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  • Bora gegen Zelt — Akt 2 der Schlaf-Trilogie

    Bora gegen Zelt — Akt 2 der Schlaf-Trilogie

    Quest #065 · Beziehungs-Tech · +200 XP · Trilogie 2/3

    Bora gegen Zelt — Akt 2 der Schlaf-Trilogie

    Wer Quest #064 gelesen hat, kennt die Erkenntnis: Sieben Nächte im Audi auf Rab haben uns gelehrt, dass ein Kombi kein Schlafzimmer ist. Wir kauften ein Zelt. Ein Zwei-Mann-Iglu, anständige Marke, plus Luftbett, plus richtige Schlafsäcke. Diesmal machen wir es richtig. Diesmal kommen wir vorbereitet. Diesmal wissen wir, was wir tun.

    Lokation: derselbe Campingplatz Lopar. Insel Rab. Kennen wir, mögen wir, gehen wir wieder hin. Diesmal mit Zelt. Was soll schon passieren.

    Die Antwort lautet: Bora.


    ▌ DIE BORA — DAS HAT UNS NIEMAND ERKLÄRT

    Die Bora ist ein Fallwind, der von den dinarischen Bergen zur Adria runterfällt. Er kommt plötzlich, er kommt heftig, er bleibt stundenlang. In den Reiseführern steht das. In den Reiseführern steht auch, dass die Bora vor allem im Winter auftritt. Was die Reiseführer dir nicht sagen: Sie kommt auch im Sommer. Sie kommt auch nachts. Sie kommt vor allem dann, wenn du gerade ein Zwei-Mann-Iglu auf einem kroatischen Campingplatz aufgestellt hast und denkst, du hast diesmal alles richtig gemacht.

    Mir war das egal. Ich kann auf einem Schiffsdeck schlafen, auf einer Werkstattbank, auf einem zu kurzen Audi-Fahrersitz. Wo ich penne, penne ich. Das ist eine Lebensregel, die selten zur Diskussion steht.

    Julia ist Jungfrau. Sternzeichen Jungfrau, mit allem was dazugehört. Ordnung, Vorausschau, Plan. Wer in einem Zelt liegt, das im Bora-Wind wackelt, ist kein Jungfrau-Charakter. Wer in einem wackelnden Zelt liegt, ist je nach Persönlichkeitstyp entweder amüsiert oder im Hobby-Nazgûl-Modus. Bei Julia: Letzteres.

    ▌ Die zwei Modi von Julia, kurz erklärt

    Bevor ich weitererzähle, muss ich kurz erklären, wie Julias Notfallsystem funktioniert. Das ist Wallenfelser Lebenshilfe, kostet nichts, hilft aber.

    Julia hat zwei Eskalationsstufen, sauber dokumentiert in Quest #062 und #064:

    • Banshee-Modus — eine reine Frequenz, 4,2 Kilohertz, ausgelöst durch Spinnen, Schafe, plötzliche Tiergeräusche.
    • Hobby-Nazgûl-Modus — das ist Stufe zwei. Hier kommt nicht nur eine Frequenz raus. Hier kommt ein Zischen raus, eine Sprache wie bei Harry Potter und der Schlange, also Parselmouth. Plus rotglühende Augen. Plus die Fähigkeit, gleichzeitig Statik zu berechnen und Konsequenzen abzuleiten.

    Auslöser für Stufe eins: irgendwas, das sich bewegt, wo es sich nicht bewegen sollte.

    Auslöser für Stufe zwei: irgendwas, das einstürzen könnte. Ein wackelndes Zelt fällt in Kategorie zwei. Sehr klar.

    ▌ Akt 1 — Bob der Baumeister wacht auf

    Erste Nacht im Zelt. Luftbett aufgepumpt, Schlafsäcke ausgerollt, Heringe gesetzt nach Schema F. Wir liegen drin. Es ist warm. Es riecht nach neuem Zeltstoff. Ich denke: Diesmal haben wir’s.

    Dann fängt der Wind an. Erst leise. Dann lauter. Dann nicht mehr Wind, sondern Bora. Der Zeltstoff fängt an zu flattern. Das Iglu wackelt. Die Heringe halten — die Heringe haben heute Nacht nichts anderes zu tun als zu halten — aber das Tuch zwischen den Heringen, das wackelt. Sehr deutlich. Mit Schwingungsamplituden, die ich aus aerodynamischer Sicht spannend, aus schlafphysikalischer Sicht aber egal finde.

    Ich penne weg. Wo ich penne, penne ich. Druiden-Modus aktiv: Lars verwandelt sich kurz vor dem Tiefschlaf zum Bär, Bär hat einen sehr robusten Schlafrhythmus, Bär kümmert sich nicht um Wind.

    Julia kümmert sich um Wind. Julia ist im Bob-der-Baumeister-Modus. Sie analysiert die Heringe (vier Stück, 18 cm, zwei davon im weichen Sand). Sie analysiert die Stangenkonstruktion (zwei gekreuzte Fiberglas-Stangen, fragwürdig). Sie analysiert die Windrichtung (stabil aus Nordost, also Bora-typisch). Sie kommt zum statischen Ergebnis: „Das hält nicht.“

    Das statische Ergebnis ist falsch. Das Zelt ist eine ordentliche Marke, der Zeltstoff macht das mit, die Stangen sind robuster als sie aussehen. Das hält. Das hält definitiv. Aber das ist ein Argument, das man nicht gewinnt gegen jemanden, der gerade Statik in Echtzeit berechnet, während ein Druiden-Bär neben ihm pennt.

    Aus Bob der Baumeister wird in dem Moment, in dem die Berechnung abgeschlossen ist, Hobby-Nazgûl. Stoßartig. Ohne Übergang.

    ▌ Akt 2 — Pech für mich, kein Ring zum Verschwinden

    Wer von einem Hobby-Nazgûl im Schlafsack neben sich geweckt wird, hat zwei Optionen. Option eins: Ring überstreifen, unsichtbar werden, Frodo machen. Pech für mich, ich hatte keinen Ring. Option zwei: Reißverschluss vom Schlafsack ziehen und versuchen herauszufinden, was passiert.

    Ich ziehe den Schlafsack einen Spalt auf. Eine Lucke. Damit ich hören kann. Was ich höre, ist 4,2 Kilohertz. Reine Banshee-Frequenz, exakt wie damals zu Hause bei der Spinne (Quest #062), exakt wie die erste Nacht im Auto bei den Schafen (Quest #064). Die Frequenz ist konsistent. Die Welt ist konsistent. Was sich geändert hat, ist die Lautstärke.

    Hilft nur eins: Frequenz-Filter. Mental einen Filter zwischen Trommelfell und Hirn schalten, der den 4,2-KHz-Ton wegrechnet, damit man die Inhalte versteht. Inhalte sind nämlich wichtig, wenn man wissen will, was gerade Krise ist.

    Filter rein. Innere Checkliste anwerfen, Wallenfelser-Krisen-Diagnostik:

    1. Schafe? Nein.
    2. Stuka-Mücken? Nein.
    3. Beides gleichzeitig? Nein.

    Also keine bekannten Auslöser. Also was Neues. Zweite Lucke aufmachen, einen Blick raus, aufsetzen.

    Mein Puls fährt schon hoch. „Was is?“ Das ist mein erster Satz. Eine Frage, die ich in einer angemessenen Lautstärke und Tonlage stelle, weil ich noch glaube, ich befinde mich in einer Diskussion.

    ▌ Akt 3 — Parselmouth, Sauron, eine LED

    Was Julia in dem Moment macht, ist eine Kombination, die ich vorher noch nicht gesehen hatte und auch nachher nicht mehr in dieser Reinheit. Bob der Baumeister wird Hobby-Nazgûl wird Parselmouth. Eine Sprache zischt aus ihr heraus, die ich nicht verstehe. Es klingt nicht deutsch. Es klingt nicht kroatisch. Es klingt wie Harry Potter und der Stein der Weisen, Szene mit der Schlange im Zoo, nur intensiver.

    Meine Augen und meine Gehörgänge sind in dem Moment überfordert. Mein Hirn versucht parallel zu verarbeiten: das Zischen, die Lichtblitze einer Stirnlampe, die irgendwie wieder im Spiel ist, die wackelnde Zeltplane, und die Tatsache, dass ich vor zwei Minuten noch im Druiden-Bär-Tiefschlaf war. Drei Zahnräder in meinem Hirn drehen sich sehr langsam. Sie verlangsamen sich weiter, bis sie nur noch in Morsezeichen übergehen. 120 Anschläge pro Minute wären normalerweise gut lesbar. Was bei mir ankommt, ist deutlich langsamer.

    Aber ein Ton kommt durch. Ein einziger, langgezogener Ton, der signalisiert: Wenn du jetzt nichts machst, wird das gleich deine Herzfrequenz.

    Nur — was machen?

    Mein Hirn versucht zu raten. Reflexartig kommt mir der Multipass aus dem fünften Element in den Kopf. Das ist absurd. Das ist auch nicht hilfreich. Der Multipass ist nicht das Richtige. Mächtig badabum. Egal.

    Erst dann bemerke ich das Flattern der Zeltplane. Den Bora-Wind. Die Bewegung. Den eigentlichen Auslöser. In dem Moment, in dem ich es erkenne, sehe ich Julias Augen — und in den Augen ist da ein Glühen, neben dem Sauron eine kleine LED wäre. Reines Orange-Rot. Volle Bewässerung der Iris. Hobby-Nazgûl auf Maximum.

    Es dauert 15 Minuten, bis Ruhe in der Bude ist. Mit Heringen nachschlagen, mit Sturmleinen nachspannen, mit der Zusicherung, dass das Zelt hält. Das ist eine Zusicherung, die ich gebe ohne tiefere bautechnische Begründung, weil ich weiß, dass eine Zusicherung gerade nötiger ist als eine Berechnung.

    Ruhe ist eingekehrt. Aber Julia schläft die ganze Nacht nicht. Es könnte ja alles einstürzen.

    Es ist nichts eingestürzt. Das Zelt hat gehalten. Die Heringe haben gehalten. Die Stangen haben gehalten. Nur die Stimmung hat nicht gehalten.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ORT...............................: RAB / LOPAR│
    │  AUSRUESTUNG.......................: 2-MANN-ZELT│
    │  LUFTBETT-STATUS...................: AUFGEPUMPT │
    │  WIND-EREIGNIS.....................: BORA       │
    │  WIND-RICHTUNG.....................: NORDOST    │
    │  HERINGE GESETZT...................: 4 / 4      │
    │  HERINGE IM SAND...................: 2 (WEICH)  │
    │  ZELTSTOFF-FLATTER-MODUS...........: AKTIV      │
    │  LARS-DRUIDEN-BAER-MODUS...........: AKTIV      │
    │  JULIA-BOB-DER-BAUMEISTER..........: AKTIV      │
    │  STATIK-BERECHNUNG.................: NEGATIV    │
    │  ESKALATIONS-STUFE 1...............: BANSHEE    │
    │  ESKALATIONS-STUFE 2...............: NAZGUL     │
    │  PARSELMOUTH-EREIGNIS..............: BESTAETIGT │
    │  AUGEN-GLUEHEN-INTENSITAET.........: SAURON+1   │
    │  LARS-RING-VORHANDEN...............: NEIN       │
    │  HIRN-ZAHNRAEDER...................: 3          │
    │  ANSCHLAEGE-PRO-MINUTE.............: < 120      │
    │  MULTIPASS-REFLEX..................: AUSGELOEST │
    │  MULTIPASS-RICHTIG.................: NEIN       │
    │  RUHE-NACH-EINGRIFF................: 15 MIN     │
    │  ZELT-INTAKT MORGENS...............: JA         │
    │  JULIA-SCHLAF......................: 0 MIN      │
    │  LARS-SCHLAF.......................: AUCH WENIG │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: ZELT WAR FALSCH <<                │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: WAS MIT WAENDEN <<          │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Am nächsten Morgen war das Zelt weg. Nicht abgebaut, nicht eingepackt — weg. An einem anderen Ort. Es war irgendwie zu den Bäumen gewandert, etwa zwanzig Meter weiter, in eine Position, die weniger windexponiert war, dafür aber direkt unter zwei kräftigen Pinienästen stand.

    Ich stand mit meinem Lageplan da, überfordert, auf der Suche nach 1,53 Metern und meinem Zelt. Beides fand ich an der neuen Position. Beides war nicht zufällig dort. Wer einen Pinienast über sich hat, der nicht ganz dünn ist, braucht in dieser Nacht nicht viel zu tun. Der Ast tut es vielleicht selbst.

    Ich glaube, sie hat auf einen Ast gehofft, der auf mich fällt. Nach der Nacht. Nach der Bora. Nach dem, was im Zelt passiert war, das nichts war, aber alles auslöste.

    Es ist kein Ast gefallen. Aber Zelten war damit gestorben. Wir kauften einen Wohnwagen. (Siehe Quest #066 — Akt 3 der Schlaf-Trilogie.)


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Erstens: Ich habe nicht Parselmouth gesprochen. Ich habe Deutsch gesprochen. Auf Deutsch, klar artikuliert, etwas hektisch, aber Deutsch. Wenn Lars das nicht versteht, ist das ein Empfänger-Problem, kein Sender-Problem.

    Zweitens: Das Zelt hat gewackelt. Das war kein Bauchgefühl, das war messbar. Wer in einem wackelnden Zelt seelenruhig schläft, hat entweder einen sehr robusten Glauben an Heringe oder ein sehr gutes Verdrängungssystem. Bei Lars: Letzteres.

    Drittens: Das mit dem Ast war ein Witz. Vermutlich. Wir verlassen es dabei.

    Viertens, was er nicht erzählt: Beim Zelt-Aufbau hat er die Anleitung weggelegt nach drei Sekunden. „Das geht intuitiv.“ Den Satz hat er gesagt, bevor er die Querstange falsch herum eingefädelt hat. Wir haben dreißig Minuten Korrektur gebraucht. In dieser halben Stunde habe ich gelernt, dass Audi und Iglu zwei sehr verschiedene Bauwerke sind. Und dass Lars in beiden mit der gleichen Methode rangeht: Drauflos, dann nachjustieren. Bei Audi geht das. Bei Iglu kostet das Heringe.