diesmal richtig.

    Diesmal — naja. Lest selbst.


    ▌ DIE ANFAHRT — 19 STUNDEN, AKKURAT, NUR LANGSAMER

    Erste Fahrt mit dem neuen Wohnwagen. Ab zum Lieblings-Campingplatz. Wieder 19 Stunden Fahrt. Hust. Nur diesmal mit Anhänger. Was bedeutet: 80 km/h auf der Landstraße, 100 auf der Autobahn, mehr nicht. Wer schon mal mit einem Wohnwagen über den Brenner gefahren ist, weiß was ich meine. Wer noch nicht: stell dir vor, der Tachostand bewegt sich, aber die Welt zieht an dir vorbei wie an einer überholten Schnecke.

    An manchen Stellen war es wie im Schlingendorntal. Wer das Spiel kennt, weiß: dichte Vegetation, schmale Pfade, hinter jeder Kurve was Neues, das einem den Marsch ansagt. Aber daran ist man als WoW-Veteran gewöhnt. Was solls. Weiter.

    Um sechs Uhr morgens an der Fähre. Übergesetzt. Insel Rab. Und dann begann der zweite Teil der Anfahrt, der Teil, vor dem mich kein Reiseführer gewarnt hatte: die kroatischen Inselstraßen.

    Die kroatischen Inselstraßen haben offenbar in den letzten Jahren Weight Watchers durchgespielt. Sie sind schmal. Schmaler als gestern. Schmaler als vorgestern. Und die Logik ist eindeutig: Wenn du zu breit bist, ist die Straße zu schmal. Wer mit einem Wohnwagen unterwegs ist, ist per Definition zu breit. Also: Straße zu schmal.

    Trotzdem: schön ohne Flutschie ins Straßenprofil eingefädelt, immer schön den Kurven nach, Tempo runter, Blick auf den Außenspiegel. Das ging.

    ▌ Julia entwickelt LIDAR

    Auf dem Beifahrersitz neben mir entwickelte Julia in dem Moment Sensoren wie ein LIDAR-Radar. Ich weiß nicht, wann sie das Upgrade installiert hat. Ich weiß nur, dass sie es vorher nicht hatte. Auf einmal kamen Echtzeit-Warnungen: „Da kommen wir nicht durch.“ An jeder Kurve. An jedem Baum. An jedem entgegenkommenden Fiat Panda.

    Ich liebe meine Frau. Ich vertraue meiner Frau in den meisten Dingen. Aber bei der Frage, ob ein Audi A6 mit Wohnwagen-Anhänger durch eine kroatische Inselstraße passt, halte ich mich an folgende Erfahrungswerte:

    Julia ist die Frau, die in der Küche immer das kleinste Gefäß rausholt, dann feststellt, dass es zu klein ist, und alles in ein größeres Gefäß umschüttet. Bei jeder Mahlzeit. Seit 26 Jahren. Wer so konsistent das Volumen unterschätzt, bei dem ist die Live-LIDAR-Vermessung von kroatischen Inselstraßen mit Wohnwagen statistisch nicht zuverlässig.

    Also: „Ja, nö. Is klar.“ Weiterfahren. Spiegel checken. Tempo runter. Es passt. Es passt jedes Mal. Es hat noch nie nicht gepasst.

    In meinem Kopf läuft AC/DC. Highway to Hell. Mit Wohnwagen am Hacken. Mit einer LIDAR-Frau auf dem Beifahrersitz. Mit kroatischen Weight-Watchers-Straßen vor mir. Das ist der Soundtrack. Der ergibt sich von selbst.

    ▌ Hafenkino mit Freddy Quinn

    Endlich Lopar. Wir biegen auf den Campingplatz ein. Und jetzt, liebe Mitlesende, kommt der Teil, vor dem ich am meisten Respekt hatte: das Manövrieren des Wohnwagens auf den Stellplatz. Bei voller Belegung. Mit Publikum.

    Wer schon mal auf einem voll belegten Campingplatz einen Wohnwagen rangiert hat, der weiß: das ist Hafenkino. Sobald der Neue rollt, sitzen alle Bestandscamper plötzlich draußen. Bier in der Hand, Hund neben dem Stuhl, Augen auf den Anhänger. Hundert Mann und ein Befehl, und der Befehl heißt: zuschauen wie der Neue es probiert.

    In meinem Kopf läuft jetzt nicht mehr AC/DC. In meinem Kopf läuft Freddy Quinn. „Hundert Mann und ein Befehl, und ein Weg, den keiner will.“ Ich ziehe den Wohnwagen durch Stein und Sand, vorwärts, zurück, vorwärts, mit dem rechten Spiegel jede Schräge prüfen, mit dem linken Auge das Heck im Blick, mit der freien Hand die Kupplung durchgespielt wie auf einem Klavier.

    Wir waren auf dem Platz. Nicht perfekt ausgerichtet. Schief, eigentlich. Aber drauf. Wohnwagen drauf, Wänder dran, Bett drin. Geschafft.

    ▌ Akt 1 — Die Bumsbude bleibt am Hacken

    Ich dachte mir nur: Ätsch. Bin scheißegal wie wir stehen. Die Bumsbude bleibt am Hacken. Stützen ausfahren, Wasserschlauch anschließen, Vorzelt aufbauen, all das? Heute nicht. Heute nicht mehr. Heute nur noch ein einziges Programm: Tür auf, rein, Augen zu.

    Ich war zurück im Audi-Modus. Wo ich penne, penne ich. So einfach. So robust. So Lars.

    Kein Zelt aufbauen. Kein Luftbett aufpumpen. Kein Hering setzen. Einfach Tür auf, ins Bett, weg. So schön war der Traum. So schön.

    Man rechnet ja nicht mit einer Frau, die das Chaos nicht so liebt wie ich.

    Die Augenbraue zuckt. Das ist Frühwarnstufe eins, dokumentiert seit Jahren. Eine Augenbraue, die zuckt, ist ein Frühindikator. Sie kündigt Stufe zwei an. Stufe zwei ist: das Augenlid macht mit. Wenn die Augenbraue eine Rüttelplatte ist und das Augenlid einsteigt, dann sind wir nicht mehr in der Phase, in der man durch Schlafen-Gehen die Diskussion umgehen kann.

    Also: Bude nach den Sternen ausrichten. Bora-Strömungs-Analyse durchführen. Wir kennen die Bora ja schon, siehe Quest #065. Diesmal vorher. Diesmal preventive maintenance.

    Nicht mal Porsche testet so viel im Windkanal. Was wir an dem Abend an Aerodynamik-Berechnungen für einen 6-Meter-Wohnwagen auf einem kroatischen Sandboden durchgespielt haben, hätte für einen Marsmissions-Eintrittswinkel gereicht. Süd nach Nord, Sonnenstand morgens, Bora-Wahrscheinlichkeit, Schräglage zum Hang. Drei Mal umgestellt, zwei Mal nachjustiert, einmal die Stützen anders gesetzt.

    Schluss für heute. Sie hatte Einsicht. Schluss für heute, klingt wie Schluss. Ist aber nicht Schluss. Ist nur Schluss für heute. Den Unterschied verstand ich am nächsten Tag.

    ▌ Akt 2 — Das Sonnensegel

    Tag zwei. Das Sonnensegel. Das olle Ding muss aufgebaut werden. Kederleiste am Wohnwagen, Sonnensegel-Bahn einfädeln, drei Stangen rein, Federspannseile setzen — wegen möglichen Tornados. Tornados gibt es in Kroatien praktisch nie. Aber möglich ist möglich. Also Federspann.

    Aufgebaut. Funktional. Steht. Mein Auftrag erfüllt. Und jetzt — wie eine Ratte durchs Aquädukt — abhauen, bevor was Neues kommt. Ich kannte das Muster aus Quest #064 und #065 mittlerweile. Wenn etwas steht, geht es nicht lange, bis ein Mangel entdeckt wird. Also raus, an den Strand, weg.

    Am Strand: Druiden-Bär-Modus. Ich liege in der Sonne, Augen zu, von der Umwelt nichts mitbekommen. Das ist mein Erholungs-Default seit der Audi-Phase. Wo ich penne, penne ich. Egal ob Adria oder Atlantik.

    Irgendwann meldet sich der Hunger. Hunger bewegt den Kadaver. Der Kadaver bewegt sich Richtung WohnWacken. Ich war noch ungefähr vierzig Meter entfernt, als ich realisierte, was ich da sehe.

    Das war genau der Zeitpunkt, an dem ich hätte einfach weiterlaufen sollen. Vorbei. Nicht meiner. Nicht meiner. Einfach weitergehen, ist wie bei einem Autounfall. Du musst hinschauen. Aber du sollst nicht.

    1,53 Meter, mitten in unserem Sonnensegel verstrickt, wie ein Tarzan-Verschnitt im Liana-Geflecht. Plärrend. Knapp unterhalb der 4,2-Kilohertz-Banshee-Grenze, aber eindeutig in Richtung Nazgûl-Vorstufe.

    „Toll, auch mal da! Alles muss ich alleine machen!“

    Was war passiert? Das Sonnensegel hatte sich vom Winkel her in ein Spitzdach verwandelt. Eine Stange war eingeknickt, eine andere war zur Seite gerutscht, der ganze Aufbau hatte jetzt mehr Ähnlichkeit mit einer Tipi-Konstruktion als mit einem Sonnenschutz. Aber hey, was solls. Wenn es sie glücklich macht, soll es eben ein Spitzdach sein.

    Nur: glücklich war sie nicht.

    Der eigentliche Grund war nämlich nicht meine Statik. Der eigentliche Grund war: der Sand. Der Sand auf dem Campingplatz Lopar war nicht stabil genug für die Spannung der Federn. Die Häringe hatten sich rausgezogen. Die Seile hatten nachgegeben. Das Sonnensegel hatte sich in sich selbst zusammengezogen. Mit Julia drunter.

    Sie hatte was von einer Mumie. So eingewickelt. Stoffbahn um Stoffbahn. Drei Federn an strategischen Stellen — eine am Knöchel, eine an der Hüfte, eine an der Schulter. Sie konnte sich nicht bewegen, ohne dass irgendwo eine andere Feder wieder zog. Es war ein klassisches Stehende-Welle-Problem in einem Federsystem mit drei Knotenpunkten und einem unwilligen Insassen in der Mitte.

    ▌ Akt 3 — Die stille Erkenntnis

    Ich habe das Sonnensegel demontiert. Stange für Stange. Feder für Feder. Julia rausgewickelt wie eine sehr verärgerte Geburtstagsüberraschung.

    Wir saßen danach im Wohnwagen. Tür zu. Im Wohnwagen ist es ruhig. Im Wohnwagen wackelt nichts. Im Wohnwagen sind keine Schafe. Im Wohnwagen sind keine Stuka-Mücken. Im Wohnwagen kann auch keine Bora was tun, weil Wände.

    Erstmals seit dieser Trilogie war Julia in der Nacht nicht im Banshee-Modus. Erstmals war sie nicht im Hobby-Nazgûl-Modus. Sie hat geschlafen. Tief. Acht Stunden. Ohne Statik-Berechnung. Ohne Parselmouth.

    Ich auch.

    Es war die erste Nacht in Kroatien, die nicht durch eine Eskalations-Stufe gegangen ist. Wir hatten das Pattern gebrochen. Wir hatten verstanden, was wir wirklich brauchten.

    Es waren Wände.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ORT...............................: RAB / LOPAR│
    │  AUSRUESTUNG.......................: WOHNWAGEN  │
    │  WAENDE-VORHANDEN..................: JA         │
    │  FAHRZEIT BIS ANKUNFT..............: 19+ STD    │
    │  REISETEMPO LANDSTRASSE............: 80 KM/H    │
    │  REISETEMPO AUTOBAHN...............: 100 KM/H   │
    │  STRASSEN-WEIGHT-WATCHERS-LEVEL....: HOCH       │
    │  JULIA-LIDAR-RADAR.................: AKTIV      │
    │  JULIA-VOLUMEN-SCHAETZUNG..........: KONSERVATIV│
    │  KOLLISIONS-EREIGNISSE.............: 0          │
    │  HAFENKINO-PUBLIKUM................: 100 MANN   │
    │  RANGIER-SOUNDTRACK................: F. QUINN   │
    │  RANGIER-VERSUCHE..................: KEINE ZAHL │
    │  AUSRICHTUNG ENDPOSITION...........: SCHIEF     │
    │  WINDKANAL-ANALYSEN................: PORSCHE+1  │
    │  AUFSTELLUNG-NACHJUSTIERUNGEN......: 3          │
    │  SONNENSEGEL-AUFBAU................: SUCCESS    │
    │  SONNENSEGEL-STATIK................: SAND-FAIL  │
    │  JULIA-EINGEWICKELT-LEVEL..........: MUMIE      │
    │  FEDERN-KNOTENPUNKTE...............: 3          │
    │  PLAERR-FREQUENZ...................: ~3,8 KHZ   │
    │  HOBBY-NAZGUL-VORSTUFE.............: AKTIV      │
    │  ESKALATION-NACHT 2................: NEIN       │
    │  JULIA-SCHLAF NACHT 2..............: 8 STD      │
    │  LARS-SCHLAF NACHT 2...............: 8 STD      │
    │  PATTERN-GEBROCHEN.................: BESTAETIGT │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WAENDE WAREN RICHTIG <<           │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: WOHNWAGEN, RUECKBLICKEND OK<│
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Schlaf-Trilogie ist hiermit abgeschlossen. Sieben Nächte im Audi auf den Vordersitzen. Eine Bora-Nacht im Zelt mit Hobby-Nazgûl-Modus auf Maximum. Und schließlich: ein Wohnwagen, eine Mumie im Sonnensegel, und am Ende eine ruhige Nacht in Kroatien. Drei Stationen, drei Akte, ein roter Faden: Wir lernen, was wir brauchen, indem wir es nicht haben.

    Was hat uns der Wohnwagen gelehrt? Drei Dinge. Erstens: Anhängerkupplung-Fahren ist eine eigene Disziplin, die im Führerschein nicht abgedeckt ist. Zweitens: Aerodynamik-Berechnungen gehören zum Aufstellen, nicht erst beim Sturm. Drittens: Wenn man eine Frau aus einem Sonnensegel auswickelt, ist Schweigen die beste aller Optionen.

    Wir haben den Wohnwagen behalten. Wir sind oft wieder gefahren. Und der zentrale Trick — die Bumsbude bleibt am Hacken, ich gehe pennen — den hab ich nie wieder versucht. Das Wallenfelser Risiko-Management ist eindeutig: einmal ist Lehrgeld, zweimal ist Dummheit, dreimal ist Wiederholungstäter.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Erstens: Mein LIDAR funktioniert. Drei Mal hatte ich recht. Zwei Mal nicht. Das ist immer noch ein besserer Quoten-Wert als jede Wettervorhersage.

    Zweitens: Das mit den Gefäßen in der Küche stimmt. Ich nehme das kleinste, weil ich glaube, es reicht. Ich habe lieber zwei Mal kurz umgefüllt als einmal zu viel abgewaschen. Das ist Effizienz, nicht Volumen-Schätzfehler.

    Drittens: Im Sonnensegel war ich nicht freiwillig. Ich wollte nur schauen, ob die Federn stramm sitzen. Sie saßen zu stramm. Wer Federn auf weichem Sand spannt, der weiß was kommt. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es gemacht. Aber ich wusste es nicht.

    Viertens, was er nicht erzählt: Beim Hafenkino-Rangieren hat er drei Mal vergessen, in der Spurmitte zu bleiben. Wir standen am Ende mit einem Reifen auf der Nachbarparzelle. Der Nachbar war ein netter Niederländer, der sich nichts angemerkt hat. Aber er hat es gesehen.

    Fünftens: Ich habe in der Wohnwagen-Nacht sehr gut geschlafen. Das stimmt. Das war auch das Erste seit drei Sommern. Lars hat ein Recht, das in seinem Beitrag zu erwähnen. Wenn er weiterhin so vernünftig bleibt, sind wir auf einem guten Weg.


  • Bora gegen Zelt — Akt 2 der Schlaf-Trilogie

    Bora gegen Zelt — Akt 2 der Schlaf-Trilogie

    Quest #065 · Beziehungs-Tech · +200 XP · Trilogie 2/3

    Bora gegen Zelt — Akt 2 der Schlaf-Trilogie

    Wer Quest #064 gelesen hat, kennt die Erkenntnis: Sieben Nächte im Audi auf Rab haben uns gelehrt, dass ein Kombi kein Schlafzimmer ist. Wir kauften ein Zelt. Ein Zwei-Mann-Iglu, anständige Marke, plus Luftbett, plus richtige Schlafsäcke. Diesmal machen wir es richtig. Diesmal kommen wir vorbereitet. Diesmal wissen wir, was wir tun.

    Lokation: derselbe Campingplatz Lopar. Insel Rab. Kennen wir, mögen wir, gehen wir wieder hin. Diesmal mit Zelt. Was soll schon passieren.

    Die Antwort lautet: Bora.


    ▌ DIE BORA — DAS HAT UNS NIEMAND ERKLÄRT

    Die Bora ist ein Fallwind, der von den dinarischen Bergen zur Adria runterfällt. Er kommt plötzlich, er kommt heftig, er bleibt stundenlang. In den Reiseführern steht das. In den Reiseführern steht auch, dass die Bora vor allem im Winter auftritt. Was die Reiseführer dir nicht sagen: Sie kommt auch im Sommer. Sie kommt auch nachts. Sie kommt vor allem dann, wenn du gerade ein Zwei-Mann-Iglu auf einem kroatischen Campingplatz aufgestellt hast und denkst, du hast diesmal alles richtig gemacht.

    Mir war das egal. Ich kann auf einem Schiffsdeck schlafen, auf einer Werkstattbank, auf einem zu kurzen Audi-Fahrersitz. Wo ich penne, penne ich. Das ist eine Lebensregel, die selten zur Diskussion steht.

    Julia ist Jungfrau. Sternzeichen Jungfrau, mit allem was dazugehört. Ordnung, Vorausschau, Plan. Wer in einem Zelt liegt, das im Bora-Wind wackelt, ist kein Jungfrau-Charakter. Wer in einem wackelnden Zelt liegt, ist je nach Persönlichkeitstyp entweder amüsiert oder im Hobby-Nazgûl-Modus. Bei Julia: Letzteres.

    ▌ Die zwei Modi von Julia, kurz erklärt

    Bevor ich weitererzähle, muss ich kurz erklären, wie Julias Notfallsystem funktioniert. Das ist Wallenfelser Lebenshilfe, kostet nichts, hilft aber.

    Julia hat zwei Eskalationsstufen, sauber dokumentiert in Quest #062 und #064:

    • Banshee-Modus — eine reine Frequenz, 4,2 Kilohertz, ausgelöst durch Spinnen, Schafe, plötzliche Tiergeräusche.
    • Hobby-Nazgûl-Modus — das ist Stufe zwei. Hier kommt nicht nur eine Frequenz raus. Hier kommt ein Zischen raus, eine Sprache wie bei Harry Potter und der Schlange, also Parselmouth. Plus rotglühende Augen. Plus die Fähigkeit, gleichzeitig Statik zu berechnen und Konsequenzen abzuleiten.

    Auslöser für Stufe eins: irgendwas, das sich bewegt, wo es sich nicht bewegen sollte.

    Auslöser für Stufe zwei: irgendwas, das einstürzen könnte. Ein wackelndes Zelt fällt in Kategorie zwei. Sehr klar.

    ▌ Akt 1 — Bob der Baumeister wacht auf

    Erste Nacht im Zelt. Luftbett aufgepumpt, Schlafsäcke ausgerollt, Heringe gesetzt nach Schema F. Wir liegen drin. Es ist warm. Es riecht nach neuem Zeltstoff. Ich denke: Diesmal haben wir’s.

    Dann fängt der Wind an. Erst leise. Dann lauter. Dann nicht mehr Wind, sondern Bora. Der Zeltstoff fängt an zu flattern. Das Iglu wackelt. Die Heringe halten — die Heringe haben heute Nacht nichts anderes zu tun als zu halten — aber das Tuch zwischen den Heringen, das wackelt. Sehr deutlich. Mit Schwingungsamplituden, die ich aus aerodynamischer Sicht spannend, aus schlafphysikalischer Sicht aber egal finde.

    Ich penne weg. Wo ich penne, penne ich. Druiden-Modus aktiv: Lars verwandelt sich kurz vor dem Tiefschlaf zum Bär, Bär hat einen sehr robusten Schlafrhythmus, Bär kümmert sich nicht um Wind.

    Julia kümmert sich um Wind. Julia ist im Bob-der-Baumeister-Modus. Sie analysiert die Heringe (vier Stück, 18 cm, zwei davon im weichen Sand). Sie analysiert die Stangenkonstruktion (zwei gekreuzte Fiberglas-Stangen, fragwürdig). Sie analysiert die Windrichtung (stabil aus Nordost, also Bora-typisch). Sie kommt zum statischen Ergebnis: „Das hält nicht.“

    Das statische Ergebnis ist falsch. Das Zelt ist eine ordentliche Marke, der Zeltstoff macht das mit, die Stangen sind robuster als sie aussehen. Das hält. Das hält definitiv. Aber das ist ein Argument, das man nicht gewinnt gegen jemanden, der gerade Statik in Echtzeit berechnet, während ein Druiden-Bär neben ihm pennt.

    Aus Bob der Baumeister wird in dem Moment, in dem die Berechnung abgeschlossen ist, Hobby-Nazgûl. Stoßartig. Ohne Übergang.

    ▌ Akt 2 — Pech für mich, kein Ring zum Verschwinden

    Wer von einem Hobby-Nazgûl im Schlafsack neben sich geweckt wird, hat zwei Optionen. Option eins: Ring überstreifen, unsichtbar werden, Frodo machen. Pech für mich, ich hatte keinen Ring. Option zwei: Reißverschluss vom Schlafsack ziehen und versuchen herauszufinden, was passiert.

    Ich ziehe den Schlafsack einen Spalt auf. Eine Lucke. Damit ich hören kann. Was ich höre, ist 4,2 Kilohertz. Reine Banshee-Frequenz, exakt wie damals zu Hause bei der Spinne (Quest #062), exakt wie die erste Nacht im Auto bei den Schafen (Quest #064). Die Frequenz ist konsistent. Die Welt ist konsistent. Was sich geändert hat, ist die Lautstärke.

    Hilft nur eins: Frequenz-Filter. Mental einen Filter zwischen Trommelfell und Hirn schalten, der den 4,2-KHz-Ton wegrechnet, damit man die Inhalte versteht. Inhalte sind nämlich wichtig, wenn man wissen will, was gerade Krise ist.

    Filter rein. Innere Checkliste anwerfen, Wallenfelser-Krisen-Diagnostik:

    1. Schafe? Nein.
    2. Stuka-Mücken? Nein.
    3. Beides gleichzeitig? Nein.

    Also keine bekannten Auslöser. Also was Neues. Zweite Lucke aufmachen, einen Blick raus, aufsetzen.

    Mein Puls fährt schon hoch. „Was is?“ Das ist mein erster Satz. Eine Frage, die ich in einer angemessenen Lautstärke und Tonlage stelle, weil ich noch glaube, ich befinde mich in einer Diskussion.

    ▌ Akt 3 — Parselmouth, Sauron, eine LED

    Was Julia in dem Moment macht, ist eine Kombination, die ich vorher noch nicht gesehen hatte und auch nachher nicht mehr in dieser Reinheit. Bob der Baumeister wird Hobby-Nazgûl wird Parselmouth. Eine Sprache zischt aus ihr heraus, die ich nicht verstehe. Es klingt nicht deutsch. Es klingt nicht kroatisch. Es klingt wie Harry Potter und der Stein der Weisen, Szene mit der Schlange im Zoo, nur intensiver.

    Meine Augen und meine Gehörgänge sind in dem Moment überfordert. Mein Hirn versucht parallel zu verarbeiten: das Zischen, die Lichtblitze einer Stirnlampe, die irgendwie wieder im Spiel ist, die wackelnde Zeltplane, und die Tatsache, dass ich vor zwei Minuten noch im Druiden-Bär-Tiefschlaf war. Drei Zahnräder in meinem Hirn drehen sich sehr langsam. Sie verlangsamen sich weiter, bis sie nur noch in Morsezeichen übergehen. 120 Anschläge pro Minute wären normalerweise gut lesbar. Was bei mir ankommt, ist deutlich langsamer.

    Aber ein Ton kommt durch. Ein einziger, langgezogener Ton, der signalisiert: Wenn du jetzt nichts machst, wird das gleich deine Herzfrequenz.

    Nur — was machen?

    Mein Hirn versucht zu raten. Reflexartig kommt mir der Multipass aus dem fünften Element in den Kopf. Das ist absurd. Das ist auch nicht hilfreich. Der Multipass ist nicht das Richtige. Mächtig badabum. Egal.

    Erst dann bemerke ich das Flattern der Zeltplane. Den Bora-Wind. Die Bewegung. Den eigentlichen Auslöser. In dem Moment, in dem ich es erkenne, sehe ich Julias Augen — und in den Augen ist da ein Glühen, neben dem Sauron eine kleine LED wäre. Reines Orange-Rot. Volle Bewässerung der Iris. Hobby-Nazgûl auf Maximum.

    Es dauert 15 Minuten, bis Ruhe in der Bude ist. Mit Heringen nachschlagen, mit Sturmleinen nachspannen, mit der Zusicherung, dass das Zelt hält. Das ist eine Zusicherung, die ich gebe ohne tiefere bautechnische Begründung, weil ich weiß, dass eine Zusicherung gerade nötiger ist als eine Berechnung.

    Ruhe ist eingekehrt. Aber Julia schläft die ganze Nacht nicht. Es könnte ja alles einstürzen.

    Es ist nichts eingestürzt. Das Zelt hat gehalten. Die Heringe haben gehalten. Die Stangen haben gehalten. Nur die Stimmung hat nicht gehalten.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ORT...............................: RAB / LOPAR│
    │  AUSRUESTUNG.......................: 2-MANN-ZELT│
    │  LUFTBETT-STATUS...................: AUFGEPUMPT │
    │  WIND-EREIGNIS.....................: BORA       │
    │  WIND-RICHTUNG.....................: NORDOST    │
    │  HERINGE GESETZT...................: 4 / 4      │
    │  HERINGE IM SAND...................: 2 (WEICH)  │
    │  ZELTSTOFF-FLATTER-MODUS...........: AKTIV      │
    │  LARS-DRUIDEN-BAER-MODUS...........: AKTIV      │
    │  JULIA-BOB-DER-BAUMEISTER..........: AKTIV      │
    │  STATIK-BERECHNUNG.................: NEGATIV    │
    │  ESKALATIONS-STUFE 1...............: BANSHEE    │
    │  ESKALATIONS-STUFE 2...............: NAZGUL     │
    │  PARSELMOUTH-EREIGNIS..............: BESTAETIGT │
    │  AUGEN-GLUEHEN-INTENSITAET.........: SAURON+1   │
    │  LARS-RING-VORHANDEN...............: NEIN       │
    │  HIRN-ZAHNRAEDER...................: 3          │
    │  ANSCHLAEGE-PRO-MINUTE.............: < 120      │
    │  MULTIPASS-REFLEX..................: AUSGELOEST │
    │  MULTIPASS-RICHTIG.................: NEIN       │
    │  RUHE-NACH-EINGRIFF................: 15 MIN     │
    │  ZELT-INTAKT MORGENS...............: JA         │
    │  JULIA-SCHLAF......................: 0 MIN      │
    │  LARS-SCHLAF.......................: AUCH WENIG │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: ZELT WAR FALSCH <<                │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: WAS MIT WAENDEN <<          │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Am nächsten Morgen war das Zelt weg. Nicht abgebaut, nicht eingepackt — weg. An einem anderen Ort. Es war irgendwie zu den Bäumen gewandert, etwa zwanzig Meter weiter, in eine Position, die weniger windexponiert war, dafür aber direkt unter zwei kräftigen Pinienästen stand.

    Ich stand mit meinem Lageplan da, überfordert, auf der Suche nach 1,53 Metern und meinem Zelt. Beides fand ich an der neuen Position. Beides war nicht zufällig dort. Wer einen Pinienast über sich hat, der nicht ganz dünn ist, braucht in dieser Nacht nicht viel zu tun. Der Ast tut es vielleicht selbst.

    Ich glaube, sie hat auf einen Ast gehofft, der auf mich fällt. Nach der Nacht. Nach der Bora. Nach dem, was im Zelt passiert war, das nichts war, aber alles auslöste.

    Es ist kein Ast gefallen. Aber Zelten war damit gestorben. Wir kauften einen Wohnwagen. (Siehe Quest #066 — Akt 3 der Schlaf-Trilogie.)


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Erstens: Ich habe nicht Parselmouth gesprochen. Ich habe Deutsch gesprochen. Auf Deutsch, klar artikuliert, etwas hektisch, aber Deutsch. Wenn Lars das nicht versteht, ist das ein Empfänger-Problem, kein Sender-Problem.

    Zweitens: Das Zelt hat gewackelt. Das war kein Bauchgefühl, das war messbar. Wer in einem wackelnden Zelt seelenruhig schläft, hat entweder einen sehr robusten Glauben an Heringe oder ein sehr gutes Verdrängungssystem. Bei Lars: Letzteres.

    Drittens: Das mit dem Ast war ein Witz. Vermutlich. Wir verlassen es dabei.

    Viertens, was er nicht erzählt: Beim Zelt-Aufbau hat er die Anleitung weggelegt nach drei Sekunden. „Das geht intuitiv.“ Den Satz hat er gesagt, bevor er die Querstange falsch herum eingefädelt hat. Wir haben dreißig Minuten Korrektur gebraucht. In dieser halben Stunde habe ich gelernt, dass Audi und Iglu zwei sehr verschiedene Bauwerke sind. Und dass Lars in beiden mit der gleichen Methode rangeht: Drauflos, dann nachjustieren. Bei Audi geht das. Bei Iglu kostet das Heringe.


  • Sieben Naechte im A6 auf der Insel Rab — Akt 1 der Schlaf-Trilogie

    Sieben Naechte im A6 auf der Insel Rab — Akt 1 der Schlaf-Trilogie

    Quest #064 · Beziehungs-Tech · +200 XP · Trilogie 1/3

    Sieben Nächte im A6 auf der Insel Rab — Akt 1 der Schlaf-Trilogie

    Es gibt eine Phase im Leben jedes Paares, in der man sagt: Wir brauchen kein Hotel. Wir können das. Wir nehmen das Auto, wir packen ein bisschen Zeug ein, wir fahren los. Wenn die Müdigkeit kommt, klappen wir die Sitze nach hinten und schlafen. Das ist robust. Das ist günstig. Das ist Abenteuer.

    Diese Phase hatten wir auch. Sie dauerte sieben Nächte, fand auf der Insel Rab statt, Campingplatz Lopar, und endete mit der Erkenntnis, dass ein Audi A6 Avant viele bemerkenswerte Eigenschaften hat. Eine ausreichende Schlaffläche für zwei Erwachsene gehört nicht dazu.


    ▌ DER PLAN — RICHTIG GEDACHT, FALSCH UMGESETZT

    Der Plan war einfach. Wir fahren mit dem Audi nach Kroatien, Insel Rab, Campingplatz Lopar. Wir buchen einen Stellplatz. Wir schlafen im Auto. Wir sparen das Hotel. Wir sind robust. Wir sind erwachsene Menschen mit einem Kombi, der hinten umgelegt eine vollkommen ausreichende Liegefläche bietet.

    Das Wort umgelegt ist hier wichtig. Damit der Plan funktioniert, muss die Rückbank umklappbar sein. Damit die Rückbank umklappbar ist, muss der Kofferraum leer sein. Damit der Kofferraum leer ist, darf man nicht packen, als würde man auswandern.

    Julia packt, als würden wir auswandern.

    Sie packt vorausschauend, gewissenhaft, mit dem Anspruch, dass wir auf jeden denkbaren Notfall vorbereitet sind. Verbandskasten doppelt. Drei Sorten Schuhe. Ein Wasserkocher. Ein Reisetauchsieder als Backup zum Wasserkocher. Vorräte für sieben Tage, weil man weiß ja nie, ob die Geschäfte sonntags offen haben. Eine zweite Garnitur Bettzeug, weil was ist wenn das andere nass wird. Eine ganze gelbe Box mit etwas, das ich bis heute nicht weiß, was es war.

    Ergebnis: Der Kofferraum war voll. Bis unter die Heckscheibe. Die Rückbank war nicht umlegbar. Die Liegefläche, die der ganze Plan brauchte, existierte nicht.

    Das haben wir aber erst gemerkt, als wir nach 19 Stunden Fahrt auf dem Campingplatz Lopar standen, die Heckklappe geöffnet hatten und wussten: Hier wird heute Nacht keiner liegen.

    ▌ Die Lösung: Vordersitze, Lehne flach, Augen zu

    Was macht man, wenn man nach 19 Stunden Fahrt auf einem kroatischen Campingplatz steht, der Kofferraum voll ist und kein Hotel-Zimmer in Reichweite? Man improvisiert. Lehnen flach, Sitzkissen so weit wie möglich nach hinten, Bettdecke aus dem Kofferraum gefingert, Schuhe aus.

    Ich auf dem Fahrersitz. 1,80 Meter, mehr oder weniger. Der Audi-Fahrersitz ist nicht für 1,80 Meter Schlafposition gebaut. Das Lenkrad ist im Weg. Die Pedale sind im Weg. Die Mittelkonsole ist besonders im Weg, weil sie eine erhabene Trennwand zur Beifahrerseite bildet, an der der linke Ellbogen über sieben Tage einen blauen Fleck bekommt, den ich heute noch identifizieren kann, wenn ich genau hinschaue.

    Julia auf dem Beifahrersitz. 1,53 Meter. Sie kann sich zusammenrollen wie eine Katze, mit allen Gliedmaßen sauber innerhalb der Sitzfläche, ohne dass irgendwas absteht oder anschlägt. Das ist eine Fähigkeit, die ich nicht habe, die ich nie haben werde, und die in dieser Woche zum ersten Mal in meinem Leben unmittelbar als Vorteil sichtbar wurde. Wenn man Julia nachts im Beifahrersitz sieht, sieht man einen kleinen, friedlichen Knäuel. Es sieht beneidenswert aus.

    Erste Nacht. 19 Stunden Fahrt im Adrenalin-Modus. Endlich Augen zu. Müde wie ein Bär im Winterschlaf. Und dann passiert: das.

    ▌ AKT 1 — Die Schaf-Banshee

    Auf dem Campingplatz Lopar laufen nachts Schafe. Das stand nicht in der Buchungsbestätigung. Das stand auch nicht in den Reise-Foren. Das war eine kroatische Eigenheit, die wir vor Ort kennenlernen durften: Es gibt freilaufende Schafe, sie kommen abends rein, sie laufen zwischen den Wohnwagen herum, sie machen das schon immer so, der Platzwart winkt freundlich.

    Die Schafe wussten nicht, dass im Audi geschlafen wurde. Sie kamen näher. Sie standen direkt neben unserem Auto. Eines davon machte ein Geräusch — vermutlich völlig normal, aus Schaf-Sicht — direkt neben Julias Beifahrer-Fenster.

    Julia ist im Banshee-Modus. Sofort.

    Wer Quest #062 gelesen hat, kennt die Frequenz. 4,2 Kilohertz. Es ist exakt die gleiche Frequenz wie damals zu Hause bei der Spinne. Es ist eine reine Note, eine einzelne Schwingung, irgendwo zwischen Walisisch und einem mittelalterlichen Klagelied. Das System ist konsistent. Egal ob fränkisches Schlafzimmer oder kroatischer Sandboden — Spinne, Schaf, beides löst das gleiche aus.

    Ich, eben noch tief weggetreten, sitze gefühlt eine Zehntelsekunde später kerzengerade auf dem Fahrersitz wie nach einer Europalette Red Bull. Hirn 100 Prozent online, Herzfrequenz auf Marathonniveau, Adrenalin auf Notfallausschüttung. Schaf weg. Julia auch wieder ruhig. „Gib a Ruh, schlaf weiter.“ Sagt sich leicht.

    Ich habe noch nie in meinem Leben mit einer Europalette Red Bull in der Blutbahn versucht zu schlafen. Es funktioniert nicht. Was funktioniert, ist eine halbe Stunde an die Decke des Audi starren und überlegen, ob das, was eben war, wirklich passiert ist.

    ▌ AKT 2 — Die Stuka-Mücken

    Was passiert, wenn man auf einem mediterranen Campingplatz die Fenster einen Spalt offen lässt, weil im geschlossenen Audi mit zwei Erwachsenen die Luft nach drei Stunden den Sauerstoffgehalt eines Mondbodens hat? Richtig. Es kommen Mücken rein.

    Die kroatische Mücke ist nicht die deutsche Mücke. Die deutsche Mücke surrt höflich, lässt sich vertreiben, gibt nach drei Versuchen auf. Die kroatische Mücke fliegt im Stuka-Modus. Sie geht in den Sturzflug, sie zielt präzise, sie schreit dabei. Sie kommt im Verband. Sie hat Strategie.

    Julia ist nicht mehr in einem Modus, der einen Namen hat. Julia ist im Flugabwehr-Modus. Sie hat eine Flag-Sprühdose. Sie hat eine Stirnlampe. Sie hat eine Fliegenklatsche, die ich überhaupt nicht erinnern kann eingepackt zu haben. Sie ist hellwach, kompetent, koordiniert.

    Was im Audi-Innenraum jetzt passiert, lässt sich am ehesten so beschreiben: Lichtblitze. Stirnlampe an, Stirnlampe aus, Stirnlampe schwenkt durch den Innenraum auf der Suche nach dem nächsten Stuka, Flag-Spray sirrt, Klatsche schlägt zu. Alles im Wechsel. Im Sekundentakt.

    Ich sitze immer noch auf dem Fahrersitz, mit einer Europalette Red Bull intus, mit einer halben Stunde Decken-Anstarren hinter mir, und beobachte, wie meine 1,53-Meter-Frau in einem deutschen Kombi auf einer kroatischen Insel im Dunkeln Mücken bekämpft. Mit Flutlicht.

    Mein Hirn versteht das nicht. Mein Hirn ist seit 19 Stunden Fahrt plus Schaf-Schock plus jetzt-noch-Mücken-Stuka über das Limit gefahren. Mein Hirn denkt: Bunker. Berlin. Flugabwehr. Das ist medizinisch nicht akkurat. Das ist auch zeitlich nicht akkurat. Aber so funktioniert ein überlastetes Hirn.

    ▌ AKT 3 — Master-Reset zum Neandertaler

    Was an dieser Stelle in meinem Kopf passiert, lässt sich technisch am besten beschreiben als ein Master-Reset. Die Schlaf-Wach-Schlaf-Sequenz, kombiniert mit den intermittierenden Lichtblitzen im Auto-Innenraum, hat das System überfordert. Hirn neu programmiert. Zurückgesetzt zur Werkseinstellung. Die Werkseinstellung von einem überforderten Lars um 03:30 Uhr nach 22 Stunden ohne Schlaf ist: Neandertaler.

    Aus dem Neandertaler-Lars kommen nur noch Kernsätze. Konkret zwei.

    • „Tötet es mit Feuer.“
    • „Gib endlich a Ruh, ich will pennen.“

    Beide Sätze sind nicht konstruktiv. Beide Sätze tragen nichts zur Mückenbekämpfung bei. Beide Sätze werden von Julia ignoriert, weil Julia gerade Krieg führt und keine Zeit für Kommentare aus dem Fahrersitz hat.

    Irgendwann, ich weiß nicht wann, sind die Mücken weg. Oder die Stirnlampe leer. Oder Julia eingeschlafen. Egal welches davon — bei mir gehen die Lichter aus. Endgültig. Bewusstlos in der Schräglage Fahrersitz, Lenkrad einen Zentimeter vom Kinn entfernt, linker Ellbogen an der Mittelkonsole, Bettdecke halb auf dem Boden.

    Vier Stunden Schlaf. Erste Nacht. Sechs noch zu gehen.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ORT...............................: RAB / LOPAR│
    │  FAHRZEIT BIS ANKUNFT..............: 19 STD     │
    │  GEPLANTE LIEGEFLAECHE.............: KOFFERRAUM │
    │  TATSAECHLICHE LIEGEFLAECHE........: VORDERSITZE│
    │  GRUND.............................: PACKVOLUMEN│
    │  LARS GROESSE......................: 1,80 M     │
    │  JULIA GROESSE.....................: 1,53 M     │
    │  JULIA-KATZEN-MODUS................: AKTIV      │
    │  LARS-KATZEN-MODUS.................: NICHT VERFG│
    │  SCHAF-SICHTKONTAKTE NACHT 1.......: 1          │
    │  BANSHEE-FREQUENZ..................: 4,2 KHZ    │
    │  RED-BULL-AEQUIVALENT IN BLUTBAHN..: 1 PALETTE  │
    │  MUECKEN-MODUS.....................: STUKA      │
    │  MUECKEN-FORMATION.................: VERBAND    │
    │  FLAG-SPRAY-FUELLSTAND NACHT 1.....: 80%        │
    │  FLAG-SPRAY-FUELLSTAND NACHT 7.....: 0%         │
    │  STIRNLAMPEN-EINSAETZE.............: ZAHLREICH  │
    │  HIRN-RESET........................: NEANDERT.  │
    │  KERNSAETZE NACH RESET.............: 2          │
    │  SCHLAF-NETTO NACHT 1..............: 4 STD      │
    │  GESAMT-NAECHTE IM AUDI............: 7          │
    │  ELLBOGEN-BLAU-FLECK...............: PERMANENT  │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WIR BRAUCHEN EIN ZELT <<          │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: ZELT, BEIM NAECHSTEN MAL <<│
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die anderen sechs Nächte waren nicht alle wie die erste. Manche waren ruhiger. An einer Nacht hat es geregnet, da blieben die Mücken weg und die Schafe auch. An einer anderen Nacht haben Touristen aus dem Wohnwagen nebenan eine Geburtstagsfeier gefeiert, die offiziell um zehn Uhr aufhörte und inoffiziell um halb drei. Aber im Großen und Ganzen haben wir es überstanden, sieben Nächte, in einem Audi A6 Avant auf einem kroatischen Campingplatz, ohne dass die Ehe gelitten hätte.

    Die Erkenntnis dieser Woche war einfach: Ein Auto ist ein Fortbewegungsmittel. Ein Auto ist kein Schlafzimmer. Wer beides will, muss eine Lehne flach kippen — und mit dem Wissen leben, dass das Lenkrad sich am Kinn nicht in Wohlfühlmöbel verwandelt, nur weil man fest die Augen schließt.

    Wir kauften ein Zelt. Beim nächsten Mal, sagten wir, machen wir das richtig. (Siehe Quest #065 — Akt 2 der Schlaf-Trilogie.)


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich habe nicht überpackt. Ich habe für sieben Tage gepackt. Wer für sieben Tage Urlaub Ersatz-Bettzeug, einen Wasserkocher und Vorräte einpackt, ist nicht überpackt. Wer für sieben Tage Urlaub denkt, eine Zahnbürste reicht, der hat nie zwei Stunden auf einer kroatischen Insel verbracht, an einem Sonntag, mit geschlossenen Geschäften.

    Was er nicht erzählt: Er hat die ganze Schlaf-im-Auto-Idee gehabt. Ich hatte vorgeschlagen, ein Hostel zu buchen. Er sagte: „Brauchen wir nicht, der Audi ist groß genug.“ Ich habe gesagt: „Bist du dir sicher?“ Er sagte: „Ja.“ Den Satz hat er sieben Nächte lang in verschiedenen Tonlagen wiederholt. Am siebten Tag in der Tonlage „Wir kaufen ein Zelt.“

    Die Schafe waren übrigens niedlich. Man muss sie nur einmal kennenlernen, dann weiß man, dass sie nichts Böses wollen. Lars hat das nach drei Tagen verstanden. In den ersten zwei Nächten dachte er noch, sie wären die Vorhut von etwas Größerem.