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  • Wie ich eine Futaba mit Spektrum-Empfängern verheiratet habe

    Wie ich eine Futaba mit Spektrum-Empfängern verheiratet habe

    Quest #059 · Werkstatt · +250 XP

    Wie ich eine Futaba mit Spektrum-Empfängern verheiratet habe

    Es war Januar 2013. Vor dem Fenster Schnee, im Werkstattfenster Eisblumen, auf dem Werktisch ein Arduino Pro Mini in der Größe einer Briefmarke, daneben eine Spektrum DX4e, die ich gerade mit einem kleinen Schraubenzieher zerlegt hatte. In der Hand hielt ich das HF-Modul des Senders — ein kleines Stück Platine mit einem Antennenstrang und drei Lötpunkten. Daneben stand eine Futaba FX30, mein guter alter Sender, in der Hand seit Jahren, mit allen Speicherplätzen für meine Modelle und einem Pultgehäuse, an das ich mich gewöhnt hatte. Die Futaba hatte alles, nur kein Spektrum-Funkmodul. Und ich hatte zwei Modelle, die nur Spektrum sprachen.


    ▌ FUNKSTANDARDS IM MODELLBAU — EIN KURZER ÜBERBLICK

    Wer Modellbau betreibt, kennt das Problem nicht. Wer Modellbau betreibt und sich für mehr als eine Marke entscheidet, kennt es. Funksysteme im Modellbau sind nicht standardisiert. Es gibt Spektrum (DSM2, DSMX), es gibt Futaba (S-FHSS, FASST, FASSTest), es gibt Graupner (HoTT), es gibt JR (DMSS), es gibt Multiplex (M-LINK). Jeder Sender funkt anders. Jeder Empfänger hört anders. Wer einen Spektrum-Empfänger im Modell hat, braucht einen Spektrum-Sender. Ende.

    Es sei denn, man bastelt.

    Das Problem in meinem konkreten Fall: Ich hatte zwei Modelle, in die ich Spektrum-Empfänger eingebaut hatte, weil sie damals klein und günstig waren. Mein Hauptsender war aber eine Futaba FX30 — eine ordentliche Pultanlage, in die ich mich seit Jahren eingearbeitet hatte. Mit Speicherplätzen für die Schiffe, für die Helis, für Kollektiv- und Pitch-Kurven, mit Mischern, mit allen Eigenheiten, die man sich über die Jahre einrichtet, ohne dass man nochmal von vorne anfangen will.

    Eine zweite Anlage kaufen — eine Spektrum DX18 oder so — kostet 800 Euro. Ich hatte die 800 Euro nicht. Was ich hatte: einen Lötkolben, einen Arduino Pro Mini für vier Euro, eine zerlegte Spektrum DX4e für 30 Euro, und zu viel Zeit an einem Januarsonntag.

    ▌ Die naheliegende Idee

    Naheliegend wäre gewesen: im Internet schauen, wie das andere gelöst haben. Hätte ich gemacht. Hat aber nichts gebracht. 2013 gab es zu dem Thema vielleicht drei Forenbeiträge, alle auf Englisch, alle abgebrochen mitten in der Diskussion mit dem Vermerk, dass man da ja auch einfach eine Spektrum kaufen könnte. Wenn das alle so machen würden, gäbe es keine Lötkolben mehr.

    Was es gab: ein paar englische Hinweise, dass das Spektrum-HF-Modul aus einer DX4e mit drei Leitungen kommunizieren würde. Stromversorgung, Masse, Datenleitung. Über die Datenleitung kommt ein serielles Signal, das die Knüppelbewegungen kodiert. Wenn man dieses Signal richtig erzeugt, sendet das HF-Modul wie eine vollwertige Spektrum.

    Was nirgends stand: wie genau dieses serielle Signal aussieht. Das Protokoll war nicht offen dokumentiert. Spektrum hat es nicht veröffentlicht. Die Fachzeitschriften wussten es nicht. Wenn man es haben wollte, musste man es selber herausfinden.

    ▌ Reverse Engineering ohne Internet

    Reverse Engineering klingt nach NSA und Hollywood. Im Werkstatt-Alltag ist es: Oszilloskop an die Datenleitung, Sender einschalten, Signal aufnehmen, Signal anschauen, hinschreiben, was man sieht.

    Ich hatte ein billiges Oszilloskop. Eines von der Sorte, mit der man genug sieht, aber nicht alles. Genug, um zu erkennen: Da kommt alle 22 Millisekunden ein Datenpaket. Das Paket hat eine bestimmte Länge. Da drin sind 16 Bit pro Kanal. Insgesamt sieben Kanäle. Plus ein Header, plus eine Prüfsumme. Plus Pause.

    Was sich nicht so einfach erkennen ließ: Wie genau die 16 Bit pro Kanal kodiert sind. Welche Bit-Reihenfolge. Welche Auflösung. Wo der Nullpunkt ist. Und vor allem: was der Header bedeutet, der vor jedem Paket kam. Der Header sah jedes Mal anders aus, wenn ich das Funkmodul ein- und wieder ausschaltete. Das hat mich Tage gekostet.

    Bis ich verstanden habe, dass der Header die Bind-Information enthält — die ID des Senders, die der Empfänger sich beim ersten Kontakt merkt, damit er später nur noch auf diesen einen Sender hört. Pro Sender ist das eine andere ID. Ich musste den Sender nachbauen, ohne die Original-ID zu haben. Die Lösung war: das HF-Modul aus der DX4e behalten, das hatte seine ID schon, der Empfänger wird es wiedererkennen.

    Ich habe das HF-Modul also nicht ersetzt. Ich habe es nur angesprochen. Mit dem Arduino. In dem Format, das es kannte. Aus den Knüppelbewegungen meiner Futaba FX30.

    ▌ Der Code

    Der Arduino-Code für die Übersetzung wurde am Ende ungefähr zweihundert Zeilen lang. In C, mit ein paar Inline-Assembler-Tricks für die Zeitsteuerung, weil ein 8-Bit-Atmel bei der nötigen Präzision sonst nicht hinkommt. Die Pakete müssen alle 22 Millisekunden raus, mit einer Toleranz von wenigen Mikrosekunden, sonst kennt das HF-Modul den Sender nicht wieder.

    Es gab keine Bibliothek dafür. Man musste die seriellen Routinen selber schreiben. Man musste das Timing selber verwalten. Man musste die Knüppelwerte aus der Futaba über deren PPM-Ausgang einlesen, in das Spektrum-Format umrechnen, in eine Prüfsumme einrechnen, in ein Paket gießen, das Paket rausschicken. Hundertmal pro Sekunde, ohne Zittern, ohne Aussetzer.

    Klingt machbar. War’s auch. Hat nur eine Weile gedauert.

    ▌ Der erste Test

    Drei Wochen nach dem Anfang stand der Aufbau auf meinem Werktisch: Die Futaba FX30 mit ihrem PPM-Ausgang über ein Kabel an einen Arduino Pro Mini, der Arduino mit drei Leitungen an das ehemalige HF-Modul der DX4e, das Modul mit einer Antenne, die ich an die Werkstattlampe geklebt hatte, weil ich keine bessere Halterung hatte. Dem Modell habe ich dann den Strom angeschaltet — eines der Modelle mit Spektrum-Empfänger, ein kleines Trainerflugzeug, das keinen Schaden nehmen würde, wenn was schiefginge.

    Der Empfänger im Flugzeug hat kurz mit der LED geblinkt, dann grün geleuchtet. Verbunden. Ich habe einen Knüppel an der Futaba bewegt. Das Ruder im Flugzeug hat sich bewegt. In die richtige Richtung. Mit der richtigen Geschwindigkeit. Mit der richtigen Auflösung.

    Da DAAA. Hehehe.

    Ich gebe zu, das ist mein Standard-Triumph-Geräusch. Es ist nicht originell. Es ist auch nicht besonders erwachsen. Aber es ist das, was rauskommt, wenn drei Wochen Reverse Engineering plötzlich zu einer Servo-Bewegung führen, die richtig ist.

    ▌ Die Dokumentation

    Das war 2013. Ich hatte damals einen Blogger-Blog, auf den ich gelegentlich Sachen geschrieben habe, die ich gemacht hatte. Ich habe an dem Abend einen langen Eintrag verfasst, mit Schaltplan, mit Pin-Belegung, mit dem kompletten Arduino-Code, mit Anmerkungen, was zu beachten ist. Der Blogeintrag ist heute noch online. Wer ihn findet, findet auch die Erinnerung an einen Lars-Erik, der genau dieselbe Schreibe schon damals hatte, die er heute hat — nur halt für ein anderes Thema. Mit einem Sorry da für nach jedem Fehler, mit einem Hust bei jedem eigenen Größenwahn, mit einem Smiley, der einen Bindestrich enthält.

    Was ich an dem Eintrag heute mag: Er ist nicht angeber-ig. Er erklärt, was geht, was nicht geht, was zu beachten ist. Er ist hilfsbereit zu denen, die später mal das Gleiche probieren wollen. Er ist 2013-Lars-Erik, geschrieben für 2013-Modellflug-Bastler, in einer Sprache, die das Internet damals noch nicht überall in Marketing-Phrasen aufgelöst hatte.

    Wer 2024 oder 2025 dieselbe Anleitung schreiben würde, hätte vermutlich SEO-optimierte Headlines, eingebettete Werbeblöcke und einen Newsletter-Signup. 2013 hatte man Moin Moin als Begrüßung und Sorry da für als Selbstkommentar. Beides hat seinen Charme. Eines davon altert besser.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ARDUINO-PREIS.....................: 4 EUR      │
    │  SPEKTRUM-DX4E-PREIS...............: 30 EUR     │
    │  ALTERNATIVE-NEU-KAUFEN............: 800 EUR    │
    │  EINGESPART........................: 766 EUR    │
    │  REVERSE-ENGINEERING-DAUER.........: 3 WOCHEN   │
    │  DOKUMENTATION-IM-NETZ.............: 0 SEITEN   │
    │  OSZILLOSKOP-VERFÜGBAR.............: BILLIG     │
    │  PROTOKOLL-OFFEN-DOKUMENTIERT......: NEIN       │
    │  ARDUINO-CODE-ZEILEN...............: ~200       │
    │  TIMING-PRÄZISION..................: µSEKUNDEN  │
    │  ERSTER-TEST-ERFOLG................: SOFORT     │
    │  EHEFRAU-ERKLÄRUNGS-VERSUCHE.......: 2          │
    │  EHEFRAU-VERSTÄNDNIS...............: TEILWEISE  │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: FUTABA SPRICHT SPEKTRUM <<        │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: HEUTE EINFACH SPEKTRUM <<   │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Futaba FX30 funktioniert heute noch. Sie hat das Eigenbau-Modul nicht mehr — irgendwann habe ich die zwei Modelle mit Spektrum-Empfängern verkauft, und das Modul lag dann nur noch im Werkstattregal rum. Aber die Futaba selbst, mit ihrer Pultform und ihren Speicherplätzen, fliegt heute noch ein paar von meinen Modellen, weil sie mir treu geblieben ist und ich ihr.

    Was bleibt von dem ganzen Projekt, ist eine kleine Erinnerung daran, dass man Sachen lösen kann, die niemand sonst gelöst hat, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt und Werkzeug hat. Ein Lötkolben, ein Oszilloskop, ein Arduino, drei Wochen Zeit. Mehr braucht es nicht.

    Heute würde man das Problem anders lösen. Heute kauft man eine FrSky-Anlage, die alles spricht, oder man flasht eine Open-Source-Firmware auf einen vorhandenen Sender. Reverse Engineering ist seltener geworden, weil mehr offen ist als früher. Das ist ein Fortschritt. Aber es nimmt einem auch ein Stück Werkstatt-Magie, wenn man es nicht mehr nötig hat, das Protokoll selber zu finden.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Drei Wochen lang ist Lars an den meisten Abenden direkt nach dem Essen in die Werkstatt verschwunden. Ich habe das mitbekommen, ich habe nicht gefragt. Ich habe nach drei Wochen einmal gefragt: „Was machst du da eigentlich?“ Er hat versucht, es mir zu erklären. Es ist um Funkprotokolle gegangen. Um Pakete und Header und Bit-Reihenfolge. Ich habe ein Drittel verstanden.

    Ich habe ein zweites Mal gefragt: „Was machst du wirklich da?“ Da hat er gesagt: „Ich versuche, dass meine alte Funke meine Modelle wiederfindet.“ Das habe ich verstanden. Das war auch eine schöne Antwort, weil sie wahr war.

    Was er nicht erzählt: An dem Abend, als der erste Test geklappt hat, ist er hochgekommen, hat sich neben mich auf das Sofa gesetzt, hat nichts gesagt, und hat eine halbe Stunde lang den Fernseher angeschaut, ohne wirklich hinzusehen. Ich wusste, dass irgendwas geklappt hat. Er strahlt halt nach innen. Mehr Reaktion gab’s nicht. Mehr braucht’s auch nicht.


  • Wie ich 2004 Hongkong vom Schreibtisch aus übernommen habe

    Wie ich 2004 Hongkong vom Schreibtisch aus übernommen habe

    Quest #057 · Profi-Modus · +350 XP

    Wie ich 2004 Hongkong vom Schreibtisch aus übernommen habe

    Es gibt einen Moment in einer IT-Karriere, der einen prägt. Bei manchen ist es der erste Server, den sie zum Laufen gebracht haben. Bei anderen die erste Datenbank, die sie nicht versehentlich gelöscht haben. Bei mir war es ein Sonntag im Frühjahr 2004, an dem ich in einem Keller in Altenkunstadt saß, an einem Schreibtisch, vor einem 17-Zoll-Röhrenmonitor, mit einer ISDN-Leitung, einem Whisky und der Aufgabe, eine Windows-Domäne und einen Exchange-Server in Hongkong zu installieren. Allein. Remote. Über fünfzehn Stunden Zeitverschiebung und etwa zehntausend Kilometer Funkstrecke.


    ▌ REMOTE-ADMINISTRATION ANNO 2004 — DIE WAHRHEIT

    Heute klingt das langweilig. Remote installiert. Macht jeder. Ist Standard. Nimmt man eine Cloud-Konsole, klickt drei Mal, fertig. Im schlimmsten Fall öffnet man einen RDP-Client oder ein SSH-Fenster, tippt ein paar Sachen, und ein Server in einem anderen Kontinent tut, was man will.

    2004 war Remote-Administration was anderes.

    2004 war ein Jahr, in dem die durchschnittliche Internetverbindung in Deutschland eine ISDN-Leitung mit 64 Kilobit pro Sekunde war. Wer DSL hatte, hatte angegeben. Wer eine Standleitung hatte, war Konzern oder Spinner. Hongkong war über internationale Backbones angebunden, aber zwischen meinem Keller in Altenkunstadt und dem Server-Rack in Kowloon lag eine Latenz von 287 Millisekunden, die jeden zweiten Tastendruck zu einer kleinen Geduldsprobe machte. Wer einmal Tools per Remote Desktop bedient hat, bei denen jeder Klick erst eine Drittelsekunde später ankommt, der weiß, wovon ich rede.

    Wer’s nie getan hat, möge sich vorstellen, beim Schach jeden Zug per Brieftaube zu übermitteln. Die Brieftauben sind schlauer als gedacht, sie kommen wirklich an. Aber das Spiel dauert.

    ▌ Der Auftrag

    Eine Firma aus Altenkunstadt — den Namen verschweigen wir aus Höflichkeit, sie sind heute noch da, machen heute noch was Anderes, ich war damals freier IT-Heimwerker mit Tagessatz — hatte beschlossen, eine Niederlassung in Hongkong zu eröffnen. Niederlassungen brauchen IT. IT braucht eine Domäne, ein Active Directory, einen Mailserver, ein paar Drucker, ein paar User-Konten. Im Konzept war das alles harmlos.

    Im Konzept war auch vorgesehen, dass jemand vor Ort ist, der sich auskennt. Im Konzept stand: Ein Mitarbeiter wird vor Ort sein, der die Server hochfahren und mit Anweisungen versehen kann. Im Konzept war alles wunderbar.

    In der Wirklichkeit, wie sie sich am Tag der Installation darstellte, war der Mitarbeiter vor Ort: ein Hausmeister, der gerade den Keller aufgeschlossen hatte und mir am Telefon sagte, er wisse nicht, was eine Domäne sei, und außerdem sei jetzt 22 Uhr Hongkong-Zeit und seine Familie warte. Ob ich ihm sagen könne, was er tun solle, damit er nach Hause könne.

    Konnte ich. Ich habe gesagt: Drücken Sie den Knopf an der Vorderseite des Servers, lassen Sie ihn drei Minuten anlaufen, dann gehen Sie nach Hause. Den Rest mache ich von hier.

    Das hat er gemacht. Dann war ich allein.

    ▌ Die Werkzeuge

    Ich hatte: einen PC mit Windows XP. Eine ISDN-Leitung. Einen RealVNC-Client, der über die Firewall in Hongkong getunnelt war, weil RDP damals von Microsoft auf einer Version klebte, mit der man Server 2003 nicht zuverlässig administrieren konnte. Eine Telefonleitung, die über ein Headset an meinen Hals geklebt war. Ein Notizbuch. Einen Stift. Einen Kaffee, der irgendwann kalt wurde, weil ich vergessen hatte, ihn zu trinken.

    Was ich nicht hatte: Eine zweite Verbindung für den Notfall. Wenn ISDN ausfiel, war ich weg. Eine zweite Person, die mitschauen konnte. Wenn ich was übersah, sah es niemand sonst. Eine Möglichkeit, schnell vor Ort zu sein, falls etwas physisch zu tun war. Hongkong ist von Altenkunstadt aus nicht eben mit dem Auto zu erreichen.

    Was ich auch nicht hatte: ein verlässliches Internet zur Recherche. Im Jahr 2004 war Google noch überschaubar, Stack Overflow gab es nicht (kommt erst 2008), Microsoft-Dokumentation lag oft noch auf gedruckten Resource-Kit-Büchern, die man mal hatte oder mal nicht. Wer 2004 ein Active-Directory-Problem hatte, hatte zwei Möglichkeiten: man wusste es schon, oder man rief jemanden an, der es wusste.

    Ich kannte nicht so viele Leute, die das wussten. Ich kannte einen, und der war damals in der Kur.

    ▌ Die ersten drei Stunden

    Stunde eins: Server hochgefahren, VNC-Verbindung steht, ich sehe einen blauen Windows-Server-2003-Hintergrund. Es funktioniert. Ich entspanne mich. Ich trinke einen Schluck Kaffee, der noch warm ist. Ich beginne, das Active Directory zu installieren, was bei Server 2003 über den dcpromo-Befehl ging.

    Stunde zwei: dcpromo läuft. Es macht das, was es macht: es richtet die Domäne ein, kopiert Schemas, legt Konfigurationen an. Bei einer 287-Millisekunden-Latenz dauert ein OK-Klicken ungefähr drei Mal so lange, wie es sollte. Ich klicke trotzdem. Ich warte. Ich klicke wieder. Ich warte. So vergeht eine Stunde, in der ich vielleicht zwölf Klicks gemacht habe und dazwischen vor mich hin geguckt habe.

    Stunde drei: Die Domäne steht. RICHTERS-HK.local. Schöner Name, nicht von mir gewählt, aber funktional. Ich installiere Exchange. Exchange 2003 war ein Biest, das in Server-Umgebungen integriert war wie eine Krake — überall greift es ein, überall braucht es Berechtigungen, überall verändert es Schemas. Wer Exchange 2003 mal frisch installiert hat, weiß, dass das kein Programm ist, sondern eine Eigenschaft des Betriebssystems.

    Stunde drei und ein halb: Exchange-Setup hat eine Frage gestellt, die ich nicht erwartet hatte. Es wollte wissen, ob das Schema des Active Directory erweitert werden soll. Antwort offensichtlich ja. Aber das Erweitern eines Schemas ist eine Operation, die rückgängig zu machen nicht trivial ist. Wenn man da etwas falsch macht, ist das Active Directory nicht kaputt — aber es ist anders, und das Anders bekommt man nur weg, wenn man es neu macht.

    Ich habe ja gesagt. Ich hatte keine andere Wahl, weil ohne Schema-Erweiterung kein Exchange läuft. Aber ich habe ja gesagt mit dem Bewusstsein, dass ich gerade an einem Schreibtisch in Altenkunstadt eine irreversible Entscheidung über ein Active Directory in Hongkong treffe, ohne Backup, ohne zweite Meinung, ohne Plan B.

    Schemata wurden erweitert. Es gab keinen Crash. Es gab kein Bluescreen. Es gab nur ein leises Schema extended successfully, das nach einer Sekunde wieder verschwand. Ich habe es trotzdem fotografiert, mit einer Digicam, die ich neben dem Bildschirm liegen hatte. Das Foto habe ich noch.

    ▌ Die nächsten neun Stunden

    Exchange-Installation. User-Konten anlegen. Mailbox-Speicher konfigurieren. SMTP-Connector zur Außenwelt einrichten. POP3-Zugang testen. Verteilerlisten anlegen. Drei Drucker per Active Directory verfügbar machen. DNS-Einträge anpassen. Backup-Strategie skizzieren, in eine README.txt schreiben, irgendwo abspeichern, wo der hypothetische Nachfolger sie hoffentlich findet.

    Zwischendurch ist die ISDN-Leitung einmal weggebrochen. Vermutlich wegen Router-Reboot beim Provider. Drei Minuten lang habe ich am Schreibtisch gesessen und in einen schwarzen Bildschirm geschaut und nicht gewusst, ob in Hongkong gerade etwas explodiert. Es hat sich rausgestellt: nein. Die Leitung kam wieder, der Server lief weiter, alles war gut.

    Es war 04:30 Uhr morgens, als ich den letzten Test gemacht habe. Eine E-Mail vom Hongkong-Server an meinen privaten Account in Deutschland. Die Mail kam an. Sie war zwei Sätze lang. Sie war auf Englisch, weil der Server alles auf Englisch hatte. Sie sagte: Hello from Hong Kong. This server now exists.

    Ich habe die Mail ausgedruckt. Den Ausdruck habe ich noch.

    ▌ Was Julia dazu sagte

    Julia kam um 06:00 Uhr in den Keller. Sie hatte einen Bademantel an und einen Kaffeebecher in der Hand. Sie hat mich angeschaut, sie hat den Bildschirm angeschaut, sie hat den ausgedruckten Mail-Zettel auf dem Schreibtisch angeschaut, sie hat den Whisky angeschaut, der seit Stunden unangerührt dastand.

    Sie hat dann gesagt: „Ist Hongkong fertig?“

    Ich habe genickt. Sie hat den Kaffee neben den Whisky gestellt, sich umgedreht, und ist hochgegangen ins Bett. Vorher hat sie gesagt: „Schlaf jetzt. Du kannst Hongkong morgen prüfen.“

    Ich habe geschlafen. Hongkong stand am nächsten Morgen noch. Und am übernächsten. Und am Montag, als die Niederlassung aufgemacht hat, lief alles. Ich habe einen Anruf bekommen vom Geschäftsführer der Firma, der gesagt hat, alle Mitarbeiter könnten Mails schicken, das Active Directory funktioniere, die Drucker drucken. Er hat sich bedankt und mir einen Umschlag mit dem Tagessatz und einem kleinen Bonus überreicht, als ich am Mittwoch in der Firma war.

    Das war meine erste internationale IT-Installation. Ich war damals 28. Ich habe seitdem viele Server installiert, viele Domänen gebaut, viele Exchange-Server hochgefahren. Aber Hongkong 2004 ist die Geschichte, die hängengeblieben ist. Nicht weil sie schwierig war — schwieriger waren später andere. Sondern weil sie der Moment war, in dem ich gemerkt habe, dass IT nicht vor Ort sein muss. IT ist überall, wo eine Leitung hinreicht. Auch wenn die Leitung 287 Millisekunden braucht.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ISDN-LATENZ.......................: 287 ms     │
    │  ENTFERNUNG-LUFTLINIE..............: ~9100 km   │
    │  ZEITVERSCHIEBUNG..................: +6 h       │
    │  PERSON VOR ORT....................: HAUSMEISTER│
    │  PERSON VOR ORT - IT-WISSEN........: 0%         │
    │  BACKUP-STRATEGIE..................: HOFFNUNG   │
    │  ZWEITE-MEINUNG-VERFÜGBAR..........: NEIN       │
    │  STACK-OVERFLOW-EXISTIERT..........: NEIN       │
    │  GOOGLE-NÜTZLICHKEIT...............: 30%        │
    │  RICHTIGE-MS-DOKU-IM-SCHRANK.......: TEILWEISE  │
    │  ARBEITSDAUER......................: 13 STD     │
    │  KAFFEE-VERBLEIBT..................: KALT       │
    │  WHISKY-VERBLEIBT..................: UNANGERÜHRT│
    │  EHEFRAU-INTERVENTION..............: SCHLAFEN   │
    │  HONGKONG-STATUS-ANSCHLIESSEND.....: AKTIV      │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: AUS DER FERNE GEMACHT <<          │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: HEUTE NICHT MEHR NÖTIG <<   │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Geschichte hat keine Pointe im klassischen Sinn. Es ist nichts schiefgegangen. Niemand wurde verletzt. Keine Vase ist zerbrochen, kein Parkett hat gelitten, keine Erbsen sind durchs Zimmer geflogen. Es ist einfach eine Geschichte darüber, dass IT funktioniert, auch wenn man sie aus dreizehn Stunden Entfernung mit ISDN-Geschwindigkeit macht. Auch wenn niemand vor Ort ist, der einem helfen kann. Auch wenn man der einzige ist, der weiß, was er tut.

    Wenn jemand fragt, warum meine Falsch-Erklärungen über Technik so überzeugend klingen: weil ich die richtigen mal gemacht habe. Hongkong 2004 ist eine davon. Es gibt mehr. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Der Whisky steht heute noch im Regal. Ich trinke ihn nicht. Er ist mein Hongkong-Whisky.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich erinnere mich an die Nacht. Ich bin um zwei Uhr aufgewacht, weil Lars nicht im Bett war. Ich bin runter in den Keller, ich habe ihn gesehen mit dem Headset und dem Bildschirm und dem Notizbuch. Ich bin wieder hoch und habe weitergeschlafen. Wenn er nicht oben ist, baut er gerade was. Das war damals schon so.

    Was er nicht erzählt: Ich habe ihm um vier Uhr morgens noch ein Brot geschmiert und auf den Schreibtisch gestellt. Er hat es nicht gegessen. Er hat es erst am Mittwoch gefunden, als er aufgeräumt hat. Es war nicht mehr essbar. Ich habe es trotzdem als kleinen Sieg verbucht, weil er es immerhin bemerkt hat.

    Der Hongkong-Whisky steht heute noch im Regal, das stimmt. Ich trinke ihn auch nicht. Ich glaube, der ist inzwischen nur noch Symbol. Geht uns beiden so mit ein paar Sachen.