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  • Sieben Naechte im A6 auf der Insel Rab — Akt 1 der Schlaf-Trilogie

    Sieben Naechte im A6 auf der Insel Rab — Akt 1 der Schlaf-Trilogie

    Quest #064 · Beziehungs-Tech · +200 XP · Trilogie 1/3

    Sieben Nächte im A6 auf der Insel Rab — Akt 1 der Schlaf-Trilogie

    Es gibt eine Phase im Leben jedes Paares, in der man sagt: Wir brauchen kein Hotel. Wir können das. Wir nehmen das Auto, wir packen ein bisschen Zeug ein, wir fahren los. Wenn die Müdigkeit kommt, klappen wir die Sitze nach hinten und schlafen. Das ist robust. Das ist günstig. Das ist Abenteuer.

    Diese Phase hatten wir auch. Sie dauerte sieben Nächte, fand auf der Insel Rab statt, Campingplatz Lopar, und endete mit der Erkenntnis, dass ein Audi A6 Avant viele bemerkenswerte Eigenschaften hat. Eine ausreichende Schlaffläche für zwei Erwachsene gehört nicht dazu.


    ▌ DER PLAN — RICHTIG GEDACHT, FALSCH UMGESETZT

    Der Plan war einfach. Wir fahren mit dem Audi nach Kroatien, Insel Rab, Campingplatz Lopar. Wir buchen einen Stellplatz. Wir schlafen im Auto. Wir sparen das Hotel. Wir sind robust. Wir sind erwachsene Menschen mit einem Kombi, der hinten umgelegt eine vollkommen ausreichende Liegefläche bietet.

    Das Wort umgelegt ist hier wichtig. Damit der Plan funktioniert, muss die Rückbank umklappbar sein. Damit die Rückbank umklappbar ist, muss der Kofferraum leer sein. Damit der Kofferraum leer ist, darf man nicht packen, als würde man auswandern.

    Julia packt, als würden wir auswandern.

    Sie packt vorausschauend, gewissenhaft, mit dem Anspruch, dass wir auf jeden denkbaren Notfall vorbereitet sind. Verbandskasten doppelt. Drei Sorten Schuhe. Ein Wasserkocher. Ein Reisetauchsieder als Backup zum Wasserkocher. Vorräte für sieben Tage, weil man weiß ja nie, ob die Geschäfte sonntags offen haben. Eine zweite Garnitur Bettzeug, weil was ist wenn das andere nass wird. Eine ganze gelbe Box mit etwas, das ich bis heute nicht weiß, was es war.

    Ergebnis: Der Kofferraum war voll. Bis unter die Heckscheibe. Die Rückbank war nicht umlegbar. Die Liegefläche, die der ganze Plan brauchte, existierte nicht.

    Das haben wir aber erst gemerkt, als wir nach 19 Stunden Fahrt auf dem Campingplatz Lopar standen, die Heckklappe geöffnet hatten und wussten: Hier wird heute Nacht keiner liegen.

    ▌ Die Lösung: Vordersitze, Lehne flach, Augen zu

    Was macht man, wenn man nach 19 Stunden Fahrt auf einem kroatischen Campingplatz steht, der Kofferraum voll ist und kein Hotel-Zimmer in Reichweite? Man improvisiert. Lehnen flach, Sitzkissen so weit wie möglich nach hinten, Bettdecke aus dem Kofferraum gefingert, Schuhe aus.

    Ich auf dem Fahrersitz. 1,80 Meter, mehr oder weniger. Der Audi-Fahrersitz ist nicht für 1,80 Meter Schlafposition gebaut. Das Lenkrad ist im Weg. Die Pedale sind im Weg. Die Mittelkonsole ist besonders im Weg, weil sie eine erhabene Trennwand zur Beifahrerseite bildet, an der der linke Ellbogen über sieben Tage einen blauen Fleck bekommt, den ich heute noch identifizieren kann, wenn ich genau hinschaue.

    Julia auf dem Beifahrersitz. 1,53 Meter. Sie kann sich zusammenrollen wie eine Katze, mit allen Gliedmaßen sauber innerhalb der Sitzfläche, ohne dass irgendwas absteht oder anschlägt. Das ist eine Fähigkeit, die ich nicht habe, die ich nie haben werde, und die in dieser Woche zum ersten Mal in meinem Leben unmittelbar als Vorteil sichtbar wurde. Wenn man Julia nachts im Beifahrersitz sieht, sieht man einen kleinen, friedlichen Knäuel. Es sieht beneidenswert aus.

    Erste Nacht. 19 Stunden Fahrt im Adrenalin-Modus. Endlich Augen zu. Müde wie ein Bär im Winterschlaf. Und dann passiert: das.

    ▌ AKT 1 — Die Schaf-Banshee

    Auf dem Campingplatz Lopar laufen nachts Schafe. Das stand nicht in der Buchungsbestätigung. Das stand auch nicht in den Reise-Foren. Das war eine kroatische Eigenheit, die wir vor Ort kennenlernen durften: Es gibt freilaufende Schafe, sie kommen abends rein, sie laufen zwischen den Wohnwagen herum, sie machen das schon immer so, der Platzwart winkt freundlich.

    Die Schafe wussten nicht, dass im Audi geschlafen wurde. Sie kamen näher. Sie standen direkt neben unserem Auto. Eines davon machte ein Geräusch — vermutlich völlig normal, aus Schaf-Sicht — direkt neben Julias Beifahrer-Fenster.

    Julia ist im Banshee-Modus. Sofort.

    Wer Quest #062 gelesen hat, kennt die Frequenz. 4,2 Kilohertz. Es ist exakt die gleiche Frequenz wie damals zu Hause bei der Spinne. Es ist eine reine Note, eine einzelne Schwingung, irgendwo zwischen Walisisch und einem mittelalterlichen Klagelied. Das System ist konsistent. Egal ob fränkisches Schlafzimmer oder kroatischer Sandboden — Spinne, Schaf, beides löst das gleiche aus.

    Ich, eben noch tief weggetreten, sitze gefühlt eine Zehntelsekunde später kerzengerade auf dem Fahrersitz wie nach einer Europalette Red Bull. Hirn 100 Prozent online, Herzfrequenz auf Marathonniveau, Adrenalin auf Notfallausschüttung. Schaf weg. Julia auch wieder ruhig. „Gib a Ruh, schlaf weiter.“ Sagt sich leicht.

    Ich habe noch nie in meinem Leben mit einer Europalette Red Bull in der Blutbahn versucht zu schlafen. Es funktioniert nicht. Was funktioniert, ist eine halbe Stunde an die Decke des Audi starren und überlegen, ob das, was eben war, wirklich passiert ist.

    ▌ AKT 2 — Die Stuka-Mücken

    Was passiert, wenn man auf einem mediterranen Campingplatz die Fenster einen Spalt offen lässt, weil im geschlossenen Audi mit zwei Erwachsenen die Luft nach drei Stunden den Sauerstoffgehalt eines Mondbodens hat? Richtig. Es kommen Mücken rein.

    Die kroatische Mücke ist nicht die deutsche Mücke. Die deutsche Mücke surrt höflich, lässt sich vertreiben, gibt nach drei Versuchen auf. Die kroatische Mücke fliegt im Stuka-Modus. Sie geht in den Sturzflug, sie zielt präzise, sie schreit dabei. Sie kommt im Verband. Sie hat Strategie.

    Julia ist nicht mehr in einem Modus, der einen Namen hat. Julia ist im Flugabwehr-Modus. Sie hat eine Flag-Sprühdose. Sie hat eine Stirnlampe. Sie hat eine Fliegenklatsche, die ich überhaupt nicht erinnern kann eingepackt zu haben. Sie ist hellwach, kompetent, koordiniert.

    Was im Audi-Innenraum jetzt passiert, lässt sich am ehesten so beschreiben: Lichtblitze. Stirnlampe an, Stirnlampe aus, Stirnlampe schwenkt durch den Innenraum auf der Suche nach dem nächsten Stuka, Flag-Spray sirrt, Klatsche schlägt zu. Alles im Wechsel. Im Sekundentakt.

    Ich sitze immer noch auf dem Fahrersitz, mit einer Europalette Red Bull intus, mit einer halben Stunde Decken-Anstarren hinter mir, und beobachte, wie meine 1,53-Meter-Frau in einem deutschen Kombi auf einer kroatischen Insel im Dunkeln Mücken bekämpft. Mit Flutlicht.

    Mein Hirn versteht das nicht. Mein Hirn ist seit 19 Stunden Fahrt plus Schaf-Schock plus jetzt-noch-Mücken-Stuka über das Limit gefahren. Mein Hirn denkt: Bunker. Berlin. Flugabwehr. Das ist medizinisch nicht akkurat. Das ist auch zeitlich nicht akkurat. Aber so funktioniert ein überlastetes Hirn.

    ▌ AKT 3 — Master-Reset zum Neandertaler

    Was an dieser Stelle in meinem Kopf passiert, lässt sich technisch am besten beschreiben als ein Master-Reset. Die Schlaf-Wach-Schlaf-Sequenz, kombiniert mit den intermittierenden Lichtblitzen im Auto-Innenraum, hat das System überfordert. Hirn neu programmiert. Zurückgesetzt zur Werkseinstellung. Die Werkseinstellung von einem überforderten Lars um 03:30 Uhr nach 22 Stunden ohne Schlaf ist: Neandertaler.

    Aus dem Neandertaler-Lars kommen nur noch Kernsätze. Konkret zwei.

    • „Tötet es mit Feuer.“
    • „Gib endlich a Ruh, ich will pennen.“

    Beide Sätze sind nicht konstruktiv. Beide Sätze tragen nichts zur Mückenbekämpfung bei. Beide Sätze werden von Julia ignoriert, weil Julia gerade Krieg führt und keine Zeit für Kommentare aus dem Fahrersitz hat.

    Irgendwann, ich weiß nicht wann, sind die Mücken weg. Oder die Stirnlampe leer. Oder Julia eingeschlafen. Egal welches davon — bei mir gehen die Lichter aus. Endgültig. Bewusstlos in der Schräglage Fahrersitz, Lenkrad einen Zentimeter vom Kinn entfernt, linker Ellbogen an der Mittelkonsole, Bettdecke halb auf dem Boden.

    Vier Stunden Schlaf. Erste Nacht. Sechs noch zu gehen.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ORT...............................: RAB / LOPAR│
    │  FAHRZEIT BIS ANKUNFT..............: 19 STD     │
    │  GEPLANTE LIEGEFLAECHE.............: KOFFERRAUM │
    │  TATSAECHLICHE LIEGEFLAECHE........: VORDERSITZE│
    │  GRUND.............................: PACKVOLUMEN│
    │  LARS GROESSE......................: 1,80 M     │
    │  JULIA GROESSE.....................: 1,53 M     │
    │  JULIA-KATZEN-MODUS................: AKTIV      │
    │  LARS-KATZEN-MODUS.................: NICHT VERFG│
    │  SCHAF-SICHTKONTAKTE NACHT 1.......: 1          │
    │  BANSHEE-FREQUENZ..................: 4,2 KHZ    │
    │  RED-BULL-AEQUIVALENT IN BLUTBAHN..: 1 PALETTE  │
    │  MUECKEN-MODUS.....................: STUKA      │
    │  MUECKEN-FORMATION.................: VERBAND    │
    │  FLAG-SPRAY-FUELLSTAND NACHT 1.....: 80%        │
    │  FLAG-SPRAY-FUELLSTAND NACHT 7.....: 0%         │
    │  STIRNLAMPEN-EINSAETZE.............: ZAHLREICH  │
    │  HIRN-RESET........................: NEANDERT.  │
    │  KERNSAETZE NACH RESET.............: 2          │
    │  SCHLAF-NETTO NACHT 1..............: 4 STD      │
    │  GESAMT-NAECHTE IM AUDI............: 7          │
    │  ELLBOGEN-BLAU-FLECK...............: PERMANENT  │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WIR BRAUCHEN EIN ZELT <<          │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: ZELT, BEIM NAECHSTEN MAL <<│
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die anderen sechs Nächte waren nicht alle wie die erste. Manche waren ruhiger. An einer Nacht hat es geregnet, da blieben die Mücken weg und die Schafe auch. An einer anderen Nacht haben Touristen aus dem Wohnwagen nebenan eine Geburtstagsfeier gefeiert, die offiziell um zehn Uhr aufhörte und inoffiziell um halb drei. Aber im Großen und Ganzen haben wir es überstanden, sieben Nächte, in einem Audi A6 Avant auf einem kroatischen Campingplatz, ohne dass die Ehe gelitten hätte.

    Die Erkenntnis dieser Woche war einfach: Ein Auto ist ein Fortbewegungsmittel. Ein Auto ist kein Schlafzimmer. Wer beides will, muss eine Lehne flach kippen — und mit dem Wissen leben, dass das Lenkrad sich am Kinn nicht in Wohlfühlmöbel verwandelt, nur weil man fest die Augen schließt.

    Wir kauften ein Zelt. Beim nächsten Mal, sagten wir, machen wir das richtig. (Siehe Quest #065 — Akt 2 der Schlaf-Trilogie.)


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich habe nicht überpackt. Ich habe für sieben Tage gepackt. Wer für sieben Tage Urlaub Ersatz-Bettzeug, einen Wasserkocher und Vorräte einpackt, ist nicht überpackt. Wer für sieben Tage Urlaub denkt, eine Zahnbürste reicht, der hat nie zwei Stunden auf einer kroatischen Insel verbracht, an einem Sonntag, mit geschlossenen Geschäften.

    Was er nicht erzählt: Er hat die ganze Schlaf-im-Auto-Idee gehabt. Ich hatte vorgeschlagen, ein Hostel zu buchen. Er sagte: „Brauchen wir nicht, der Audi ist groß genug.“ Ich habe gesagt: „Bist du dir sicher?“ Er sagte: „Ja.“ Den Satz hat er sieben Nächte lang in verschiedenen Tonlagen wiederholt. Am siebten Tag in der Tonlage „Wir kaufen ein Zelt.“

    Die Schafe waren übrigens niedlich. Man muss sie nur einmal kennenlernen, dann weiß man, dass sie nichts Böses wollen. Lars hat das nach drei Tagen verstanden. In den ersten zwei Nächten dachte er noch, sie wären die Vorhut von etwas Größerem.