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  • Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Quest #058 · Drohnen · +200 XP

    Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Es gibt einen Moment auf einer Modellflug-Wiese im Spätsommer, in dem die Sonne schon tief steht, der Wind eingeschlafen ist, und ein Heli-Pilot beschließt, dass die nächste Figur kein Tic-Toc wird, kein Looping, keine Schraube. Sondern eine Rolle. Eine ganz normale Rolle, sieht jeder von euch hundertmal, sagt sich der Außenstehende. Aber lang. Sehr lang. Eine Rolle, die so langsam läuft, dass die anderen Piloten am Pavillon kurz aufhören zu reden, weil das Modell sich gerade um die eigene Längsachse dreht und dabei nichts anderes tut. Keine Höhenabweichung. Kein Versatz. Keine Beschleunigung. Eine Linie.


    ▌ ROLLEN-AERODYNAMIK FÜR LEUTE, DIE GENAU HINSCHAUEN

    Eine Rolle bei einem Modellhubschrauber funktioniert nicht so, wie sich der Außenstehende das denkt. Bei einem Flugzeug klappt eine Rolle einfach: Querruder ausschlagen, das Flugzeug dreht sich, fertig. Höhe verliert es zwar, aber die Aerodynamik trägt es trotzdem irgendwie. Bei einem Heli ist das anders.

    Beim Heli gibt es keinen Auftrieb durch eine Tragfläche. Es gibt nur den Hauptrotor. Und der Hauptrotor erzeugt seinen Auftrieb durch den Anstellwinkel der Blätter — Pitch genannt. Steht der Heli aufrecht, schiebt er sich nach oben. Liegt er auf der Seite, schiebt er sich seitwärts. Steht er auf dem Kopf, schiebt er sich nach unten — wenn der Pilot nichts macht. Macht der Pilot was, dann zieht er nicht den Pitch zurück, sondern er kehrt ihn um. Negativer Pitch. Die Blätter erzeugen Auftrieb in die andere Richtung. Heli auf dem Kopf, der dort bleibt, wo er sein soll.

    Und genau das macht die Rolle interessant. Bei einer Rolle dreht sich der Heli in genau einer Sekunde, einer halben Sekunde, einer Drittelsekunde — und durchläuft dabei alle Lagen: aufrecht, auf der Seite, kopfüber, auf der anderen Seite, wieder aufrecht. In jeder Lage muss der Pitch anders sein, damit der Heli die Höhe hält. Aufrecht: positiver Pitch. Quergeneigt: variabel. Kopfüber: negativer Pitch. Auf der anderen Seite: wieder variabel. Wieder aufrecht: positiver Pitch.

    Wer das nicht tut, dem fällt der Heli aus der Rolle. Heli kippt seitwärts, Heli sackt ab, Pilot pissed, Heli kaputt. So gehen die meisten Rollen-Versuche aus, wenn man’s das erste Mal probiert.

    ▌ Zwei Sekunden, fünf Sekunden, zehn Sekunden

    Eine schnelle Rolle ist einfacher als eine langsame. Das klingt erstmal komisch, ist aber so. Bei einer schnellen Rolle dreht sich das Modell in zwei Sekunden komplett — die Pitch-Korrekturen müssen zwar ständig passieren, aber sie sind kurz, der Heli ist in jeder Lage nur eine Drittelsekunde. Wenn man da was übersieht, fällt das nicht so auf.

    Bei einer langsamen Rolle, einer fünf-Sekunden-, sechs-Sekunden-, sieben-Sekunden-Rolle, ist das anders. Dann hängt der Heli zwei Sekunden lang auf der Seite. Zwei Sekunden lang muss der Pilot mit kleinen Pitch-Korrekturen verhindern, dass der Heli rauschartig nach unten driftet. Zwei Sekunden lang muss der Heckrotor das Drehmoment des Hauptrotors gegen die Erdanziehung gegenrechnen, weil bei seitlich liegendem Heli die Schwerkraft anders wirkt als bei aufrechtem.

    Es ist ein Tanz aus vier Knüppelachsen gleichzeitig. Roll, Pitch, Heck, Kollektiv. Jede Sekunde länger macht es exponentiell schwieriger, weil sich Fehler aufaddieren. Wer eine Rolle in zwei Sekunden kann, kann nicht zwangsläufig eine in fünf. Wer eine in fünf kann, ist eine andere Liga. Wer eine in sieben kann und dabei die Höhe hält und keinen Versatz nach links oder rechts produziert — das sind die paar Piloten, die auf den Wettbewerben das ganze Pavillon mit ihren Augen verfolgen.

    ▌ Was die Henseleit damit zu tun hat

    Henseleit ist eine kleine deutsche Manufaktur, die Modellhubschrauber baut. Die Maschinen sind nicht billig. Sie sind aber präzise gefertigt — Mechanik aus dem Vollen, kein Plastik, kein Spiel in den Lagern, alles was sich dreht, dreht sich exakt da, wo es sich drehen soll. Es ist die Sorte Modellbau, bei der man die Schraube anzieht und weiß: Jetzt sitzt sie. Nicht ungefähr. Nicht wahrscheinlich. Sondern: sitzt.

    Das ist für eine langgezogene Rolle wichtig. Eine langgezogene Rolle braucht ein Modell, das die kleinen Pitch-Befehle des Piloten genau so umsetzt wie sie kommen. Kein Spiel im Servo. Kein Zucken in der Anlenkung. Wenn der Pilot 1,3 Grad Pitch geben will und das Modell setzt 1,5 Grad um, ist die Rolle in Sekunde drei schon nicht mehr da, wo sie sein soll.

    Meine Henseleit ist eine TDR 2010. Mit einem Scorpion-Motor, der mir damals in Fukushima gewickelt wurde. Da gibt es einen Spezialisten, dem schickt man den Motor, und der wickelt einem die Spule so, wie man sie haben will. Das ist nicht Tuning im Sinne von schneller-stärker. Das ist Tuning im Sinne von genau-so. Genau die Drehzahl, genau das Drehmoment, genau die Charakteristik, die man für einen bestimmten Flugstil braucht.

    Mein Flugstil ist nicht schnell. Mein Flugstil ist ruhig. Und genau dafür ist die Maschine eingerichtet.

    ▌ Die langgezogene Rolle, in Worten

    Das Modell schwebt auf vielleicht zehn Meter Höhe, etwa zwanzig Meter vor mir. Hauptrotor mit 1800 Umdrehungen, ein gleichmäßiges, tiefes Pfeifen, das man mehr im Brustkorb spürt als im Ohr. Ich gebe einen winzigen Roll-Befehl nach rechts. Das Modell beginnt sich zu drehen, langsam, fast unmerklich.

    Sekunde eins: das Modell ist 30 Grad geneigt. Pitch leicht reduziert, Heck leicht gegenkorrigiert, Höhe hält.

    Sekunde zwei: das Modell ist quergeneigt, 90 Grad. Pitch jetzt fast Null, Heli schwebt seitwärts, was er nicht soll, also kleine Kompensation am Rollkreis, damit er an Ort und Stelle bleibt.

    Sekunde drei: das Modell ist auf dem Kopf, 180 Grad gedreht. Pitch jetzt negativ. Heli drückt nach oben, was bei umgedrehter Lage oben bedeutet, dass er aus meiner Sicht stehen bleibt. Heck arbeitet immer noch leise gegen.

    Sekunde vier: das Modell ist auf der anderen Seite quergeneigt, 270 Grad. Pitch wieder fast Null, Kompensation am Rollkreis in die andere Richtung, weil er jetzt seitwärts in die Gegenrichtung schweben würde.

    Sekunde fünf: das Modell ist wieder aufrecht, 360 Grad. Pitch wieder positiv, Heck zentriert sich, der Heli schwebt da, wo er vor fünf Sekunden geschwebt hat. Auf zehn Meter. Zwanzig Meter vor mir.

    Niemand sagt was. Es ist eine ganz kurze Stille auf dem Pavillon. Dann lacht jemand kurz. Dann reden alle weiter, als wäre nichts gewesen. Und das ist genau das richtige Verhalten in dieser Modellflug-Welt — die Rolle ist gelaufen, ist gut gelaufen, alle haben es gesehen, niemand muss was dazu sagen. Wer was sagen würde, würde es besser machen wollen, und das macht keiner, der schon mal eine probiert hat.

    ▌ Warum mich das berührt

    Das ist die Frage, die man sich selten stellt. Die meisten machen Modellflug, weil’s Spaß macht, und denken nicht weiter nach. Bei mir ist das anders, vielleicht weil ich auch sonst nicht so bin, dass ich Sachen mache, ohne ein bisschen drüber nachzudenken.

    Was mich an einer langgezogenen Rolle berührt, ist nicht das Spektakel. Es ist das Gegenteil. Es ist die Beherrschung. Eine schnelle Rolle ist Show. Eine langgezogene Rolle ist Kontrolle. Sieben Sekunden Heli, der dreht und dabei nichts anderes tut. Keine Höhenabweichung. Keinen Versatz. Keinen Knick. Nur die Drehung, sauber durchgezogen, wie eine Linie auf einem Blatt Papier, mit einem Lineal gezogen.

    Solche Sachen mag ich. Saubere Linien. Kontrolle. Sachen, bei denen man die Beherrschung sieht, weil sie da ist. Ein Holzschiff mit einem Anker, der hochfährt. Eine Vorlage, die zertifizierungsfähig ist. Ein Motor, der genauso wickelt, wie der Pilot ihn haben will.

    Eine langgezogene Rolle, sieben Sekunden, auf zehn Meter, kein Versatz.

    Das ist einfach schön. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  MODELL...........................: HENSELEIT TDR 2010│
    │  HAUPTROTOR-DREHZAHL..............: 1800 rpm    │
    │  V-STABI-TOLERANZ.................: ±15 Grad    │
    │  MOTOR............................: SCORPION    │
    │  WICKLUNG-HERKUNFT................: FUKUSHIMA   │
    │  ROLLEN-DAUER.....................: 5-7 sek     │
    │  HÖHENABWEICHUNG..................: < 0,5 m     │
    │  VERSATZ-LATERAL..................: < 1 m       │
    │  PITCH-WECHSEL-IM-VERLAUF.........: 4 STUFEN    │
    │  PILOT-KONZENTRATION..............: MAXIMAL     │
    │  PAVILLON-REAKTION................: KURZE STILLE│
    │  ÄSTHETIK-WERT....................: HOCH        │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: SAUBERE LINIE <<                  │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NACHMACHEN <<               │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Wenn Julia mich am Modellflug-Pavillon abholt, sagt sie nicht viel über das Fliegen. Sie sieht es, das reicht ihr. Sie weiß, was eine langgezogene Rolle ist, weil sie schon ein paar gesehen hat. Sie weiß, was es bedeutet, wenn Lars eine sauber durchgezogen hat. Es bedeutet: Lars wird heute Abend zufrieden sein. Auf eine ruhige Art.

    Eine langgezogene Rolle ist nicht das Spektakulärste, was ein Modellhubschrauber kann. Aber sie ist das, was bleibt. Wenn man fünfzig Tic-Tocs in einer Woche fliegt, hat man fünfzig Tic-Tocs vergessen. Wenn man eine saubere langgezogene Rolle fliegt, sieht man sie auch noch eine Woche später vor sich. Das ist der Unterschied zwischen Show und Können. Show vergisst man. Können bleibt.

    Die Henseleit steht im Werkstatt-Schrank. Sie wird nicht oft geflogen. Sie muss auch nicht. Sie ist da, wenn ich sie brauche.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Wenn Lars eine sauber gerollt hat, sieht man das. Nicht am Heli. Am Lars. Er ist hinterher leiser als sonst. Er packt den Heli ein, läuft zum Auto, sagt nicht viel, und auf der Heimfahrt summt er manchmal vor sich hin. Das hat er nicht von mir, aber es passt zu ihm. Wenn er summt, war's gut.

    Was er nicht erzählt: Es gibt auch Tage, an denen die Rolle nicht sitzt. Dann ist er nicht laut, er flucht nicht, er macht nichts kaputt. Er ist einfach kürzer. Sagt drei Sätze statt zwölf, fährt direkt nach Hause, geht in die Werkstatt. Am Wochenende drauf fährt er wieder zum Pavillon. Probiert sie nochmal. Bis sie sitzt.

    So ist er bei vielen Sachen. Es ist anstrengend, das aushalten zu können, gebe ich zu. Aber es ist auch das, was ihn zu dem macht, was er ist. Ich hab den Eindruck, ich gewöhne mich noch dran.


  • Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Quest #055 · Drohnen · Legendär · +400 XP

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Es war ein verregneter Sonntagnachmittag. Der Modellflugplatz war geschlossen, die Wiese unter Wasser, und ich hatte einen Heli, der seit zwei Wochen auf seinen Erstflug wartete. In meiner Werkstatt war kein Platz, weil ein halbes Schiff im Weg stand. Im Garten war nass. Auf dem Hof war Wind. Was es gab, war ein Wohnzimmer mit einer 2,40-Meter-Decke, einem Couchtisch mit einer hübschen Vase darauf, und einem Parkettboden, in den meine Großmutter wahrscheinlich noch ihre Tränen hineingelegt hatte. Gut, dachte ich. Probieren wir den Schwebetest drinnen.


    ▌ INDOOR-HELIKOPTER-AERODYNAMIK FÜR ANFÄNGER

    Bevor wir ins Detail gehen, eine kurze Klarstellung: Es gibt Helikopter, die für Indoor-Flug gebaut sind. Die haben Rotoren von 30 bis 50 Zentimetern Durchmesser, sie wiegen 200 Gramm, sie kollidieren mit einer Lampe und gehen kaputt, aber die Lampe bleibt heil. Das sind hübsche Geräte für den Couchtisch.

    Mein Heli war nicht so einer.

    Mein Heli war ein Align T-Rex aus der oberen Klasse, mit einem Hauptrotor von 180 Zentimetern Durchmesser. Das ist nicht ein-Komma-acht Meter, das ist nicht eine kleine Innendekoration mit Drehflügeln, das ist ein veritables Stück Modellbau-Maschinerie. In voller Drehzahl pfeifen die Blätter durch die Luft, und der Wind, den das Ding erzeugt, lüftet ein durchschnittliches Wohnzimmer in zwei Sekunden komplett aus. Vorhänge tanzen. Lampenschirme drehen sich. Katzen verschwinden zuverlässig in andere Zimmer.

    Das wusste ich. Ich war nicht naiv. Ich war einfach der Meinung, dass die Decke meines Wohnzimmers — 2,40 Meter — höher ist als der Rotor breit, und dass damit die Sache geklärt sei. Mathematik der zweiten Klasse. Decke höher als Rotor = Heli passt rein.

    Was ich nicht bedacht hatte: Ein Helikopter ist nicht nur Hauptrotor.

    ▌ Das Problem mit dem Heckrotor

    Ein Helikopter besteht aus zwei Rotoren. Der Hauptrotor obendrauf hebt das Ding in die Luft. Der Heckrotor — kleiner, hinten am Heckausleger — sorgt dafür, dass das Ding sich nicht wie ein Karussell um die eigene Achse dreht. Ohne Heckrotor: Karussell. Mit Heckrotor: kontrollierter Flug. Beides braucht der Heli, beides muss frei drehen können.

    Der Heckausleger meines Helis war ungefähr 80 Zentimeter lang. Der Heckrotor hatte 25 Zentimeter Durchmesser. Beides hat sich am Boden des Helis befunden, also auf Höhe der Kufen, was bedeutet, dass der Heckrotor in einer Höhe von ungefähr 30 Zentimetern über dem Boden gerotiert hat. Ihr seht, worauf das hinausläuft.

    Wer einen Heli auf einen Tisch stellt, hat das Heckrotor-Problem nicht. Wer einen Heli aus dem Flug heraus auf einen Boden absinken lässt, hat es kurzzeitig — der Heckrotor schlägt einmal auf den Boden, das Ding kippt, fertig. Keine große Sache, vorausgesetzt der Boden ist Beton oder Linoleum. Wer einen Heli auf einem alten Parkettboden zu schweben versucht — kurz nur, wirklich nur ganz kurz, nur als Test — der trifft eine andere Konstellation.

    Das Parkett gibt nach. Nicht weich-nach, sondern knack-nach. Das Heckrotor-Blatt fährt mit hoher Geschwindigkeit in das Holz. Das Holz beantwortet die Frage. Die Antwort ist: Nein.

    ▌ Die ersten zwei Sekunden

    Der Heli hat sauber abgehoben. Drei Zentimeter, fünf Zentimeter, zehn. Schwebte stabil. V-Stabi macht seine Arbeit, der Hauptrotor hat seine ±15 Grad bei 1800 Umdrehungen, alles in Ordnung. Ich stand drei Meter weg mit dem Sender. Julia stand in der Küchentür und schaute, mit dem Gesichtsausdruck, den ich später als weiß-was-gleich-passiert-aber-sagt-nichts-mehr klassifiziert habe.

    In Sekunde zwei wollte ich den Heli leicht nach links versetzen. Das ist eine Geste am Sender, der Heli reagiert, das Ding driftet. Das tat es auch. Was ich nicht bedacht hatte: Der Couchtisch stand links. Der Heli reagierte korrekt auf meinen Befehl, ging nach links, näherte sich dem Couchtisch, erkannte ihn nicht als Hindernis (er hat keine Hindernisvermeidung, er ist von 2008), und entschied dann, dass die einzig vernünftige Korrektur eine kleine Drehung um die Hochachse ist.

    Bei dieser Drehung hat sich der Heckausleger nach hinten geschwungen. Nach hinten heißt: zur Wand. Genauer: zum Boden. Genauer: in das Parkett.

    Es gab ein Geräusch. Es war kein lautes Geräusch — Heckrotoren sind klein, das Holz war zwar alt, aber es war auch dünn an der Stelle, wo es getroffen wurde. Es war eher ein Tock, gefolgt von einem leichten Krick, gefolgt von einer kleinen Vibration im ganzen Heli, die sich dann in eine größere Vibration verwandelt hat, weil das Heckrotorblatt nun nicht mehr ganz geradeauf war, sondern in einer neuen, von der Werkstatt nicht vorgesehenen Form.

    Der V-Stabi hat das gemerkt. V-Stabis sind klug. Er hat versucht zu kompensieren, was geht. Was nicht geht: Wenn der Heckrotor unwuchtig ist, dreht sich der Heli irgendwann doch wie ein Karussell. Der Heli hat sich also gedreht. Langsam, aber bestimmt.

    Ich habe den Hauptrotor abgeschaltet. Das ist die einzig richtige Entscheidung, wenn ein Heli sich in einem Wohnzimmer dreht. Der Heli ist auf den Couchtisch gefallen. Die Vase hat überlebt — ich weiß bis heute nicht, wie. Der Couchtisch hatte einen Kratzer. Das Parkett hatte ein kleines Loch. Der Heli hatte einen verbogenen Heckausleger und ein verbeultes Heckrotor-Blatt, aber er war ansonsten ganz.

    Julia hat bis heute nichts gesagt. Sie hat sich umgedreht und ist in die Küche zurück.

    ▌ Was ich an dem Tag gelernt habe

    Der gemeine Modellflugkollege denkt jetzt: Klar, Indoor mit 180 cm geht nicht, das ist Lehrbuchwissen. Stimmt. Steht in jedem Helikopter-Handbuch. Steht in jeder Modellflug-Zeitschrift. Steht auch in der Bedienungsanleitung des Geräts, gleich auf Seite zwei.

    Lehrbuchwissen ist eine Sache, die man im Kopf hat. Lehrbuchwissen ist nicht eine Sache, an die man denkt, wenn der Modellflugplatz unter Wasser steht und man seit zwei Wochen auf einen Erstflug wartet. In dem Moment denkt man an die Decke. 2,40 Meter. Reicht doch. Mathematik zweite Klasse.

    Das ist im Übrigen der Unterschied zwischen wissen und wirklich-wissen. Wissen ist, was im Kopf steht. Wirklich-wissen ist, was nach einem kleinen Loch im Parkett im Kopf steht. Beides hat seinen Wert. Wirklich-wissen kostet halt mehr.

    Das Loch im Parkett ist heute noch da. Wir haben es nie reparieren lassen. Es ist nicht groß, ungefähr daumennagelgroß, und es liegt unter dem Couchtisch, wo man es nicht sieht. Es ist eines dieser Dinge, die ich nicht beseitigt habe, weil sie eine Funktion haben — sie erinnern mich daran, dass ich nicht so klug bin, wie ich gerne denke.

    Manchmal fährt Julia mit dem Staubsauger drüber, schaut mich an, sagt nichts, lacht ein bisschen vor sich hin. Ich weiß, was sie denkt. Sie weiß, dass ich weiß, was sie denkt. Das ist wahrscheinlich das, was Beziehung nach 26 Jahren ist.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  HAUPTROTOR-DURCHMESSER............: 180 cm     │
    │  WOHNZIMMER-DECKE..................: 240 cm     │
    │  HECKROTOR-BODEN-ABSTAND...........: 30 cm      │
    │  PARKETT-WIDERSTAND................: UNZUREICH. │
    │  V-STABI-LEISTUNG..................: VORBILDLICH│
    │  COUCHTISCH-VASE...................: ÜBERLEBT   │
    │  COUCHTISCH-OBERFLÄCHE.............: KRATZER    │
    │  PARKETT...........................: LOCH       │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: KEINER     │
    │  EHEFRAU-BLICK.....................: KENNT MICH │
    │  GROSSMUTTER (RIP)-ROTATION-IM-GRAB: MITTEL     │
    │  WIEDERHOLUNGS-RISIKO..............: NULL       │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WIRKLICH-WISSEN ERWORBEN <<       │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: AUSSEN ZUERST <<            │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil man stolz auf sich ist. Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil sie schlichtweg passiert sind und es keinen Sinn hat, sie wegzuschweigen. Diese hier ist von der zweiten Sorte. Ich war damals erstaunlich überzeugt von mir, ich hatte den Heli zwei Wochen lang gewartet, und ich hatte das Gefühl, dass die Decke höher ist als der Rotor breit. Diese Voraussetzung war mathematisch korrekt. Sie war praktisch ungenügend.

    Ich habe seither nie wieder versucht, einen Heli mit 180 cm Rotor in einem Wohnzimmer zu fliegen. Das ist nicht weil ich es nicht mehr wollte. Das ist weil das Loch im Parkett mich jedes Mal, wenn ich daran denke, daran erinnert, dass ich es schon einmal versucht habe. Das ist im Grunde der praktische Wert kleiner Sachschäden — sie übernehmen die Funktion, die früher bei Mönchen das Memento Mori hatte. Eine Erinnerung an die eigene Endlichkeit, in diesem Fall die der eigenen Klugheit.

    Der Heli fliegt heute noch. Auf der Wiese. Wo er hingehört.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich habe an dem Tag in der Küche gestanden und mich gefragt, ob ich noch was sagen soll. Ich habe nichts gesagt. Lars hatte den Sender in der Hand, der Heli stand in der Luft, ich kannte den Gesichtsausdruck, ich wusste, dass jeder Satz von mir den Heli nur schneller in die Vase fliegen lassen würde.

    Manchmal ist das Klügste, was man tun kann, ins andere Zimmer zu gehen. Ich bin in die Küche zurück und habe Kaffee gemacht. Als ich rauskam, war alles schon vorbei. Vase stand, Couchtisch hatte einen Kratzer, Parkett ein kleines Loch, Heli auf dem Sofa. Lars sah aus wie ein Mensch, der etwas gelernt hat. Mir hat das gereicht.

    Das Loch ist übrigens nicht mehr meine Großmutter ihres. Das Parkett ist später mal abgeschliffen worden. Aber Lars erzählt das gerne so. Lass ihm den Schmerz.