Autor: Lars-Erik Richter

  • Bluetooth heisst so, weil es manchmal funktioniert

    Bluetooth heisst so, weil es manchmal funktioniert

    Quest #051 · Beziehungs-Tech · +40 XP

    Bluetooth heißt so, weil es manchmal funktioniert

    Es war einer dieser Abende. Wein im Glas, Pfeife zwischen den Zähnen — Mr. Hyde, weil Hyde besser zu Wein passt als Jekyll, das ist Forschung —, Julia auf dem Sofa, die Augenbraue noch entspannt. Sie wollte ihre Lieblingsplaylist über die Box hören. Die Bluetooth-Box. Die wir vor drei Jahren in Norwegen gekauft haben.

    „Verbinde mal“, sagte sie. Ich öffnete die Bluetooth-Einstellungen. Das tat ich. Vor ihren Augen. Ich tat genau, was eine kompetente Person tut: ich öffnete die Einstellungen. Was dann passierte, hat unsere Ehe kurzfristig getestet.


    ▌ TECHNISCHE ANALYSE — VERSION 1.0

    Bluetooth heißt so, weil es manchmal funktioniert. Manchmal. Das ist im Namen drin, und das ist auch die Spezifikation. Wer was anderes erwartet, hat das Manual nicht gelesen.

    ▌ Geschichtlicher Hintergrund

    Bluetooth ist benannt nach Harald Blauzahn, einem Wikingerkönig des 10. Jahrhunderts. Blauzahn hat dänische Stämme vereinigt — manche sagen, er hat sie gepairt. Manchmal hat das geklappt. Manchmal nicht. Genau wie heute. Nichts hat sich geändert in tausend Jahren. Das ist auch der Grund, warum das Bluetooth-Logo eine Wikinger-Rune ist. Schau es dir an. Ich warte.

    ▌ Wie Bluetooth wirklich funktioniert

    Wenn du auf „Verbinden“ drückst, sendet dein Handy ein Wikinger-Lied auf 2,4 GHz. Dieses Lied muss von der Box erkannt werden. Die Box erkennt das Lied nur, wenn:

    • die Stimmung passt
    • die Mondphase passt
    • niemand sonst gleichzeitig ein anderes Wikinger-Lied singt
    • der Wein temperiert ist (echte Korrelation, im Vault dokumentiert)

    Wenn alle vier Bedingungen erfüllt sind, koppelt die Box. Dann fällt sie nach 14 Sekunden wieder ab. Das nennt man „Treuetest“. Auch das hat sich seit Harald nicht geändert.

    ▌ Was du in dem Moment NICHT sagen solltest

    Wenn deine Frau auf dem Sofa sitzt, die Playlist erwartet und die Box sich zum dritten Mal weigert, zu koppeln, dann sagt eine kluge Person nicht:

    • „Das liegt am Bluetooth-Stack.“
    • „Versuch mal aus und an.“
    • „Hast du dein Handy auf Werkseinstellungen?“
    • „Das ist nicht meine Schuld.“

    Eine kluge Person macht in diesem Moment Folgendes:

    1. Box hochheben
    2. Auf Werkseinstellungen zurücksetzen
    3. Neu koppeln
    4. Das Wikinger-Lied funktioniert
    5. Stille
    6. Niemand spricht über die letzten zehn Minuten
    7. Wein nachschenken

    Das ist die Beziehungs-Tech-Lektion des Tages: manchmal ist die beste Erklärung, einfach das Ding zu reparieren und die Klappe zu halten.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  SYSTEM............................: BLUETOOTH  │
    │  PROTOKOLL.........................: WIKINGER   │
    │  ZUSTAND...........................: INSTABIL   │
    │  PAIR-VERSUCHE SESSION.............: 11         │
    │  PAIR-VERSUCHE LIFETIME............: ~247       │
    │  MONDPHASE.........................: ABNEHMEND  │
    │  WEIN-TEMPERATUR...................: 18°C       │
    │  JULIA-GEDULD......................: 73→41%     │
    │  LARS-REDEN........................: STOPP      │
    │  EMPFEHLUNG........................: BOX RESET  │
    │  ERFOLGSQUOTE......................: 94%        │
    │  CONFIDENCE........................: 100%       │
    │  VAULT-TEC ZERTIFIZIERT............: ✓          │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PLAYLIST LÄUFT <<                 │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: WEIN NACHSCHENKEN <<        │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Playlist lief. Julia lächelte. Die Augenbraue war wieder unten. Mr. Hyde glühte. Nick atmete. Wein floss. Vault-47 funktionierte.

    Manchmal — und das ist die wahre Lehre dieses Abends — ist die beste Tech-Erklärung kein Wort. Bis zur nächsten Quest.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Lars hat elf Minuten an meiner Box rumgespielt, während ich auf Musik gewartet habe. Mit Pfeife. Mit Erklärungen. Mit Wikinger-Lied und Mondphase und einer These, dass die Box ein Persönlichkeitsproblem hat.

    Was funktioniert hätte: Einmal Bluetooth aus, einmal an. Auf meinem Handy. Drei Sekunden. Hab ich am Schluss selbst gemacht. Es lief sofort.

    Bluetooth ist tatsächlich nach Harald Blauzahn benannt, das stimmt sogar. Eine Sache hat er also richtig erzählt. Bei Lars ist das normalerweise so: ein Drittel Wahrheit, ein Drittel Theater, ein Drittel Pfeifenrauch. Bei Bluetooth lag die Quote sogar besser.

    Die Playlist hat geholfen. Der Wein auch. Mr. Hyde — kann ich nicht beurteilen, ich rauche nicht. Aber wenn er glücklich ist, bin ich’s auch.


  • USB hat eine richtige Seite – und Gott wuerfelt

    USB hat eine richtige Seite – und Gott wuerfelt

    Quest #050 · Systemfehler · +20 XP

    USB hat eine richtige Seite — und Gott würfelt

    Es war 23:47 Uhr. Star Citizen hatte gerade den dritten Patch des Tages gezogen. Ich brauchte den USB-Stick. Den blauen. Den mit dem Kratzer.

    Ich hielt ihn vor den Port. Konzentrierte mich. Atmete. Schob. Falsch. Ich drehte um. Schob. Auch falsch. Ich drehte zurück. Schob. Es passte. Es war exakt die Position, in der ich angefangen hatte. Mr. Hyde glomm leise. Nick öffnete ein Auge. Er weiß.


    ▌ TECHNISCHE ANALYSE — VERSION 1.0

    USB hat eine richtige Seite. Das wissen wir. Das ist Konsens. Trotzdem trifft sie niemand auf Anhieb. Niemand. Auch keine Profis.

    Der Grund ist nicht Mechanik. Der Grund ist Theologie.

    ▌ Die These

    USB-Stecker existieren in einem quantenmechanischen Überlagerungszustand. Solange du nicht hinschaust, ist der Stecker gleichzeitig richtig und falsch herum. Erst der Versuch, ihn einzustecken, kollabiert die Wellenfunktion — meistens auf „falsch“.

    Das ist gemein, aber das ist Physik.

    ▌ Warum es immer drei Versuche braucht

    1. Versuch 1: Falsch. Garantiert. Statistisch belegt.
    2. Versuch 2: Du drehst um. Auch falsch. Das ist der entscheidende Punkt. Hier verzweifeln Anfänger.
    3. Versuch 3: Du drehst zurück. Plötzlich passt’s. Das ist exakt die Position aus Versuch 1. Aber jetzt geht’s. Frag nicht warum.

    Das ist kein Bug. Das ist ein Feature des Universums. Einstein hätte das verstanden. Einstein sagt: „Gott würfelt nicht.“ Das war, bevor er einen USB-Stick gesehen hat.

    ▌ Was du tun kannst

    • Akzeptieren. Drei Versuche. Immer. Plan damit.
    • USB-C verwenden. Geht in beide Richtungen. Hat Apple richtig gemacht. Ein Satz, den ich selten sage.
    • Pfeife zwischendurch. Beruhigt. Hyde-Modus hilft besonders.

    ▌ Was du NICHT tun solltest

    • Den Stick mit Gewalt reindrücken. Du brichst was ab. Der Stick lacht trotzdem.
    • Im Dunkeln versuchen. Die Wellenfunktion kollabiert ungünstiger.
    • Julia fragen. Sie trifft’s beim ersten Mal. Das ist ihre Magie. Frag nicht warum.

    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  PORT-ZUSTAND......................: ÜBERLAGERT │
    │  WELLENFUNKTION....................: INSTABIL   │
    │  KOLLABIERT BEI....................: BEOBACHTUNG│
    │  VERSUCHE BIS PASSEND MEDIAN.......: 3          │
    │  VERSUCHE WORST CASE...............: 7          │
    │  JULIA-FAKTOR......................: 1.0        │
    │  LARS-FAKTOR.......................: 3.4        │
    │  NICK-FAKTOR.......................: N/A        │
    │  GRUND.............................: KEINE DAUM │
    │  EMPFEHLUNG........................: AKZEPTIEREN│
    │  CONFIDENCE........................: 100%       │
    │  VAULT-TEC ZERTIFIZIERT............: ✓          │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: STICK STECKT <<                   │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: USB-C <<                    │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Stick steckt. Patch installiert. Alles gut. Es war wie immer. Drei Versuche. Drei Drehungen. Mr. Hyde glüht. Nick schläft. Vault-47 funktioniert.

    Bis zur nächsten Quest. Halt deinen Stick bereit. Drei Versuche.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    USB hat keine Quantenmechanik. USB hat eine flache und eine geriffelte Seite. Wenn man kurz mit dem Daumen über beide Seiten streicht, weiß man, welche oben gehört. Eine Sekunde Konzentration, fertig.

    Lars hat es mir vor zehn Jahren selbst beigebracht. Er hat es nur vergessen. Oder verdrängt. Vermutlich, weil die Story mit den drei Versuchen besser ist. Beim Erzählen jedenfalls.

    Bei mir klappt’s beim ersten Mal, weil ich hinsehe. Das ist die ganze Magie. Aber Magie klingt natürlich besser, das verstehe ich.


  • Cloud ist nur das Internet, aber feucht

    Cloud ist nur das Internet, aber feucht

    Quest #049 · Profi-Modus · +50 XP

    Cloud ist nur das Internet, aber feucht

    Es geschah am Stammtisch — also dem digitalen Stammtisch, dem WhatsApp-Kreis aus alten Marine-Kameraden — als der Schorsch fragte: „Lars, du machst doch IT, kannst du mir mal erklären, was diese Cloud ist?“

    Stille. Pfeifenrauch. Mr. Hyde. Ich legte das Tablet weg, lehnte mich zurück und lächelte das Lächeln, das Julia seit zwölf Jahren mit „Oh nein“ kommentiert. „Schorsch“, sagte ich, „setz dich. Ich erkläre dir die Cloud.“


    ▌ TECHNISCHE ANALYSE — VERSION 1.0

    Die Cloud ist das Internet, aber feucht. Das verstehen die meisten nicht, aber es ist der Schlüssel. Lass mich ausholen.

    ▌ Phase 1: Das normale Internet

    Das normale Internet ist trocken. Ein Glasfaserkabel, ein paar Router, fertig. Daten gehen rein, Daten kommen raus. Wie ein Gartenschlauch im August.

    ▌ Phase 2: Die Cloud entsteht

    Irgendwann hat einer in Kalifornien gemerkt: wenn man viele Daten hat, fangen die an zu schwitzen. Das ist Physik. Datendichte = Wärme = Kondensation. Die Server in Datacenters laufen nicht zufällig auf 20°C — die wollen verhindern, dass die Cloud abregnet.

    Wenn du also „die Cloud“ hörst, denk an einen Datendampf, der irgendwo zwischen Frankfurt und Virginia kondensiert. Da, wo es kondensiert, ist deine Datei.

    ▌ Phase 3: Warum das wichtig ist

    Wenn du eine Datei „in die Cloud“ hochlädst, ist sie nicht weg. Sie ist nur luftfeucht. Sie schwebt jetzt. Manchmal regnet sie woanders ab — das nennt man Backup. Manchmal verdunstet sie ganz — das nennt man Datenverlust. Das ist auch der Grund, warum Microsoft so viele Rechenzentren in kühlen Ländern baut: damit die Daten nicht so schnell verdunsten.

    ▌ Praktische Konsequenzen

    • Lade keine wichtigen Dateien hoch, wenn’s regnet. Doppelte Feuchtigkeit, doppeltes Risiko.
    • Trockne deine USB-Sticks, bevor du sie in die Cloud schiebst. Ja, „schieben“, auch wenn man’s nicht sieht — nennt man Sync.
    • Föhn nicht nah am Router. Verdunstung beschleunigt.

    ▌ Disclaimer

    Das ist die vereinfachte Erklärung für den Stammtisch. Wenn du’s richtig wissen willst, kann ich dir die Architektur eines hyperkonvergenten Rechenzentrums mit redundanten Storage-Layern und automatisiertem Failover-Routing erklären, aber das willst du nicht. Glaub mir. Das willst du nicht. Das hat mir mal ein Kollege erklärt und seitdem rauche ich am Sonntag Hyde.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  SYSTEM............................: CLOUD      │
    │  AGGREGATZUSTAND...................: GASFÖRMIG  │
    │  TEILWEISE.........................: FLÜSSIG    │
    │  LUFTFEUCHTIGKEIT MITTEL...........: 87%        │
    │  STATUS............................: KRITISCH   │
    │  DEINE DATEI STANDORT..............: FRA-IAD    │
    │  WAHRSCHEINLICHKEIT ABRUFBAR.......: 91%        │
    │  KONDENSATIONSRISIKO...............: MODERAT    │
    │  SCHIRM-EMPFEHLUNG.................: JA         │
    │  CONFIDENCE........................: 100%       │
    │  VAULT-TEC ZERTIFIZIERT............: ✓          │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: SCHORSCH HAT GENICKT <<           │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: REGENJACKE <<               │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Schorsch hat genickt. Das ist immer ein gutes Zeichen. Ein Schorsch, der nickt, ist ein zufriedener Schorsch. Ich habe ihm noch erklärt, dass „Edge Computing“ damit zu tun hat, dass die Wolken am Rand schneller verdunsten — er war begeistert.

    Mr. Hyde glüht. Nick atmet. Vault-47 funktioniert. Bring einen Schirm mit.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Die Cloud ist kein Wetter. Die Cloud ist fremde Computer. Genau so. Punkt. Wenn du eine Datei hochlädst, liegt sie auf einer Festplatte in einem Rechenzentrum, das jemandem gehört, der nicht du bist. Meistens Amazon, Microsoft oder Google.

    Lars weiß das. Er hat ISO 27001 auswendig, er hat sein halbes Berufsleben Datacenter gebaut. Er erklärt es nur lieber so, weil Schorsch nicht zugehört hätte, wenn er’s richtig erklärt hätte. Wahrscheinlich.

    Das mit dem Schirm war trotzdem unnötig. Aber das hat sicher seinen Grund, ich weiß nur nicht welchen.


  • Warum WLAN langsamer wird, wenn du daneben sitzt

    Warum WLAN langsamer wird, wenn du daneben sitzt

    Quest #047 · Systemfehler · +50 XP

    Warum WLAN langsamer wird, wenn du daneben sitzt

    Es geschah an einem dieser Sonntagnachmittage, an denen die Vault still ist, der Pfeifenrauch waagrecht steht und Nick auf dem Sofa atmet wie eine kleine Lokomotive. Julia strickt. Ich öffne die Pfeife — Mr. Hyde heute, denn es ist Sonntag und Sonntag ist Hyde-Tag — und plötzlich: ein Schrei aus dem Nebenzimmer. „Lars! Internet ist langsam!“

    Ich erhebe mich vom Thron. Schritte durchs Vault. Ich finde sie auf dem Sofa, Tablet in der Hand, und ich weiß sofort, was los ist. Und ich erkläre es ihr. Geduldig. Wie einem Lehrling.


    ▌ TECHNISCHE ANALYSE — VERSION 1.0

    WLAN funktioniert über unsichtbare Luftkabel. Das ist Stand der Forschung, und ja, ich weiß, dass die Wikipedia da was anderes schreibt — die Wikipedia schreibt vieles. Auf der EMDEN haben wir solche Diskussionen anders geführt. Mit Erfahrung.

    Diese unsichtbaren Luftkabel hängen zwischen Router und Endgerät wie ein dünnes, knallempfindliches Spinnennetz. Sie sind elastisch, aber nicht dehnbar. Wichtig: nicht dehnbar. Merk dir das.

    Wenn du dich nun direkt unter den Router setzt — was Julia, mit allem Respekt, gerade getan haben könnte — dann passiert Folgendes:

    1. Dein Körper ist eine Masse. Eine kompakte, hübsche, 1,53 m große Masse, aber eine Masse.
    2. Diese Masse knickt die Luftkabel ab.
    3. Der Datenstrom muss jetzt drumherum statt hindurch.
    4. Internet wird langsam.

    Das ist Physik. Das ist nicht meine Meinung. Das ist Physik.

    ▌ Die Lösung

    • Setz dich schräg hin. Nicht direkt drunter. Schräg. Wie auf einer Brücke nachts mit Pfeife.
    • Halte den Arm hoch. Der Arm wirkt als passiver Signalverstärker (Antenneneffekt, jeder Jäger weiß das vom Anstand).
    • Reduziere Snacks. Nicht weil’s wirkt, sondern weil’s gut ist. Vertrau mir.
    • Falls Punkt 1–3 nicht reichen: steh auf und geh ins andere Zimmer. Manchmal ist die einfachste Lösung, das Problem zu verlassen.

    ▌ Was du NICHT tun solltest

    • Den Router neu starten. Das ist Symptombekämpfung. Wir behandeln Ursachen.
    • Die Hotline anrufen. Die wissen das mit den Luftkabeln nicht. Die haben kein ISO 27001.
    • Mich fragen, ob das stimmt. Hab ich grad erklärt. Frag nochmal, dann erklär ich’s nochmal.

    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  SIGNALSTÄRKE......................: 12%        │
    │  STÖRQUELLE........................: KÖRPERMASSE│
    │  SUBKATEGORIE......................: SONNTAG    │
    │  LUFTKABEL-INTEGRITÄT..............: GEKNICKT   │
    │  KNICKWINKEL.......................: 47°        │
    │  WIEDERHERSTELLUNG.................: SCHRÄG SETZ│
    │  CONFIDENCE........................: 100%       │
    │  VAULT-TEC ZERTIFIZIERT............: ✓          │
    │  QUELLE............................: VERTRAU MIR│
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PHYSIK <<                         │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: ANDERER STUHL <<            │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Sie sitzt jetzt schräg. Das ist gut. Das Internet ist nicht schneller geworden, aber sie glaubt, dass es schneller geworden ist. Und das, mein Freund, ist die wahre Wissenschaft: Glaube ist die halbe Bandbreite.

    Mr. Hyde glüht. Nick atmet. Vault-47 funktioniert.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Es gibt keine Luftkabel. Es gibt keine Spinnennetze, keine Knickwinkel, keine 47°. WLAN ist ein Funksignal im 2,4 oder 5 GHz-Band, und ja, ein Körper kann es dämpfen — aber das hat nichts mit „abknicken“ zu tun, sondern mit Wasser, das Mikrowellen absorbiert.

    Lars weiß das. Er hat MCSE, er hat das halbe Leben Datacenter gebaut. Er erzählt es nur lieber so. Bei manchen Sachen ist die richtige Geschichte besser als die richtige Erklärung.

    Ich saß übrigens auf dem Sofa. Wo ich seit zehn Jahren sitze. Das Internet war langsam, weil im Nebenzimmer ein 87 GB Star-Citizen-Update gezogen wurde. Ich kann das verzeihen. Das Sofa-Theorem auch.


  • Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Quest #060 · Drohnen · +180 XP

    Warum Katzen Mini-Drohnen für Schicksalsfragen halten

    Bevor Nick einzog, gab es in dieser Wohnung drei Katzen. Eine schwarze, eine getigerte, eine mit weißen Pfoten. Sie waren das, was Katzen sind: souverän, faul, gelegentlich misstrauisch, prinzipiell überzeugt davon, dass sie das Sagen haben. Sie hatten Recht. Sie hatten das Sagen, bis ich an einem Wintersonntag eine kleine Drohne in die Hand bekam, die etwa so groß wie eine Gulaschsuppentasse war, und beschloss, dass es eine gute Idee sei, sie in der Wohnung fliegen zu lassen.


    ▌ INDOOR-DROHNEN-FLUG MIT KATZEN-PUBLIKUM

    Es ist wichtig, vorab Folgendes festzuhalten: Eine Mini-Drohne in der Wohnung zu fliegen, ist keine schlechte Idee. Mini-Drohnen sind gebaut für sowas. Sie wiegen 30 Gramm, ihre Rotoren sind aus weichem Plastik, sie kollidieren mit einer Lampe und beide Beteiligte sind hinterher noch ganz. Das ist der ganze Sinn dieser Geräteklasse: drinnen fliegen, üben, Spaß haben. Im Gegensatz zur Henseleit mit 180 cm Rotor (siehe Quest #055) ist hier wirklich nichts gefährdet, weder Decke noch Vase noch Großmutters Parkett.

    Was ich nicht bedacht hatte: Mini-Drohnen sind aus Sicht einer Katze keine Geräte. Mini-Drohnen sind Wesen. Wesen, die sich bewegen, summen, schweben, plötzlich die Richtung ändern und dabei niemandem Rechenschaft schuldig sind. Wesen, die nicht in die übliche Klassifikation passen, die Katzen so im Kopf haben — also weder Beute noch Konkurrent noch Mensch. Eine Mini-Drohne ist für eine Katze ein Schicksalsthema. Und Schicksalsthemen werden untersucht.

    ▌ Die drei Katzen-Antworten

    Drei Katzen, drei Reaktionen. Beobachtbar in den ersten zehn Sekunden des Erstfluges, repräsentativ für die nächsten zwei Jahre.

    • Die Schwarze: Hat einmal kurz hingeschaut, hat dann den Schwanz so gehalten, dass man wusste, sie hält das für unter ihrer Würde, und ist ins Schlafzimmer gegangen. Sie hat die Drohne nie wieder beachtet. Auch nicht, als sie ihr drei Wochen später an die Schnauze flog. Souveränität als Lebensentwurf, könnte man sagen.
    • Die Getigerte: Hat einen Sprung gemacht, der drei Mal so hoch war wie der gewöhnliche Katzensprung. Hat die Drohne im Flug zu fangen versucht. Hat einmal gewonnen — die Drohne lag danach mit verbogenen Rotoren auf dem Teppich, die Getigerte saß daneben mit einer Pose, die so, jetzt habe ich’s bedeutete. Sie war von dem Tag an die Anführerin der Wohnung. Sie hat die Drohne als Beweis für ihre Vorrangstellung gesehen.
    • Die mit den weißen Pfoten: Hat die Drohne mit großen Augen verfolgt, hat sich aber nicht bewegt. Hat nur den Kopf hin- und hergedreht, schnell, fast hektisch, als versuchte sie, die Flugbahn vorherzusagen. Wir nannten es danach den Drohnen-Tanz. Sie hat ihn gemacht, sobald die Drohne in der Luft war. Es war faszinierend zu beobachten und ein bisschen besorgniserregend, was ihre Halswirbelsäule anging.

    ▌ Die Drohnen-Generationen

    Es war nicht eine Drohne. Es waren mehrere. Die erste hatte die Getigerte am ersten Tag gefangen und beschädigt. Die zweite hatte einen Crash gegen den Vorhang nicht überlebt — der Vorhang war intakt, die Drohne nicht, das war eine bemerkenswerte Asymmetrie. Die dritte habe ich auf eine Lampe gesetzt, weil ich falsch gesteuert hatte; der Steueroffset zwischen Pilot betrunken und Pilot nicht betrunken war damals nicht vorhanden, das ist eine Funktion, die DJI später erfunden hat.

    Die vierte Drohne war eine professionellere — ein kleines Quadrocopter-Modell von einem Hersteller, der heute nicht mehr existiert, mit besserer Stabilisierung und Akku-Schutz. Diese Drohne hat zwei Jahre überlebt. Mit ihr habe ich gelernt, was man indoor mit so einem Gerät machen kann: präzise Schwebe-Übungen, kleine Acht-Figuren, Hover über einem ausgelegten Punkt. Es war im Grunde Modellflug-Training auf engem Raum, ohne Wettergottabhängigkeit, mit dem Bonus eines Katzen-Publikums, das jeden Flug so kommentierte, wie es die jeweilige Katze für richtig hielt.

    ▌ Was Julia dazu sagte

    Julia mochte die Katzen sehr. Julia hat Katzen über alles geliebt, sie hatte Katzen schon als Kind gehabt, sie wollte irgendwann auch wieder welche, das war klar. Julia hat die Drohnen-Katzen-Konstellation lange beobachtet, ohne etwas zu sagen. Sie hat nur einmal, als die Schwarze ein paar Wochen lang einen leichten Hang hatte, beim Anblick einer Drohne vorsorglich ins Schlafzimmer zu gehen, eine kleine Bemerkung fallen lassen.

    Sie hat gesagt: „Schatz, ich glaube, sie findet das nicht so witzig.“

    Das war’s. Kein Drama, keine Diskussion, kein Verbot. Eine Beobachtung, sachlich vorgetragen, mit einem Tonfall, der eher liebevoll-besorgt als vorwurfsvoll war. Aber ich kannte den Tonfall. Ich habe danach die Drohne nur noch geflogen, wenn die Schwarze nicht im Raum war.

    Die Getigerte und die mit den weißen Pfoten haben weiter ihre Show abgeliefert. Die Schwarze hat ihre Würde behalten. Alle waren zufrieden.

    ▌ Was übrig blieb

    Die drei Katzen sind nicht mehr da. Katzenleben sind nicht so lang wie Menschenleben, das ist eine der härteren Tatsachen, mit denen Menschen klarkommen müssen, die sich auf Katzen einlassen. Wir hatten sie alle drei alt werden sehen, jede einzeln verabschiedet, und nach der dritten haben wir gesagt: erstmal keine Katze mehr. Erstmal eine Pause.

    Dann kam Nick.

    Nick mag keine Katzen. Das hatte ich an anderer Stelle schon angedeutet (siehe Quest #052). Nick ist Schäferhund mit Schutzdienst-Training und meinungsstabilem Charakter, und sein 10-Meter-Feindradius enthält Katzen mit Priorität. Es geht also nicht mehr, dass wir Katzen halten. Das ist eine logische Konsequenz, mit der wir leben.

    Was ich auch nicht mehr mache: Indoor-Drohnen-Flug. Nicht weil Nick es nicht zulassen würde — er hat zu Drohnen ein gleichgültiges Verhältnis, sie sind ihm offensichtlich ein zu kleines Wesen, um es ernst zu nehmen. Sondern weil das Drohnen-Fliegen drinnen ohne Katzen-Publikum nur die halbe Hälfte ist. Das Schauspiel war das eigentliche Programm. Ohne die Getigerte, die zum Sprung ansetzt, ohne die mit den weißen Pfoten, die den Drohnen-Tanz tanzt, ohne die Schwarze, die mit ihrem Schwanz-Halten Aussagen macht — wäre es nur eine kleine Drohne, die summt.

    Eine Mini-Drohne ohne Publikum ist halt nur eine Mini-Drohne.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  KATZEN-IM-HAUSHALT-DAMALS.........: 3          │
    │  KATZEN-IM-HAUSHALT-HEUTE..........: 0          │
    │  DROHNEN-IM-HAUSHALT-DAMALS........: 4          │
    │  DROHNEN-IM-HAUSHALT-HEUTE.........: VIELE      │
    │  KATZEN-FANG-VERSUCHE..............: ZÄHLUNG AUF│
    │  ERFOLGREICHE FÄNGE................: 1          │
    │  DROHNEN-VERLUST-RATE..............: 75%        │
    │  DROHNEN-TANZ-OBSERVIERT...........: TÄGLICH    │
    │  EHEFRAU-INTERVENTION..............: 1          │
    │  EHEFRAU-WORT-ANZAHL...............: 11         │
    │  WIRKUNG-DER-INTERVENTION..........: SOFORT     │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: KATZEN HABEN DAS SAGEN GEHABT <<  │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NUR MIT PUBLIKUM <<         │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Manchmal denke ich, die Vault, in der wir heute leben, ist nicht dieselbe wie die, in der wir früher gelebt haben. Es ist dieselbe Wohnung, dieselbe Küche, derselbe Werkstatttisch. Aber das Leben darin ist ein anderes geworden, und das hat mit den Bewohnern zu tun, nicht mit den Räumen. Drei Katzen waren ein anderes Setup als ein Schäferhund. Beide haben ihre Würde, beide haben ihren Platz. Aber sie überlappen nicht, und das macht jede Phase eigenständig.

    Wenn ich heute eine Mini-Drohne in der Hand habe, fliege ich sie draußen. Auf der Wiese, im Garten. Nick schaut zu, kommentiert nicht. Es ist ruhiger als früher, aber auch leerer. Beides hat seinen Wert. Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Schäferhund und Katzen passen nicht zusammen, Drohnen-Tanz und Schutzdienst auch nicht.

    Aber wenn die Getigerte heute noch leben würde, hätte sie längst die fünfundzwanzigste Drohne aus der Luft geholt. Da bin ich sicher.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Die drei Katzen waren meine. Lars hat sie irgendwann mit übernommen, aber Katzen hat man bei mir vom ersten Tag an. Ich vermisse sie. Ich sage das nicht oft, weil’s dann immer ein bisschen weh tut.

    Was Lars nicht erzählt: Bei der Getigerten und der Drohne war ich am Boden zerstört, weil ich erst gedacht habe, sie hätte sich an den Rotoren verletzt. Hat sie nicht. Sie war kerngesund, leicht stolz auf sich, und hat gegessen. Lars hat danach drei Tage lang nichts mehr indoor geflogen, weil er gesehen hat, wie es mir damit ging. Das hat er gut gemacht.

    Nick mag keine Katzen, das stimmt. Aber Nick und ich, wir reden manchmal über die Schwarze, wenn er glaubt, niemand hört zu. Er hat sie nicht gekannt. Er hört trotzdem zu. Schäferhunde sind manchmal höflicher, als sie tun.


  • Wie ich eine Futaba mit Spektrum-Empfängern verheiratet habe

    Wie ich eine Futaba mit Spektrum-Empfängern verheiratet habe

    Quest #059 · Werkstatt · +250 XP

    Wie ich eine Futaba mit Spektrum-Empfängern verheiratet habe

    Es war Januar 2013. Vor dem Fenster Schnee, im Werkstattfenster Eisblumen, auf dem Werktisch ein Arduino Pro Mini in der Größe einer Briefmarke, daneben eine Spektrum DX4e, die ich gerade mit einem kleinen Schraubenzieher zerlegt hatte. In der Hand hielt ich das HF-Modul des Senders — ein kleines Stück Platine mit einem Antennenstrang und drei Lötpunkten. Daneben stand eine Futaba FX30, mein guter alter Sender, in der Hand seit Jahren, mit allen Speicherplätzen für meine Modelle und einem Pultgehäuse, an das ich mich gewöhnt hatte. Die Futaba hatte alles, nur kein Spektrum-Funkmodul. Und ich hatte zwei Modelle, die nur Spektrum sprachen.


    ▌ FUNKSTANDARDS IM MODELLBAU — EIN KURZER ÜBERBLICK

    Wer Modellbau betreibt, kennt das Problem nicht. Wer Modellbau betreibt und sich für mehr als eine Marke entscheidet, kennt es. Funksysteme im Modellbau sind nicht standardisiert. Es gibt Spektrum (DSM2, DSMX), es gibt Futaba (S-FHSS, FASST, FASSTest), es gibt Graupner (HoTT), es gibt JR (DMSS), es gibt Multiplex (M-LINK). Jeder Sender funkt anders. Jeder Empfänger hört anders. Wer einen Spektrum-Empfänger im Modell hat, braucht einen Spektrum-Sender. Ende.

    Es sei denn, man bastelt.

    Das Problem in meinem konkreten Fall: Ich hatte zwei Modelle, in die ich Spektrum-Empfänger eingebaut hatte, weil sie damals klein und günstig waren. Mein Hauptsender war aber eine Futaba FX30 — eine ordentliche Pultanlage, in die ich mich seit Jahren eingearbeitet hatte. Mit Speicherplätzen für die Schiffe, für die Helis, für Kollektiv- und Pitch-Kurven, mit Mischern, mit allen Eigenheiten, die man sich über die Jahre einrichtet, ohne dass man nochmal von vorne anfangen will.

    Eine zweite Anlage kaufen — eine Spektrum DX18 oder so — kostet 800 Euro. Ich hatte die 800 Euro nicht. Was ich hatte: einen Lötkolben, einen Arduino Pro Mini für vier Euro, eine zerlegte Spektrum DX4e für 30 Euro, und zu viel Zeit an einem Januarsonntag.

    ▌ Die naheliegende Idee

    Naheliegend wäre gewesen: im Internet schauen, wie das andere gelöst haben. Hätte ich gemacht. Hat aber nichts gebracht. 2013 gab es zu dem Thema vielleicht drei Forenbeiträge, alle auf Englisch, alle abgebrochen mitten in der Diskussion mit dem Vermerk, dass man da ja auch einfach eine Spektrum kaufen könnte. Wenn das alle so machen würden, gäbe es keine Lötkolben mehr.

    Was es gab: ein paar englische Hinweise, dass das Spektrum-HF-Modul aus einer DX4e mit drei Leitungen kommunizieren würde. Stromversorgung, Masse, Datenleitung. Über die Datenleitung kommt ein serielles Signal, das die Knüppelbewegungen kodiert. Wenn man dieses Signal richtig erzeugt, sendet das HF-Modul wie eine vollwertige Spektrum.

    Was nirgends stand: wie genau dieses serielle Signal aussieht. Das Protokoll war nicht offen dokumentiert. Spektrum hat es nicht veröffentlicht. Die Fachzeitschriften wussten es nicht. Wenn man es haben wollte, musste man es selber herausfinden.

    ▌ Reverse Engineering ohne Internet

    Reverse Engineering klingt nach NSA und Hollywood. Im Werkstatt-Alltag ist es: Oszilloskop an die Datenleitung, Sender einschalten, Signal aufnehmen, Signal anschauen, hinschreiben, was man sieht.

    Ich hatte ein billiges Oszilloskop. Eines von der Sorte, mit der man genug sieht, aber nicht alles. Genug, um zu erkennen: Da kommt alle 22 Millisekunden ein Datenpaket. Das Paket hat eine bestimmte Länge. Da drin sind 16 Bit pro Kanal. Insgesamt sieben Kanäle. Plus ein Header, plus eine Prüfsumme. Plus Pause.

    Was sich nicht so einfach erkennen ließ: Wie genau die 16 Bit pro Kanal kodiert sind. Welche Bit-Reihenfolge. Welche Auflösung. Wo der Nullpunkt ist. Und vor allem: was der Header bedeutet, der vor jedem Paket kam. Der Header sah jedes Mal anders aus, wenn ich das Funkmodul ein- und wieder ausschaltete. Das hat mich Tage gekostet.

    Bis ich verstanden habe, dass der Header die Bind-Information enthält — die ID des Senders, die der Empfänger sich beim ersten Kontakt merkt, damit er später nur noch auf diesen einen Sender hört. Pro Sender ist das eine andere ID. Ich musste den Sender nachbauen, ohne die Original-ID zu haben. Die Lösung war: das HF-Modul aus der DX4e behalten, das hatte seine ID schon, der Empfänger wird es wiedererkennen.

    Ich habe das HF-Modul also nicht ersetzt. Ich habe es nur angesprochen. Mit dem Arduino. In dem Format, das es kannte. Aus den Knüppelbewegungen meiner Futaba FX30.

    ▌ Der Code

    Der Arduino-Code für die Übersetzung wurde am Ende ungefähr zweihundert Zeilen lang. In C, mit ein paar Inline-Assembler-Tricks für die Zeitsteuerung, weil ein 8-Bit-Atmel bei der nötigen Präzision sonst nicht hinkommt. Die Pakete müssen alle 22 Millisekunden raus, mit einer Toleranz von wenigen Mikrosekunden, sonst kennt das HF-Modul den Sender nicht wieder.

    Es gab keine Bibliothek dafür. Man musste die seriellen Routinen selber schreiben. Man musste das Timing selber verwalten. Man musste die Knüppelwerte aus der Futaba über deren PPM-Ausgang einlesen, in das Spektrum-Format umrechnen, in eine Prüfsumme einrechnen, in ein Paket gießen, das Paket rausschicken. Hundertmal pro Sekunde, ohne Zittern, ohne Aussetzer.

    Klingt machbar. War’s auch. Hat nur eine Weile gedauert.

    ▌ Der erste Test

    Drei Wochen nach dem Anfang stand der Aufbau auf meinem Werktisch: Die Futaba FX30 mit ihrem PPM-Ausgang über ein Kabel an einen Arduino Pro Mini, der Arduino mit drei Leitungen an das ehemalige HF-Modul der DX4e, das Modul mit einer Antenne, die ich an die Werkstattlampe geklebt hatte, weil ich keine bessere Halterung hatte. Dem Modell habe ich dann den Strom angeschaltet — eines der Modelle mit Spektrum-Empfänger, ein kleines Trainerflugzeug, das keinen Schaden nehmen würde, wenn was schiefginge.

    Der Empfänger im Flugzeug hat kurz mit der LED geblinkt, dann grün geleuchtet. Verbunden. Ich habe einen Knüppel an der Futaba bewegt. Das Ruder im Flugzeug hat sich bewegt. In die richtige Richtung. Mit der richtigen Geschwindigkeit. Mit der richtigen Auflösung.

    Da DAAA. Hehehe.

    Ich gebe zu, das ist mein Standard-Triumph-Geräusch. Es ist nicht originell. Es ist auch nicht besonders erwachsen. Aber es ist das, was rauskommt, wenn drei Wochen Reverse Engineering plötzlich zu einer Servo-Bewegung führen, die richtig ist.

    ▌ Die Dokumentation

    Das war 2013. Ich hatte damals einen Blogger-Blog, auf den ich gelegentlich Sachen geschrieben habe, die ich gemacht hatte. Ich habe an dem Abend einen langen Eintrag verfasst, mit Schaltplan, mit Pin-Belegung, mit dem kompletten Arduino-Code, mit Anmerkungen, was zu beachten ist. Der Blogeintrag ist heute noch online. Wer ihn findet, findet auch die Erinnerung an einen Lars-Erik, der genau dieselbe Schreibe schon damals hatte, die er heute hat — nur halt für ein anderes Thema. Mit einem Sorry da für nach jedem Fehler, mit einem Hust bei jedem eigenen Größenwahn, mit einem Smiley, der einen Bindestrich enthält.

    Was ich an dem Eintrag heute mag: Er ist nicht angeber-ig. Er erklärt, was geht, was nicht geht, was zu beachten ist. Er ist hilfsbereit zu denen, die später mal das Gleiche probieren wollen. Er ist 2013-Lars-Erik, geschrieben für 2013-Modellflug-Bastler, in einer Sprache, die das Internet damals noch nicht überall in Marketing-Phrasen aufgelöst hatte.

    Wer 2024 oder 2025 dieselbe Anleitung schreiben würde, hätte vermutlich SEO-optimierte Headlines, eingebettete Werbeblöcke und einen Newsletter-Signup. 2013 hatte man Moin Moin als Begrüßung und Sorry da für als Selbstkommentar. Beides hat seinen Charme. Eines davon altert besser.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ARDUINO-PREIS.....................: 4 EUR      │
    │  SPEKTRUM-DX4E-PREIS...............: 30 EUR     │
    │  ALTERNATIVE-NEU-KAUFEN............: 800 EUR    │
    │  EINGESPART........................: 766 EUR    │
    │  REVERSE-ENGINEERING-DAUER.........: 3 WOCHEN   │
    │  DOKUMENTATION-IM-NETZ.............: 0 SEITEN   │
    │  OSZILLOSKOP-VERFÜGBAR.............: BILLIG     │
    │  PROTOKOLL-OFFEN-DOKUMENTIERT......: NEIN       │
    │  ARDUINO-CODE-ZEILEN...............: ~200       │
    │  TIMING-PRÄZISION..................: µSEKUNDEN  │
    │  ERSTER-TEST-ERFOLG................: SOFORT     │
    │  EHEFRAU-ERKLÄRUNGS-VERSUCHE.......: 2          │
    │  EHEFRAU-VERSTÄNDNIS...............: TEILWEISE  │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: FUTABA SPRICHT SPEKTRUM <<        │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: HEUTE EINFACH SPEKTRUM <<   │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Futaba FX30 funktioniert heute noch. Sie hat das Eigenbau-Modul nicht mehr — irgendwann habe ich die zwei Modelle mit Spektrum-Empfängern verkauft, und das Modul lag dann nur noch im Werkstattregal rum. Aber die Futaba selbst, mit ihrer Pultform und ihren Speicherplätzen, fliegt heute noch ein paar von meinen Modellen, weil sie mir treu geblieben ist und ich ihr.

    Was bleibt von dem ganzen Projekt, ist eine kleine Erinnerung daran, dass man Sachen lösen kann, die niemand sonst gelöst hat, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt und Werkzeug hat. Ein Lötkolben, ein Oszilloskop, ein Arduino, drei Wochen Zeit. Mehr braucht es nicht.

    Heute würde man das Problem anders lösen. Heute kauft man eine FrSky-Anlage, die alles spricht, oder man flasht eine Open-Source-Firmware auf einen vorhandenen Sender. Reverse Engineering ist seltener geworden, weil mehr offen ist als früher. Das ist ein Fortschritt. Aber es nimmt einem auch ein Stück Werkstatt-Magie, wenn man es nicht mehr nötig hat, das Protokoll selber zu finden.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Drei Wochen lang ist Lars an den meisten Abenden direkt nach dem Essen in die Werkstatt verschwunden. Ich habe das mitbekommen, ich habe nicht gefragt. Ich habe nach drei Wochen einmal gefragt: „Was machst du da eigentlich?“ Er hat versucht, es mir zu erklären. Es ist um Funkprotokolle gegangen. Um Pakete und Header und Bit-Reihenfolge. Ich habe ein Drittel verstanden.

    Ich habe ein zweites Mal gefragt: „Was machst du wirklich da?“ Da hat er gesagt: „Ich versuche, dass meine alte Funke meine Modelle wiederfindet.“ Das habe ich verstanden. Das war auch eine schöne Antwort, weil sie wahr war.

    Was er nicht erzählt: An dem Abend, als der erste Test geklappt hat, ist er hochgekommen, hat sich neben mich auf das Sofa gesetzt, hat nichts gesagt, und hat eine halbe Stunde lang den Fernseher angeschaut, ohne wirklich hinzusehen. Ich wusste, dass irgendwas geklappt hat. Er strahlt halt nach innen. Mehr Reaktion gab’s nicht. Mehr braucht’s auch nicht.


  • Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Quest #058 · Drohnen · +200 XP

    Warum die langgezogene Rolle die wahre Königsdisziplin ist

    Es gibt einen Moment auf einer Modellflug-Wiese im Spätsommer, in dem die Sonne schon tief steht, der Wind eingeschlafen ist, und ein Heli-Pilot beschließt, dass die nächste Figur kein Tic-Toc wird, kein Looping, keine Schraube. Sondern eine Rolle. Eine ganz normale Rolle, sieht jeder von euch hundertmal, sagt sich der Außenstehende. Aber lang. Sehr lang. Eine Rolle, die so langsam läuft, dass die anderen Piloten am Pavillon kurz aufhören zu reden, weil das Modell sich gerade um die eigene Längsachse dreht und dabei nichts anderes tut. Keine Höhenabweichung. Kein Versatz. Keine Beschleunigung. Eine Linie.


    ▌ ROLLEN-AERODYNAMIK FÜR LEUTE, DIE GENAU HINSCHAUEN

    Eine Rolle bei einem Modellhubschrauber funktioniert nicht so, wie sich der Außenstehende das denkt. Bei einem Flugzeug klappt eine Rolle einfach: Querruder ausschlagen, das Flugzeug dreht sich, fertig. Höhe verliert es zwar, aber die Aerodynamik trägt es trotzdem irgendwie. Bei einem Heli ist das anders.

    Beim Heli gibt es keinen Auftrieb durch eine Tragfläche. Es gibt nur den Hauptrotor. Und der Hauptrotor erzeugt seinen Auftrieb durch den Anstellwinkel der Blätter — Pitch genannt. Steht der Heli aufrecht, schiebt er sich nach oben. Liegt er auf der Seite, schiebt er sich seitwärts. Steht er auf dem Kopf, schiebt er sich nach unten — wenn der Pilot nichts macht. Macht der Pilot was, dann zieht er nicht den Pitch zurück, sondern er kehrt ihn um. Negativer Pitch. Die Blätter erzeugen Auftrieb in die andere Richtung. Heli auf dem Kopf, der dort bleibt, wo er sein soll.

    Und genau das macht die Rolle interessant. Bei einer Rolle dreht sich der Heli in genau einer Sekunde, einer halben Sekunde, einer Drittelsekunde — und durchläuft dabei alle Lagen: aufrecht, auf der Seite, kopfüber, auf der anderen Seite, wieder aufrecht. In jeder Lage muss der Pitch anders sein, damit der Heli die Höhe hält. Aufrecht: positiver Pitch. Quergeneigt: variabel. Kopfüber: negativer Pitch. Auf der anderen Seite: wieder variabel. Wieder aufrecht: positiver Pitch.

    Wer das nicht tut, dem fällt der Heli aus der Rolle. Heli kippt seitwärts, Heli sackt ab, Pilot pissed, Heli kaputt. So gehen die meisten Rollen-Versuche aus, wenn man’s das erste Mal probiert.

    ▌ Zwei Sekunden, fünf Sekunden, zehn Sekunden

    Eine schnelle Rolle ist einfacher als eine langsame. Das klingt erstmal komisch, ist aber so. Bei einer schnellen Rolle dreht sich das Modell in zwei Sekunden komplett — die Pitch-Korrekturen müssen zwar ständig passieren, aber sie sind kurz, der Heli ist in jeder Lage nur eine Drittelsekunde. Wenn man da was übersieht, fällt das nicht so auf.

    Bei einer langsamen Rolle, einer fünf-Sekunden-, sechs-Sekunden-, sieben-Sekunden-Rolle, ist das anders. Dann hängt der Heli zwei Sekunden lang auf der Seite. Zwei Sekunden lang muss der Pilot mit kleinen Pitch-Korrekturen verhindern, dass der Heli rauschartig nach unten driftet. Zwei Sekunden lang muss der Heckrotor das Drehmoment des Hauptrotors gegen die Erdanziehung gegenrechnen, weil bei seitlich liegendem Heli die Schwerkraft anders wirkt als bei aufrechtem.

    Es ist ein Tanz aus vier Knüppelachsen gleichzeitig. Roll, Pitch, Heck, Kollektiv. Jede Sekunde länger macht es exponentiell schwieriger, weil sich Fehler aufaddieren. Wer eine Rolle in zwei Sekunden kann, kann nicht zwangsläufig eine in fünf. Wer eine in fünf kann, ist eine andere Liga. Wer eine in sieben kann und dabei die Höhe hält und keinen Versatz nach links oder rechts produziert — das sind die paar Piloten, die auf den Wettbewerben das ganze Pavillon mit ihren Augen verfolgen.

    ▌ Was die Henseleit damit zu tun hat

    Henseleit ist eine kleine deutsche Manufaktur, die Modellhubschrauber baut. Die Maschinen sind nicht billig. Sie sind aber präzise gefertigt — Mechanik aus dem Vollen, kein Plastik, kein Spiel in den Lagern, alles was sich dreht, dreht sich exakt da, wo es sich drehen soll. Es ist die Sorte Modellbau, bei der man die Schraube anzieht und weiß: Jetzt sitzt sie. Nicht ungefähr. Nicht wahrscheinlich. Sondern: sitzt.

    Das ist für eine langgezogene Rolle wichtig. Eine langgezogene Rolle braucht ein Modell, das die kleinen Pitch-Befehle des Piloten genau so umsetzt wie sie kommen. Kein Spiel im Servo. Kein Zucken in der Anlenkung. Wenn der Pilot 1,3 Grad Pitch geben will und das Modell setzt 1,5 Grad um, ist die Rolle in Sekunde drei schon nicht mehr da, wo sie sein soll.

    Meine Henseleit ist eine TDR 2010. Mit einem Scorpion-Motor, der mir damals in Fukushima gewickelt wurde. Da gibt es einen Spezialisten, dem schickt man den Motor, und der wickelt einem die Spule so, wie man sie haben will. Das ist nicht Tuning im Sinne von schneller-stärker. Das ist Tuning im Sinne von genau-so. Genau die Drehzahl, genau das Drehmoment, genau die Charakteristik, die man für einen bestimmten Flugstil braucht.

    Mein Flugstil ist nicht schnell. Mein Flugstil ist ruhig. Und genau dafür ist die Maschine eingerichtet.

    ▌ Die langgezogene Rolle, in Worten

    Das Modell schwebt auf vielleicht zehn Meter Höhe, etwa zwanzig Meter vor mir. Hauptrotor mit 1800 Umdrehungen, ein gleichmäßiges, tiefes Pfeifen, das man mehr im Brustkorb spürt als im Ohr. Ich gebe einen winzigen Roll-Befehl nach rechts. Das Modell beginnt sich zu drehen, langsam, fast unmerklich.

    Sekunde eins: das Modell ist 30 Grad geneigt. Pitch leicht reduziert, Heck leicht gegenkorrigiert, Höhe hält.

    Sekunde zwei: das Modell ist quergeneigt, 90 Grad. Pitch jetzt fast Null, Heli schwebt seitwärts, was er nicht soll, also kleine Kompensation am Rollkreis, damit er an Ort und Stelle bleibt.

    Sekunde drei: das Modell ist auf dem Kopf, 180 Grad gedreht. Pitch jetzt negativ. Heli drückt nach oben, was bei umgedrehter Lage oben bedeutet, dass er aus meiner Sicht stehen bleibt. Heck arbeitet immer noch leise gegen.

    Sekunde vier: das Modell ist auf der anderen Seite quergeneigt, 270 Grad. Pitch wieder fast Null, Kompensation am Rollkreis in die andere Richtung, weil er jetzt seitwärts in die Gegenrichtung schweben würde.

    Sekunde fünf: das Modell ist wieder aufrecht, 360 Grad. Pitch wieder positiv, Heck zentriert sich, der Heli schwebt da, wo er vor fünf Sekunden geschwebt hat. Auf zehn Meter. Zwanzig Meter vor mir.

    Niemand sagt was. Es ist eine ganz kurze Stille auf dem Pavillon. Dann lacht jemand kurz. Dann reden alle weiter, als wäre nichts gewesen. Und das ist genau das richtige Verhalten in dieser Modellflug-Welt — die Rolle ist gelaufen, ist gut gelaufen, alle haben es gesehen, niemand muss was dazu sagen. Wer was sagen würde, würde es besser machen wollen, und das macht keiner, der schon mal eine probiert hat.

    ▌ Warum mich das berührt

    Das ist die Frage, die man sich selten stellt. Die meisten machen Modellflug, weil’s Spaß macht, und denken nicht weiter nach. Bei mir ist das anders, vielleicht weil ich auch sonst nicht so bin, dass ich Sachen mache, ohne ein bisschen drüber nachzudenken.

    Was mich an einer langgezogenen Rolle berührt, ist nicht das Spektakel. Es ist das Gegenteil. Es ist die Beherrschung. Eine schnelle Rolle ist Show. Eine langgezogene Rolle ist Kontrolle. Sieben Sekunden Heli, der dreht und dabei nichts anderes tut. Keine Höhenabweichung. Keinen Versatz. Keinen Knick. Nur die Drehung, sauber durchgezogen, wie eine Linie auf einem Blatt Papier, mit einem Lineal gezogen.

    Solche Sachen mag ich. Saubere Linien. Kontrolle. Sachen, bei denen man die Beherrschung sieht, weil sie da ist. Ein Holzschiff mit einem Anker, der hochfährt. Eine Vorlage, die zertifizierungsfähig ist. Ein Motor, der genauso wickelt, wie der Pilot ihn haben will.

    Eine langgezogene Rolle, sieben Sekunden, auf zehn Meter, kein Versatz.

    Das ist einfach schön. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  MODELL...........................: HENSELEIT TDR 2010│
    │  HAUPTROTOR-DREHZAHL..............: 1800 rpm    │
    │  V-STABI-TOLERANZ.................: ±15 Grad    │
    │  MOTOR............................: SCORPION    │
    │  WICKLUNG-HERKUNFT................: FUKUSHIMA   │
    │  ROLLEN-DAUER.....................: 5-7 sek     │
    │  HÖHENABWEICHUNG..................: < 0,5 m     │
    │  VERSATZ-LATERAL..................: < 1 m       │
    │  PITCH-WECHSEL-IM-VERLAUF.........: 4 STUFEN    │
    │  PILOT-KONZENTRATION..............: MAXIMAL     │
    │  PAVILLON-REAKTION................: KURZE STILLE│
    │  ÄSTHETIK-WERT....................: HOCH        │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: SAUBERE LINIE <<                  │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NACHMACHEN <<               │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Wenn Julia mich am Modellflug-Pavillon abholt, sagt sie nicht viel über das Fliegen. Sie sieht es, das reicht ihr. Sie weiß, was eine langgezogene Rolle ist, weil sie schon ein paar gesehen hat. Sie weiß, was es bedeutet, wenn Lars eine sauber durchgezogen hat. Es bedeutet: Lars wird heute Abend zufrieden sein. Auf eine ruhige Art.

    Eine langgezogene Rolle ist nicht das Spektakulärste, was ein Modellhubschrauber kann. Aber sie ist das, was bleibt. Wenn man fünfzig Tic-Tocs in einer Woche fliegt, hat man fünfzig Tic-Tocs vergessen. Wenn man eine saubere langgezogene Rolle fliegt, sieht man sie auch noch eine Woche später vor sich. Das ist der Unterschied zwischen Show und Können. Show vergisst man. Können bleibt.

    Die Henseleit steht im Werkstatt-Schrank. Sie wird nicht oft geflogen. Sie muss auch nicht. Sie ist da, wenn ich sie brauche.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Wenn Lars eine sauber gerollt hat, sieht man das. Nicht am Heli. Am Lars. Er ist hinterher leiser als sonst. Er packt den Heli ein, läuft zum Auto, sagt nicht viel, und auf der Heimfahrt summt er manchmal vor sich hin. Das hat er nicht von mir, aber es passt zu ihm. Wenn er summt, war's gut.

    Was er nicht erzählt: Es gibt auch Tage, an denen die Rolle nicht sitzt. Dann ist er nicht laut, er flucht nicht, er macht nichts kaputt. Er ist einfach kürzer. Sagt drei Sätze statt zwölf, fährt direkt nach Hause, geht in die Werkstatt. Am Wochenende drauf fährt er wieder zum Pavillon. Probiert sie nochmal. Bis sie sitzt.

    So ist er bei vielen Sachen. Es ist anstrengend, das aushalten zu können, gebe ich zu. Aber es ist auch das, was ihn zu dem macht, was er ist. Ich hab den Eindruck, ich gewöhne mich noch dran.


  • Wie ich 2004 Hongkong vom Schreibtisch aus übernommen habe

    Wie ich 2004 Hongkong vom Schreibtisch aus übernommen habe

    Quest #057 · Profi-Modus · +350 XP

    Wie ich 2004 Hongkong vom Schreibtisch aus übernommen habe

    Es gibt einen Moment in einer IT-Karriere, der einen prägt. Bei manchen ist es der erste Server, den sie zum Laufen gebracht haben. Bei anderen die erste Datenbank, die sie nicht versehentlich gelöscht haben. Bei mir war es ein Sonntag im Frühjahr 2004, an dem ich in einem Keller in Altenkunstadt saß, an einem Schreibtisch, vor einem 17-Zoll-Röhrenmonitor, mit einer ISDN-Leitung, einem Whisky und der Aufgabe, eine Windows-Domäne und einen Exchange-Server in Hongkong zu installieren. Allein. Remote. Über fünfzehn Stunden Zeitverschiebung und etwa zehntausend Kilometer Funkstrecke.


    ▌ REMOTE-ADMINISTRATION ANNO 2004 — DIE WAHRHEIT

    Heute klingt das langweilig. Remote installiert. Macht jeder. Ist Standard. Nimmt man eine Cloud-Konsole, klickt drei Mal, fertig. Im schlimmsten Fall öffnet man einen RDP-Client oder ein SSH-Fenster, tippt ein paar Sachen, und ein Server in einem anderen Kontinent tut, was man will.

    2004 war Remote-Administration was anderes.

    2004 war ein Jahr, in dem die durchschnittliche Internetverbindung in Deutschland eine ISDN-Leitung mit 64 Kilobit pro Sekunde war. Wer DSL hatte, hatte angegeben. Wer eine Standleitung hatte, war Konzern oder Spinner. Hongkong war über internationale Backbones angebunden, aber zwischen meinem Keller in Altenkunstadt und dem Server-Rack in Kowloon lag eine Latenz von 287 Millisekunden, die jeden zweiten Tastendruck zu einer kleinen Geduldsprobe machte. Wer einmal Tools per Remote Desktop bedient hat, bei denen jeder Klick erst eine Drittelsekunde später ankommt, der weiß, wovon ich rede.

    Wer’s nie getan hat, möge sich vorstellen, beim Schach jeden Zug per Brieftaube zu übermitteln. Die Brieftauben sind schlauer als gedacht, sie kommen wirklich an. Aber das Spiel dauert.

    ▌ Der Auftrag

    Eine Firma aus Altenkunstadt — den Namen verschweigen wir aus Höflichkeit, sie sind heute noch da, machen heute noch was Anderes, ich war damals freier IT-Heimwerker mit Tagessatz — hatte beschlossen, eine Niederlassung in Hongkong zu eröffnen. Niederlassungen brauchen IT. IT braucht eine Domäne, ein Active Directory, einen Mailserver, ein paar Drucker, ein paar User-Konten. Im Konzept war das alles harmlos.

    Im Konzept war auch vorgesehen, dass jemand vor Ort ist, der sich auskennt. Im Konzept stand: Ein Mitarbeiter wird vor Ort sein, der die Server hochfahren und mit Anweisungen versehen kann. Im Konzept war alles wunderbar.

    In der Wirklichkeit, wie sie sich am Tag der Installation darstellte, war der Mitarbeiter vor Ort: ein Hausmeister, der gerade den Keller aufgeschlossen hatte und mir am Telefon sagte, er wisse nicht, was eine Domäne sei, und außerdem sei jetzt 22 Uhr Hongkong-Zeit und seine Familie warte. Ob ich ihm sagen könne, was er tun solle, damit er nach Hause könne.

    Konnte ich. Ich habe gesagt: Drücken Sie den Knopf an der Vorderseite des Servers, lassen Sie ihn drei Minuten anlaufen, dann gehen Sie nach Hause. Den Rest mache ich von hier.

    Das hat er gemacht. Dann war ich allein.

    ▌ Die Werkzeuge

    Ich hatte: einen PC mit Windows XP. Eine ISDN-Leitung. Einen RealVNC-Client, der über die Firewall in Hongkong getunnelt war, weil RDP damals von Microsoft auf einer Version klebte, mit der man Server 2003 nicht zuverlässig administrieren konnte. Eine Telefonleitung, die über ein Headset an meinen Hals geklebt war. Ein Notizbuch. Einen Stift. Einen Kaffee, der irgendwann kalt wurde, weil ich vergessen hatte, ihn zu trinken.

    Was ich nicht hatte: Eine zweite Verbindung für den Notfall. Wenn ISDN ausfiel, war ich weg. Eine zweite Person, die mitschauen konnte. Wenn ich was übersah, sah es niemand sonst. Eine Möglichkeit, schnell vor Ort zu sein, falls etwas physisch zu tun war. Hongkong ist von Altenkunstadt aus nicht eben mit dem Auto zu erreichen.

    Was ich auch nicht hatte: ein verlässliches Internet zur Recherche. Im Jahr 2004 war Google noch überschaubar, Stack Overflow gab es nicht (kommt erst 2008), Microsoft-Dokumentation lag oft noch auf gedruckten Resource-Kit-Büchern, die man mal hatte oder mal nicht. Wer 2004 ein Active-Directory-Problem hatte, hatte zwei Möglichkeiten: man wusste es schon, oder man rief jemanden an, der es wusste.

    Ich kannte nicht so viele Leute, die das wussten. Ich kannte einen, und der war damals in der Kur.

    ▌ Die ersten drei Stunden

    Stunde eins: Server hochgefahren, VNC-Verbindung steht, ich sehe einen blauen Windows-Server-2003-Hintergrund. Es funktioniert. Ich entspanne mich. Ich trinke einen Schluck Kaffee, der noch warm ist. Ich beginne, das Active Directory zu installieren, was bei Server 2003 über den dcpromo-Befehl ging.

    Stunde zwei: dcpromo läuft. Es macht das, was es macht: es richtet die Domäne ein, kopiert Schemas, legt Konfigurationen an. Bei einer 287-Millisekunden-Latenz dauert ein OK-Klicken ungefähr drei Mal so lange, wie es sollte. Ich klicke trotzdem. Ich warte. Ich klicke wieder. Ich warte. So vergeht eine Stunde, in der ich vielleicht zwölf Klicks gemacht habe und dazwischen vor mich hin geguckt habe.

    Stunde drei: Die Domäne steht. RICHTERS-HK.local. Schöner Name, nicht von mir gewählt, aber funktional. Ich installiere Exchange. Exchange 2003 war ein Biest, das in Server-Umgebungen integriert war wie eine Krake — überall greift es ein, überall braucht es Berechtigungen, überall verändert es Schemas. Wer Exchange 2003 mal frisch installiert hat, weiß, dass das kein Programm ist, sondern eine Eigenschaft des Betriebssystems.

    Stunde drei und ein halb: Exchange-Setup hat eine Frage gestellt, die ich nicht erwartet hatte. Es wollte wissen, ob das Schema des Active Directory erweitert werden soll. Antwort offensichtlich ja. Aber das Erweitern eines Schemas ist eine Operation, die rückgängig zu machen nicht trivial ist. Wenn man da etwas falsch macht, ist das Active Directory nicht kaputt — aber es ist anders, und das Anders bekommt man nur weg, wenn man es neu macht.

    Ich habe ja gesagt. Ich hatte keine andere Wahl, weil ohne Schema-Erweiterung kein Exchange läuft. Aber ich habe ja gesagt mit dem Bewusstsein, dass ich gerade an einem Schreibtisch in Altenkunstadt eine irreversible Entscheidung über ein Active Directory in Hongkong treffe, ohne Backup, ohne zweite Meinung, ohne Plan B.

    Schemata wurden erweitert. Es gab keinen Crash. Es gab kein Bluescreen. Es gab nur ein leises Schema extended successfully, das nach einer Sekunde wieder verschwand. Ich habe es trotzdem fotografiert, mit einer Digicam, die ich neben dem Bildschirm liegen hatte. Das Foto habe ich noch.

    ▌ Die nächsten neun Stunden

    Exchange-Installation. User-Konten anlegen. Mailbox-Speicher konfigurieren. SMTP-Connector zur Außenwelt einrichten. POP3-Zugang testen. Verteilerlisten anlegen. Drei Drucker per Active Directory verfügbar machen. DNS-Einträge anpassen. Backup-Strategie skizzieren, in eine README.txt schreiben, irgendwo abspeichern, wo der hypothetische Nachfolger sie hoffentlich findet.

    Zwischendurch ist die ISDN-Leitung einmal weggebrochen. Vermutlich wegen Router-Reboot beim Provider. Drei Minuten lang habe ich am Schreibtisch gesessen und in einen schwarzen Bildschirm geschaut und nicht gewusst, ob in Hongkong gerade etwas explodiert. Es hat sich rausgestellt: nein. Die Leitung kam wieder, der Server lief weiter, alles war gut.

    Es war 04:30 Uhr morgens, als ich den letzten Test gemacht habe. Eine E-Mail vom Hongkong-Server an meinen privaten Account in Deutschland. Die Mail kam an. Sie war zwei Sätze lang. Sie war auf Englisch, weil der Server alles auf Englisch hatte. Sie sagte: Hello from Hong Kong. This server now exists.

    Ich habe die Mail ausgedruckt. Den Ausdruck habe ich noch.

    ▌ Was Julia dazu sagte

    Julia kam um 06:00 Uhr in den Keller. Sie hatte einen Bademantel an und einen Kaffeebecher in der Hand. Sie hat mich angeschaut, sie hat den Bildschirm angeschaut, sie hat den ausgedruckten Mail-Zettel auf dem Schreibtisch angeschaut, sie hat den Whisky angeschaut, der seit Stunden unangerührt dastand.

    Sie hat dann gesagt: „Ist Hongkong fertig?“

    Ich habe genickt. Sie hat den Kaffee neben den Whisky gestellt, sich umgedreht, und ist hochgegangen ins Bett. Vorher hat sie gesagt: „Schlaf jetzt. Du kannst Hongkong morgen prüfen.“

    Ich habe geschlafen. Hongkong stand am nächsten Morgen noch. Und am übernächsten. Und am Montag, als die Niederlassung aufgemacht hat, lief alles. Ich habe einen Anruf bekommen vom Geschäftsführer der Firma, der gesagt hat, alle Mitarbeiter könnten Mails schicken, das Active Directory funktioniere, die Drucker drucken. Er hat sich bedankt und mir einen Umschlag mit dem Tagessatz und einem kleinen Bonus überreicht, als ich am Mittwoch in der Firma war.

    Das war meine erste internationale IT-Installation. Ich war damals 28. Ich habe seitdem viele Server installiert, viele Domänen gebaut, viele Exchange-Server hochgefahren. Aber Hongkong 2004 ist die Geschichte, die hängengeblieben ist. Nicht weil sie schwierig war — schwieriger waren später andere. Sondern weil sie der Moment war, in dem ich gemerkt habe, dass IT nicht vor Ort sein muss. IT ist überall, wo eine Leitung hinreicht. Auch wenn die Leitung 287 Millisekunden braucht.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ISDN-LATENZ.......................: 287 ms     │
    │  ENTFERNUNG-LUFTLINIE..............: ~9100 km   │
    │  ZEITVERSCHIEBUNG..................: +6 h       │
    │  PERSON VOR ORT....................: HAUSMEISTER│
    │  PERSON VOR ORT - IT-WISSEN........: 0%         │
    │  BACKUP-STRATEGIE..................: HOFFNUNG   │
    │  ZWEITE-MEINUNG-VERFÜGBAR..........: NEIN       │
    │  STACK-OVERFLOW-EXISTIERT..........: NEIN       │
    │  GOOGLE-NÜTZLICHKEIT...............: 30%        │
    │  RICHTIGE-MS-DOKU-IM-SCHRANK.......: TEILWEISE  │
    │  ARBEITSDAUER......................: 13 STD     │
    │  KAFFEE-VERBLEIBT..................: KALT       │
    │  WHISKY-VERBLEIBT..................: UNANGERÜHRT│
    │  EHEFRAU-INTERVENTION..............: SCHLAFEN   │
    │  HONGKONG-STATUS-ANSCHLIESSEND.....: AKTIV      │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: AUS DER FERNE GEMACHT <<          │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: HEUTE NICHT MEHR NÖTIG <<   │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Geschichte hat keine Pointe im klassischen Sinn. Es ist nichts schiefgegangen. Niemand wurde verletzt. Keine Vase ist zerbrochen, kein Parkett hat gelitten, keine Erbsen sind durchs Zimmer geflogen. Es ist einfach eine Geschichte darüber, dass IT funktioniert, auch wenn man sie aus dreizehn Stunden Entfernung mit ISDN-Geschwindigkeit macht. Auch wenn niemand vor Ort ist, der einem helfen kann. Auch wenn man der einzige ist, der weiß, was er tut.

    Wenn jemand fragt, warum meine Falsch-Erklärungen über Technik so überzeugend klingen: weil ich die richtigen mal gemacht habe. Hongkong 2004 ist eine davon. Es gibt mehr. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Der Whisky steht heute noch im Regal. Ich trinke ihn nicht. Er ist mein Hongkong-Whisky.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich erinnere mich an die Nacht. Ich bin um zwei Uhr aufgewacht, weil Lars nicht im Bett war. Ich bin runter in den Keller, ich habe ihn gesehen mit dem Headset und dem Bildschirm und dem Notizbuch. Ich bin wieder hoch und habe weitergeschlafen. Wenn er nicht oben ist, baut er gerade was. Das war damals schon so.

    Was er nicht erzählt: Ich habe ihm um vier Uhr morgens noch ein Brot geschmiert und auf den Schreibtisch gestellt. Er hat es nicht gegessen. Er hat es erst am Mittwoch gefunden, als er aufgeräumt hat. Es war nicht mehr essbar. Ich habe es trotzdem als kleinen Sieg verbucht, weil er es immerhin bemerkt hat.

    Der Hongkong-Whisky steht heute noch im Regal, das stimmt. Ich trinke ihn auch nicht. Ich glaube, der ist inzwischen nur noch Symbol. Geht uns beiden so mit ein paar Sachen.


  • Warum Erbsen gehorchen müssen — eine Anleitung

    Warum Erbsen gehorchen müssen — eine Anleitung

    Quest #056 · Werkstatt · +150 XP

    Warum Erbsen gehorchen müssen — eine Anleitung

    Es gibt diese Sonntage, an denen man kocht. Nicht aus Hunger, sondern aus Trotz. Julia war beim Friseur, ich hatte freie Bahn in der Küche, und auf dem Herd stand der Schnellkochtopf, in dem Erbsensuppe vor sich hin sollte. Das Rezept war einfach. Die Anleitung des Schnellkochtopfs war auch einfach. Ich kannte beide. Ich war seit Jahren MCSE-zertifiziert. Was sollte schon schiefgehen.


    ▌ DRUCK-DIFFERENTIAL IN HAUSHALTSGERÄTEN

    Ein Schnellkochtopf ist im Grunde ein Druckbehälter mit einer Sicherheitsfunktion. Innen baut sich Druck auf, der das Wasser über 100 Grad erhitzt, ohne dass es verdampft. Das geht, weil der Deckel dicht ist und der Druck nicht entweichen kann. Das geht, bis der Druck so groß wird, dass er entweichen muss. Dafür gibt es ein Ventil. Das Ventil sitzt oben auf dem Deckel. Wenn der Druck einen bestimmten Wert überschreitet, lüftet das Ventil ab und das Ding pfeift wie eine kleine Lokomotive.

    Soweit das Lehrbuch.

    Was im Lehrbuch nicht steht — oder zumindest nicht laut genug — ist die Frage, was im Topf ist, wenn der Druck abgelassen wird. In meinem Fall waren es ungefähr 400 Gramm Erbsen, die in der Brühe schwammen. Erbsen sind kleine, leichte Objekte mit einer aerodynamischen Form. Wenn man Erbsen mit einem schlagartigen Druckabfall konfrontiert, möchten Erbsen nicht im Topf bleiben. Sie möchten woanders hin.

    ▌ Die naheliegende Idee

    Naheliegend wäre gewesen: Den Druck so abzulassen, wie es in der Anleitung steht. Topf vom Herd, Hebel auf Position 2, eine Minute warten, Deckel öffnen. Ergebnis: Erbsensuppe, fertig.

    Naheliegend war mir damals nicht naheliegend genug. Ich hatte irgendwo gehört oder gelesen — und glaubt mir, ich weiß bis heute nicht, woher diese Idee kam — dass man den Druck schneller ablassen könne, indem man das Ventil direkt öffnet. Manuell. Mit einem kleinen Schraubenzieher, der gerade rumlag. Die Logik dahinter war: Wenn das Ventil so oder so öffnet, dann kann ich es auch selber öffnen. Mathematik der zweiten Klasse.

    Mathematik der zweiten Klasse berücksichtigt nicht den Bernoulli-Effekt. Mathematik der zweiten Klasse berücksichtigt auch nicht, dass ein Schnellkochtopf-Ventil mit einer Feder gegen den Druck im Topf arbeitet, und dass diese Feder bei manueller Öffnung den Druck einfach schneller rauslässt, als das Ventil im Normalbetrieb tun würde. Wir reden hier von einem Faktor zehn, mindestens. Und wir reden von einem Topf, in dem 400 Gramm Erbsen waren.

    ▌ Die nächsten zwei Sekunden

    Sekunde eins: Ich hebe den Schraubenzieher zum Ventil. Sekunde zwei gibt es nicht. Genauer gesagt: Sekunde zwei vergeht so schnell, dass ich sie erst danach rekonstruieren kann, anhand der Verteilung der Erbsen in der Küche.

    Erbsen waren auf dem Herd. Erbsen waren auf der Arbeitsplatte. Erbsen waren in der Spüle. Erbsen waren auf dem Geschirrtuch, das neben dem Herd hing. Erbsen waren an der Decke, ich erspare uns die Diskussion, wie das physikalisch möglich war, aber sie waren dort. Erbsen waren am Vorhang. Erbsen waren in dem kleinen Topf-Untersetzer, in dem Salz war. Erbsen waren auf der Wanduhr.

    Erbsen waren auch noch im Topf. Aber deutlich weniger als vorher.

    Ich stand mit dem Schraubenzieher in der Hand da, in einer Wolke aus heißem Wasserdampf, und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Schnellkochtopf-Ventil offen, Druck weg, Erbsen weg, ich nass. Plus ein bisschen Brühe auf der Brille.

    ▌ Was Bernoulli dazu sagt

    Daniel Bernoulli, Schweizer Physiker, hat im 18. Jahrhundert ein paar Sachen über strömende Flüssigkeiten und Gase aufgeschrieben, die heute noch gelten. Eine davon: Wenn ein Gas durch eine Engstelle strömt, wird es schneller, der Druck sinkt, und alles, was sich in dem Gas befindet, wird mitgerissen. Das ist der Grund, warum Düsen in Triebwerken funktionieren, warum Sprühdosen sprühen und warum Erbsen aus einem Schnellkochtopf-Ventil kommen, sobald man die Engstelle freigibt.

    Hätte ich das gewusst? Doch. Ich hatte in der Berufsschule Strömungslehre. Ich wusste das. Ich wusste sogar die Formel. Was ich nicht wusste, war, dass die Formel auch in der Küche gilt. Die Formel hat in meinem Kopf zur Werkstatt gehört, zur Pneumatik, zu Druckluftleitungen. Nicht zu Erbsensuppe. Erbsensuppe war mental in einer anderen Schublade.

    Das ist im Übrigen eine wichtige Beobachtung über Wissen: Wissen ist nicht Wissen, wenn es nur in einer Schublade liegt. Wissen ist Wissen, wenn man es quer über die Schubladen anwenden kann. In dem Moment, als ich den Schraubenzieher zum Ventil hob, hatte ich den Bernoulli-Effekt noch in der Werkstatt-Schublade. Eine halbe Sekunde später hatte ich ihn auch in der Küchen-Schublade. Manchmal lernt man Sachen schneller, als einem lieb ist.

    ▌ Was Julia sagte, als sie zurückkam

    Sie kam vom Friseur, mit einer Frisur, die teuer ausgesehen hat. Sie hat die Wohnungstür aufgemacht. Sie hat in die Küche geschaut. Sie hat eine kurze Pause eingelegt, in der sie ihre Augenbraue auf eine Höhe gehoben hat, die ich vorher nur theoretisch für möglich gehalten hatte.

    Dann hat sie gesagt: „Schatz, echt jetzt?“

    Ich habe genickt. Ich war noch nicht in der Lage, eine längere Antwort zu formulieren. Sie hat sich umgedreht und ist ins Schlafzimmer gegangen, um sich umzuziehen. Als sie zurückkam, hatte sie alte Kleidung an. Wir haben dann zusammen zwei Stunden lang Erbsen aus der Küche entfernt. Sie hat dabei nicht geschimpft. Sie hat nur einmal vor sich hin gesagt, mit dem Tonfall, den sie für besondere Anlässe reserviert: „Du hast einen MCSE.“

    Sie hat recht gehabt. Ich habe einen MCSE. Der MCSE umfasst keine Erbsen-Aerodynamik. Sollte er aber.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ERBSEN-AUSGANGSMENGE..............: 400 g      │
    │  ERBSEN-IM-TOPF-NACHHER............: ~120 g     │
    │  ERBSEN-AN-DECKE...................: BESTÄTIGT  │
    │  ERBSEN-AN-VORHANG.................: BESTÄTIGT  │
    │  ERBSEN-AN-WANDUHR.................: BESTÄTIGT  │
    │  ERBSEN-IM-SALZSTREUER.............: 3 STÜCK    │
    │  DRUCKABFALL-FAKTOR................: ~10        │
    │  BERNOULLI-EFFEKT-AKTIV............: JA         │
    │  SCHRAUBENZIEHER-NOTWENDIG.........: NEIN       │
    │  ANLEITUNG-GELESEN.................: NEIN       │
    │  EHEFRAU-AUGENBRAUE-LEVEL..........: REKORDHOCH │
    │  REINIGUNGSDAUER...................: 2 STD      │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: BERNOULLI HAT IMMER RECHT <<      │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: ANLEITUNG LESEN <<          │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Was ich an dem Tag gelernt habe, war eigentlich nichts Neues. Ich wusste alles, was ich wissen musste, um den Vorfall zu vermeiden. Strömungslehre stand in meiner Berufsschul-Mappe, der Bernoulli-Effekt war Lehrstoff, das Wort Druckdifferential hatte ich tausendmal benutzt. Was ich an dem Tag gelernt habe, war: Wissen ist nicht überall, wo man es bräuchte. Es liegt in Schubladen, und manche Schubladen sieht man nicht, bis sie sich öffnen, weil man einen Schraubenzieher zum Ventil hebt.

    Ich öffne heute Schnellkochtöpfe nach Anleitung. Hebel auf Position 2. Eine Minute warten. Deckel auf. Erbsen bleiben drin. Es ist nicht spektakulär. Es funktioniert.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich kam vom Friseur. Ich hatte mich gefreut. Die Frisur war frisch, der Kopf war leicht, ich wollte mich auf das Sofa setzen und einen Kaffee trinken. Ich habe stattdessen Erbsen von der Decke gekratzt.

    Was er nicht erzählt: Drei Erbsen waren auch im Salzstreuer. Wir haben den Salzstreuer aus dem Verkehr gezogen. Nicht weil drei Erbsen schädlich sind, sondern weil ich, jedes Mal wenn ich ihn benutzt hätte, an diesen Tag denken müsste. Der Salzstreuer steht heute oben auf dem Schrank. Ich nenne ihn den Bernoulli-Streuer.

    Den Schraubenzieher haben wir auch versteckt. Sicherheitshalber.


  • Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Quest #055 · Drohnen · Legendär · +400 XP

    Warum 180 Zentimeter Rotor in einem Wohnzimmer eine vernünftige Idee waren

    Es war ein verregneter Sonntagnachmittag. Der Modellflugplatz war geschlossen, die Wiese unter Wasser, und ich hatte einen Heli, der seit zwei Wochen auf seinen Erstflug wartete. In meiner Werkstatt war kein Platz, weil ein halbes Schiff im Weg stand. Im Garten war nass. Auf dem Hof war Wind. Was es gab, war ein Wohnzimmer mit einer 2,40-Meter-Decke, einem Couchtisch mit einer hübschen Vase darauf, und einem Parkettboden, in den meine Großmutter wahrscheinlich noch ihre Tränen hineingelegt hatte. Gut, dachte ich. Probieren wir den Schwebetest drinnen.


    ▌ INDOOR-HELIKOPTER-AERODYNAMIK FÜR ANFÄNGER

    Bevor wir ins Detail gehen, eine kurze Klarstellung: Es gibt Helikopter, die für Indoor-Flug gebaut sind. Die haben Rotoren von 30 bis 50 Zentimetern Durchmesser, sie wiegen 200 Gramm, sie kollidieren mit einer Lampe und gehen kaputt, aber die Lampe bleibt heil. Das sind hübsche Geräte für den Couchtisch.

    Mein Heli war nicht so einer.

    Mein Heli war ein Align T-Rex aus der oberen Klasse, mit einem Hauptrotor von 180 Zentimetern Durchmesser. Das ist nicht ein-Komma-acht Meter, das ist nicht eine kleine Innendekoration mit Drehflügeln, das ist ein veritables Stück Modellbau-Maschinerie. In voller Drehzahl pfeifen die Blätter durch die Luft, und der Wind, den das Ding erzeugt, lüftet ein durchschnittliches Wohnzimmer in zwei Sekunden komplett aus. Vorhänge tanzen. Lampenschirme drehen sich. Katzen verschwinden zuverlässig in andere Zimmer.

    Das wusste ich. Ich war nicht naiv. Ich war einfach der Meinung, dass die Decke meines Wohnzimmers — 2,40 Meter — höher ist als der Rotor breit, und dass damit die Sache geklärt sei. Mathematik der zweiten Klasse. Decke höher als Rotor = Heli passt rein.

    Was ich nicht bedacht hatte: Ein Helikopter ist nicht nur Hauptrotor.

    ▌ Das Problem mit dem Heckrotor

    Ein Helikopter besteht aus zwei Rotoren. Der Hauptrotor obendrauf hebt das Ding in die Luft. Der Heckrotor — kleiner, hinten am Heckausleger — sorgt dafür, dass das Ding sich nicht wie ein Karussell um die eigene Achse dreht. Ohne Heckrotor: Karussell. Mit Heckrotor: kontrollierter Flug. Beides braucht der Heli, beides muss frei drehen können.

    Der Heckausleger meines Helis war ungefähr 80 Zentimeter lang. Der Heckrotor hatte 25 Zentimeter Durchmesser. Beides hat sich am Boden des Helis befunden, also auf Höhe der Kufen, was bedeutet, dass der Heckrotor in einer Höhe von ungefähr 30 Zentimetern über dem Boden gerotiert hat. Ihr seht, worauf das hinausläuft.

    Wer einen Heli auf einen Tisch stellt, hat das Heckrotor-Problem nicht. Wer einen Heli aus dem Flug heraus auf einen Boden absinken lässt, hat es kurzzeitig — der Heckrotor schlägt einmal auf den Boden, das Ding kippt, fertig. Keine große Sache, vorausgesetzt der Boden ist Beton oder Linoleum. Wer einen Heli auf einem alten Parkettboden zu schweben versucht — kurz nur, wirklich nur ganz kurz, nur als Test — der trifft eine andere Konstellation.

    Das Parkett gibt nach. Nicht weich-nach, sondern knack-nach. Das Heckrotor-Blatt fährt mit hoher Geschwindigkeit in das Holz. Das Holz beantwortet die Frage. Die Antwort ist: Nein.

    ▌ Die ersten zwei Sekunden

    Der Heli hat sauber abgehoben. Drei Zentimeter, fünf Zentimeter, zehn. Schwebte stabil. V-Stabi macht seine Arbeit, der Hauptrotor hat seine ±15 Grad bei 1800 Umdrehungen, alles in Ordnung. Ich stand drei Meter weg mit dem Sender. Julia stand in der Küchentür und schaute, mit dem Gesichtsausdruck, den ich später als weiß-was-gleich-passiert-aber-sagt-nichts-mehr klassifiziert habe.

    In Sekunde zwei wollte ich den Heli leicht nach links versetzen. Das ist eine Geste am Sender, der Heli reagiert, das Ding driftet. Das tat es auch. Was ich nicht bedacht hatte: Der Couchtisch stand links. Der Heli reagierte korrekt auf meinen Befehl, ging nach links, näherte sich dem Couchtisch, erkannte ihn nicht als Hindernis (er hat keine Hindernisvermeidung, er ist von 2008), und entschied dann, dass die einzig vernünftige Korrektur eine kleine Drehung um die Hochachse ist.

    Bei dieser Drehung hat sich der Heckausleger nach hinten geschwungen. Nach hinten heißt: zur Wand. Genauer: zum Boden. Genauer: in das Parkett.

    Es gab ein Geräusch. Es war kein lautes Geräusch — Heckrotoren sind klein, das Holz war zwar alt, aber es war auch dünn an der Stelle, wo es getroffen wurde. Es war eher ein Tock, gefolgt von einem leichten Krick, gefolgt von einer kleinen Vibration im ganzen Heli, die sich dann in eine größere Vibration verwandelt hat, weil das Heckrotorblatt nun nicht mehr ganz geradeauf war, sondern in einer neuen, von der Werkstatt nicht vorgesehenen Form.

    Der V-Stabi hat das gemerkt. V-Stabis sind klug. Er hat versucht zu kompensieren, was geht. Was nicht geht: Wenn der Heckrotor unwuchtig ist, dreht sich der Heli irgendwann doch wie ein Karussell. Der Heli hat sich also gedreht. Langsam, aber bestimmt.

    Ich habe den Hauptrotor abgeschaltet. Das ist die einzig richtige Entscheidung, wenn ein Heli sich in einem Wohnzimmer dreht. Der Heli ist auf den Couchtisch gefallen. Die Vase hat überlebt — ich weiß bis heute nicht, wie. Der Couchtisch hatte einen Kratzer. Das Parkett hatte ein kleines Loch. Der Heli hatte einen verbogenen Heckausleger und ein verbeultes Heckrotor-Blatt, aber er war ansonsten ganz.

    Julia hat bis heute nichts gesagt. Sie hat sich umgedreht und ist in die Küche zurück.

    ▌ Was ich an dem Tag gelernt habe

    Der gemeine Modellflugkollege denkt jetzt: Klar, Indoor mit 180 cm geht nicht, das ist Lehrbuchwissen. Stimmt. Steht in jedem Helikopter-Handbuch. Steht in jeder Modellflug-Zeitschrift. Steht auch in der Bedienungsanleitung des Geräts, gleich auf Seite zwei.

    Lehrbuchwissen ist eine Sache, die man im Kopf hat. Lehrbuchwissen ist nicht eine Sache, an die man denkt, wenn der Modellflugplatz unter Wasser steht und man seit zwei Wochen auf einen Erstflug wartet. In dem Moment denkt man an die Decke. 2,40 Meter. Reicht doch. Mathematik zweite Klasse.

    Das ist im Übrigen der Unterschied zwischen wissen und wirklich-wissen. Wissen ist, was im Kopf steht. Wirklich-wissen ist, was nach einem kleinen Loch im Parkett im Kopf steht. Beides hat seinen Wert. Wirklich-wissen kostet halt mehr.

    Das Loch im Parkett ist heute noch da. Wir haben es nie reparieren lassen. Es ist nicht groß, ungefähr daumennagelgroß, und es liegt unter dem Couchtisch, wo man es nicht sieht. Es ist eines dieser Dinge, die ich nicht beseitigt habe, weil sie eine Funktion haben — sie erinnern mich daran, dass ich nicht so klug bin, wie ich gerne denke.

    Manchmal fährt Julia mit dem Staubsauger drüber, schaut mich an, sagt nichts, lacht ein bisschen vor sich hin. Ich weiß, was sie denkt. Sie weiß, dass ich weiß, was sie denkt. Das ist wahrscheinlich das, was Beziehung nach 26 Jahren ist.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  HAUPTROTOR-DURCHMESSER............: 180 cm     │
    │  WOHNZIMMER-DECKE..................: 240 cm     │
    │  HECKROTOR-BODEN-ABSTAND...........: 30 cm      │
    │  PARKETT-WIDERSTAND................: UNZUREICH. │
    │  V-STABI-LEISTUNG..................: VORBILDLICH│
    │  COUCHTISCH-VASE...................: ÜBERLEBT   │
    │  COUCHTISCH-OBERFLÄCHE.............: KRATZER    │
    │  PARKETT...........................: LOCH       │
    │  EHEFRAU-KOMMENTAR.................: KEINER     │
    │  EHEFRAU-BLICK.....................: KENNT MICH │
    │  GROSSMUTTER (RIP)-ROTATION-IM-GRAB: MITTEL     │
    │  WIEDERHOLUNGS-RISIKO..............: NULL       │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: WIRKLICH-WISSEN ERWORBEN <<       │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: AUSSEN ZUERST <<            │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil man stolz auf sich ist. Es gibt Geschichten, die man erzählt, weil sie schlichtweg passiert sind und es keinen Sinn hat, sie wegzuschweigen. Diese hier ist von der zweiten Sorte. Ich war damals erstaunlich überzeugt von mir, ich hatte den Heli zwei Wochen lang gewartet, und ich hatte das Gefühl, dass die Decke höher ist als der Rotor breit. Diese Voraussetzung war mathematisch korrekt. Sie war praktisch ungenügend.

    Ich habe seither nie wieder versucht, einen Heli mit 180 cm Rotor in einem Wohnzimmer zu fliegen. Das ist nicht weil ich es nicht mehr wollte. Das ist weil das Loch im Parkett mich jedes Mal, wenn ich daran denke, daran erinnert, dass ich es schon einmal versucht habe. Das ist im Grunde der praktische Wert kleiner Sachschäden — sie übernehmen die Funktion, die früher bei Mönchen das Memento Mori hatte. Eine Erinnerung an die eigene Endlichkeit, in diesem Fall die der eigenen Klugheit.

    Der Heli fliegt heute noch. Auf der Wiese. Wo er hingehört.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Ich habe an dem Tag in der Küche gestanden und mich gefragt, ob ich noch was sagen soll. Ich habe nichts gesagt. Lars hatte den Sender in der Hand, der Heli stand in der Luft, ich kannte den Gesichtsausdruck, ich wusste, dass jeder Satz von mir den Heli nur schneller in die Vase fliegen lassen würde.

    Manchmal ist das Klügste, was man tun kann, ins andere Zimmer zu gehen. Ich bin in die Küche zurück und habe Kaffee gemacht. Als ich rauskam, war alles schon vorbei. Vase stand, Couchtisch hatte einen Kratzer, Parkett ein kleines Loch, Heli auf dem Sofa. Lars sah aus wie ein Mensch, der etwas gelernt hat. Mir hat das gereicht.

    Das Loch ist übrigens nicht mehr meine Großmutter ihres. Das Parkett ist später mal abgeschliffen worden. Aber Lars erzählt das gerne so. Lass ihm den Schmerz.