Autor: Lars-Erik Richter

  • Wie ich aus einem 1:200-Plan ein 1:100-Schiff gemacht habe

    Wie ich aus einem 1:200-Plan ein 1:100-Schiff gemacht habe

    Quest #054 · Schiffsbrücke · +300 XP

    Wie ich aus einem 1:200-Plan ein 1:100-Schiff gemacht habe

    Es gibt ein Foto, auf dem ich vielleicht vierzehn bin und an einem Holzrumpf sitze. Der Rumpf ist halb fertig, das heißt: er ist ein Skelett aus Spanten, zwischen denen man durchschauen kann. Auf dem Tisch liegen Pläne, ein Lineal, ein Messer mit Wechselklingen und eine Tasse Kaffee, die ich vermutlich nicht haben sollte. Das Schiff auf dem Plan heißt EMDEN. Im Maßstab 1:200. Ich wollte aber 1:100. Das ist im Grunde die ganze Geschichte, aber sie braucht ein paar Sätze mehr.


    ▌ MASSSTAB-UMRECHNUNG FÜR ANFÄNGER — DIE NICHT EMPFOHLENE METHODE

    Modellbaupläne kommen in einem Maßstab. Der ist nicht beliebig gewählt. Der ist abhängig davon, wie groß das Schiff in echt war, wie groß der durchschnittliche Modellbauer-Bastelkeller ist, und wie viele Spanten der Plan-Hersteller noch zeichnen wollte, bevor er Feierabend gemacht hat. EMDEN-Pläne gab es damals in 1:200. Das Schiff wäre dann ungefähr 70 Zentimeter lang geworden. Schöner Tisch-Schmuck.

    Ich wollte aber kein Tisch-Schmuck. Ich wollte ein Schiff, das schwimmt. Mit Anker, der hochfährt. Mit Kanonen, die sich drehen. Mit echten Decksplanken aus echtem Holz, nicht aus aufgemaltem Plastik. So ein Ding wird in 1:200 nicht ernsthaft baubar, weil die Bauteile einfach zu klein werden. Anker in 1:200 ist drei Millimeter. Da kann man keinen Servomotor reinbauen, der den heben soll.

    1:100 dagegen — das wäre ein Schiff von 1,40 Meter Länge. Mit Bauteilen, die nicht mehr im Mikroskop-Bereich liegen. Mit Platz für Servos, für Kabel, für Akkus. Mit echtem Schiffs-Gefühl, nicht Briefmarkengröße.

    Es gab nur ein kleines Problem: Der Plan war 1:200.

    ▌ Die naheliegende Idee

    Naheliegend wäre gewesen: Plan auf Kopierer, Vergrößerungstaste, fertig. Doppelt vergrößert ist 1:100. Mathematik der zweiten Klasse.

    Hat nicht funktioniert. Die Kopierer in der damaligen Zeit waren nicht für solche Vergrößerungen gemacht. Linien wurden unscharf, Maße verschoben sich um Bruchteile, die sich beim Bauen rächen, weil ein Spant, der einen halben Millimeter zu breit ist, auf der Beplankung zwei Millimeter Versatz erzeugt, und zwei Millimeter Versatz erzeugen einen Knick, und ein Knick im Rumpf eines Holzschiffes ist nicht schwimmfähig, das ist untergehfähig.

    Es gab also die zweite Möglichkeit: Den ganzen Plan neu zeichnen. Spant für Spant. In 1:100. Mit Lineal, Reißzirkel, Tusche, Pergamentpapier. Per Hand.

    Hier kommt eine Sache zusammen, die im Rückblick fast nach Plan klingt, aber damals einfach gut zusammenpasste: Meine Erstausbildung war Technischer Zeichner Stahlbau. Ich hatte ein Reißbrett zu Hause. Ich kannte den Unterschied zwischen einer Mittellinie und einer Versatzlinie. Ich konnte einen Spant in der Hand drehen und mir vorstellen, wie er später in Wirklichkeit auf der Kielleiste stehen würde. Das ist keine spektakuläre Fähigkeit, das ist Handwerk. Aber genau dieses Handwerk war der Grund, warum ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, einen Plan einfach neu zu zeichnen, anstatt einen besseren zu kaufen.

    ▌ Die EMDEN, kurz erklärt

    Damit das Folgende einen Boden hat: Die EMDEN, von der ich rede, ist nicht die heutige Fregatte. Es ist ein Vorgängerschiff aus den Zwanzigern. Schöner schlanker Kreuzer, drei Schornsteine, klassische Linie. 155 Meter lang in echt. In 1:100 dann 1,55 Meter Schiff auf meinem Werkstatttisch.

    Wer die EMDEN kennt, weiß, dass das Schiff einen Mythos hat. Wer sie nicht kennt: macht nichts. Für diesen Beitrag reicht: Ich war als Junge fasziniert von dem Schiff. Mehrere Jahre lang. Ich habe alles darüber gelesen, was ich finden konnte. Ich habe es mir auf die Wand gemalt, neben einem Poster von einem Henseleit-Heli. Ich habe mir dann die Pläne besorgt — wie genau, weiß ich nicht mehr, das war noch ohne Internet, das ging über Vereinsadressen und Briefwechsel und Geduld.

    Und dann saß ich da, vierzehn, fünfzehn, mit einem 1:200-Plan und einem klaren Wunsch, der den Plan überstieg.

    ▌ Was 3.500 Stunden bedeuten

    Wenn man den Spaten umdreht und in die Erde drückt, dauert das eine Sekunde. Wenn man ein Beet umgräbt, dauert das eine Stunde. Wenn man einen Garten anlegt, dauert das ein Wochenende.

    Ein 1,55-Meter-EMDEN-Modell aus Holz, schwimmfähig, mit Funktionen, dauert 3.500 Stunden.

    Das ist eine Zahl, die man erst sacken lassen muss. 3.500 Stunden sind bei zwei Stunden konzentrierter Bauarbeit am Tag knapp fünf Jahre. Bei drei Stunden noch immer drei Jahre. Wer sich überlegt, ein Schiff zu bauen, sollte vorher prüfen, ob das aktuelle Leben überhaupt drei freie Jahre hergibt. Tut es selten. Deshalb stehen so viele halbfertige Modellbau-Projekte in deutschen Kellern, dass man eigentlich schon einen Verein dafür gründen müsste.

    Was 3.500 Stunden im Detail bedeuten, sieht so aus:

    • Plan-Umzeichnung: ungefähr 200 Stunden. Man sitzt am Reißbrett, rechnet, zeichnet, prüft, korrigiert, zeichnet nochmal. Bevor das erste Holz geschnitten ist, sind 200 Stunden weg.
    • Spanten ausschneiden: ungefähr 80 Stunden. Mit der Laubsäge, später mit der Dekupiersäge. Jeder Spant einzeln. Beim Schiff sind das so um die 80 Stück, je nach Linienführung.
    • Aufbauen auf der Kielleiste: 100 Stunden, weil jeder Spant exakt sitzen muss, sonst sieht man später jeden Versatz in der Beplankung.
    • Beplankung: 800 Stunden. Streifen Holz, einzeln, gebogen, verleimt, geschliffen, nachgearbeitet. Das ist der Großteil der Bauzeit.
    • Aufbauten: 600 Stunden. Brücke, Schornsteine, Aufbauten-Decks, Reling — alles einzeln.
    • Mechanik: 400 Stunden. Anker-Servo, Kanonen-Servos, Verkabelung, Empfänger, Ladebuchsen, Akku-Halterung.
    • Lackierung: 200 Stunden. Mehrere Schichten. Wasserlinie, Unterwasserfarbe, Aufbauten-Hellgrau, Decksplanken-Holzton, Details in Schwarz und Messing.
    • Detail-Arbeiten und das ewige „nur noch eine Kleinigkeit“: die restlichen 1.120 Stunden. Hier geht die meiste Zeit drauf, ohne dass man hinterher genau sagen kann, wofür.

    Die Zahlen sind grobe Schätzungen. Ich habe nicht Buch geführt. Ich habe gebaut. Wer Buch führt, baut weniger.

    ▌ Das Mützenband

    Jahre später war ich beim Bund. Marine. Ich saß im Kreiswehrersatzamt in Bamberg und durfte mir was wünschen. Beim Bund wünschen ist nicht wie im Kaufhaus wünschen — man kriegt nicht das, was man sich wünscht, man kriegt das, was passt. Aber die Frage hat man trotzdem gestellt. Und ich habe gesagt: EMDEN.

    Ich habe das nicht gesagt, weil ich was über die Marine wusste, was die anderen nicht wussten. Ich habe das gesagt, weil ich das Schiff zu Hause schon gebaut hatte. In Holz. In 1:100. Mit dem Plan, den ich selbst umgezeichnet hatte. Es war für mich nie eine fremde Idee, dass es eine EMDEN gibt — die EMDEN war eine Erinnerung aus meiner Werkstatt.

    Das Mützenband EMDEN bekommt nicht jeder, der es sich wünscht. Man muss zur Besatzung gehören. Ich habe es bekommen.

    Das war der Moment, in dem ein Kreis sich schloss, ohne dass ich es geplant hätte. Junge baut Modell. Junge wächst auf. Junger Mann steht auf dem Schiff, dessen Modell er gebaut hat. Das passiert nicht so oft. Mir ist es passiert, und ich erzähle das nicht, um damit anzugeben — ich erzähle das, weil ich glaube, dass so was der eigentliche Grund ist, warum man Schiffe baut. Nicht weil sie hinterher schön im Regal stehen. Sondern weil sie ein Stück Wirklichkeit vorwegnehmen, die später eintrifft.

    ▌ Die Schiffe heute

    Heute stehen drei Schiffe in unserer Wohnung. EMDEN, Blücher, Bismarck. Alle drei in 1:100. Alle drei aus selbst umgerechneten Plänen. Alle drei schwimmfähig, was gelegentlich überprüft wird, aber nicht oft. Sie haben einen leichten Staub-Mantel und einen ideellen Wert, den ich nicht in Stunden umrechnen will, weil dabei nichts Schönes rauskäme.

    Wenn jemand fragt, warum ich so etwas mache: weil ich’s anfangen kann und es zu Ende bringe. Das ist die ganze Antwort. Ich brauche dafür keine bessere.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  PLAN-MASSSTAB ORIGINAL............: 1:200      │
    │  PLAN-MASSSTAB NEU.................: 1:100      │
    │  KOPIERER-METHODE..................: GESCHEITERT│
    │  REISSBRETT-METHODE................: ANGEWENDET │
    │  SPANTEN AUSGESCHNITTEN............: ~80        │
    │  BEPLANKUNGS-STREIFEN..............: VIELE      │
    │  SCHWIMMFÄHIGKEIT GEPRÜFT..........: JA         │
    │  ANKER FUNKTIONIERT................: JA         │
    │  KANONEN BEWEGEN SICH..............: JA         │
    │  STUNDEN-ZÄHLER....................: 3500       │
    │  SCHIFFE INSGESAMT.................: 3          │
    │  STUNDEN INSGESAMT.................: ~10500     │
    │  MÜTZENBAND BEKOMMEN...............: EMDEN      │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: KREIS GESCHLOSSEN <<              │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: BAUEN, NICHT KAUFEN <<      │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Was ich beim Schiffsbauen über das Leben gelernt habe, lässt sich kürzer fassen als die Bauzeit: Es geht selten um den letzten Schritt. Es geht fast immer um den ersten. Wenn man am Anfang einen Plan hat, der nicht ganz passt, und man hat das Werkzeug und die Geduld, ihn passend zu machen, dann ist der Rest nur noch Stunden.

    Stunden hat jeder. Den Plan passend zu machen, das müssen die wenigsten sich erst beibringen.

    Die EMDEN steht heute neben dem Schreibtisch. Sie ist 1,55 Meter lang. Wenn man den Anker bedient, fährt er. Wenn man die Kanonen ansteuert, drehen sie sich. Sie schwimmt nicht oft, aber sie könnte. Das ist mir wichtig.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    3.500 Stunden ist die Zahl, die er heute nennt. Als ich ihn kennengelernt habe, war es noch eine andere Zahl. Bei jeder Schiffs-Erzählung wird sie ein bisschen runder. Mathematisch verständlich. Inhaltlich vermutlich richtig.

    Ich kann bestätigen, dass die Schiffe schwimmen. Wir waren am See. Es hat funktioniert. Lars hat dabei einen Gesichtsausdruck gehabt, der schwer zu beschreiben ist. So zwischen geschafft und jetzt-bin-ich-wieder-vierzehn. Beides war richtig.

    Was er nicht erzählt: Beim ersten Schwimm-Test hatte die Bismarck eine kleine Schlagseite, weil ein Akku verrutscht war. Lars hat sie aus dem Wasser gefischt, daheim das Akku-Fach umgebaut, beim zweiten Versuch lief sie. Aber er sagt heute, es habe beim ersten Mal sofort geklappt. Sagen wir’s so: fast.


  • Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Quest #053 · Drohnen · +250 XP

    Wie ich Nintendo-Spielzeug gekauft habe, um Drohnen zu bauen

    Es war irgendwann zwischen 2010 und 2012, das genaue Datum hat sich in meinem Kopf nicht eingebrannt. Was sich eingebrannt hat: Der Kassenzettel von einem MediaMarkt, auf dem stand „Nintendo Wii Nunchuck“ und „Wii Motion Plus“, zweimal jeweils. Die Verkäuferin hat gefragt, ob die für meine Kinder seien. Ich habe nicht gelogen, ich habe nur gelächelt. Wir haben keine Kinder. Aber ich habe an dem Abend zwei Wii-Controller mit einem Schraubenzieher zerlegt und das Innere unter eine Lupe gehalten.


    ▌ DROHNEN-BAU FÜR ANFÄNGER — DIE NICHT EMPFOHLENE METHODE

    Heute kauft man eine Drohne. Man geht zu einem der einschlägigen Anbieter, klickt drei Mal, am übernächsten Tag steht ein Karton vor der Tür, man drückt einen Knopf und das Ding fliegt. Es macht Fotos, Videos, Hindernisvermeidung, automatische Rückkehr, Geofencing, Live-Wetter-Korrektur. Es kostet Geld, aber das Geld kostet weniger als der Verstand, der nötig wäre, das Ding selber zu bauen.

    2010 war das anders.

    2010 gab es Drohnen, aber sie waren professionell, militärisch oder universitär. DJI gab es als Firma, aber die Phantom — die kleine weiße Standard-Drohne, die später jeder im Park rumfliegen ließ — die kam erst 2013. Wer 2010 eine Drohne wollte, der hatte zwei Möglichkeiten: viel Geld ausgeben für etwas Industrielles, oder selber bauen.

    Selber bauen war keine triviale Übung. Man brauchte Sensoren — also kleine Bauteile, die einer Maschine sagen, in welche Richtung sie gerade kippt, wie schnell sie sich dreht, wie sie zur Schwerkraft steht. Solche Sensoren heißen MEMS-Gyros und Beschleunigungssensoren. 2010 waren die nicht in jedem Bastelladen zu haben. Sie waren teuer. Sie waren spärlich dokumentiert. Sie kamen aus industriellen Anwendungen, wo sie in größeren Stückzahlen in Autos und Smartphones gewandert sind.

    Und in eine andere Sache. Eine Sache, die niemand auf dem Schirm hatte, außer einer kleinen Hand voll Bastler weltweit, von denen ich einer war.

    Nintendo hatte die Sensoren auch. In den Wii-Controllern. Da drin saßen InvenSense-Gyros und ST-Beschleunigungssensoren, die in der Industrie das Drei- bis Vierfache gekostet hätten. Im Wii-Nunchuck hat sie Nintendo subventioniert mitverbaut, damit der Mario beim Tennisschlag korrekt reagiert.

    Ich brauchte den Mario nicht. Ich brauchte die Sensoren.

    ▌ Die Bauteilliste

    • Zwei Wii-Nunchucks — wegen der Gyros darin. Einer als Backup, weil ich beim ersten Zerlegen zu früh in die Platine gepiekst hatte.
    • Zwei Wii-Motion-Plus-Aufsätze — wegen zusätzlicher Sensorachsen, die das Nunchuck nicht hatte.
    • Ein Bosch-Beschleunigungssensor (BMA180, falls jemand mitschreibt). War in irgendeinem Industrie-Sample-Programm zu kriegen, ich weiß nicht mehr genau wie.
    • Ein Atmel-Mikrocontroller auf einer eigenen Platine. Nichts Großes, ein 8-Bit-Atmel mit ein paar Kilobyte Speicher.
    • Vier Brushless-Motoren mit Reglern aus dem Modellbau-Versand.
    • Ein Rahmen aus Aluminium, den ich auf einer Werkstatt-Fräse selber zugeschnitten habe.
    • Ein Empfänger für die normale Modellbau-Funke. Damals noch 35 MHz, später 2,4 Gigahertz.
    • Eine sehr große Tüte Geduld.

    Die Sache mit der Tüte Geduld stand nicht auf der ersten Bauteilliste, aber ich habe sie irgendwo zwischen Versuch 4 und Versuch 11 dazugeschrieben.

    ▌ Der PID-Regler

    Eine Drohne fliegt nicht von selber. Eine Drohne fällt von selber. Damit eine Drohne fliegt, braucht sie einen Regler — etwas, das die Sensoren ausliest, vergleicht, was der Pilot will mit dem, was der Quadrokopter gerade tut, und dann hundertmal pro Sekunde an den vier Motoren herumdreht, damit das Ding gerade bleibt.

    Dieses Etwas heißt PID-Regler. P wie Proportional, I wie Integral, D wie Differenzial. Die Mathematik dahinter ist nicht furchtbar schwer, aber sie ist auch nicht trivial, und vor allem: Sie muss in einem 8-Bit-Atmel laufen, der ungefähr so viel Rechenleistung hat wie ein gut gefüttertes Toaster-Display.

    Es gab zwei Möglichkeiten, an einen PID-Regler zu kommen.

    Erstens: Im Internet einen runterladen. Hat nicht funktioniert, weil es 2010 noch keine fertigen Open-Source-Flugcontroller gab. Es gab MultiWii, das war ein Anfang. Es gab Paparazzi UAV, das war für Forschung. Aber für meinen spezifischen Wii-Sensor-Mix mit Bosch-Ergänzung und 8-Bit-Atmel — da war nichts. Internet war damals außerdem noch eine Tasse, die man halb voll mit Wissen gestellt hat. Wer drei Quellen über das gleiche Thema fand, hatte einen guten Tag.

    Zweitens: Selber schreiben. In C. Auf den Atmel flashen. Anschließen. Anschalten. Hoffen.

    Ich habe Möglichkeit zwei genommen. Nicht aus Tapferkeit, sondern aus Mangel an Möglichkeit eins. Manchmal entstehen die schönsten Pioniertaten aus dem ganz banalen Umstand, dass die einfache Lösung einfach nicht da war.

    ▌ Die ersten elf Versuche

    Versuch 1 ging nicht. Versuch 2 ging in eine Wand. Versuch 3 ging in die Decke, was eigentlich Fortschritt war, weil Decken höher sind als Wände. Versuch 4 hat angefangen wie ein Erfolg und endete als kleine Aluminium-Pyramide auf dem Werkstattboden. Versuch 5 bis 8 waren Variationen über das Thema „Drohne fliegt drei Sekunden in eine Richtung, die in keinem Sender-Knüppel-Befehl vorgesehen war“.

    Versuch 9 hat geschwebt. Drei Sekunden. Auf einer Stelle. Das Ding schwebt einfach da, mit dem Atmel im Bauch und den Wii-Sensoren als Augen, und ich stehe daneben mit dem Sender in der Hand, halb pissed weil’s nur drei Sekunden waren, halb völlig fertig weil Wii-Sensoren halten ein selbstgebautes Quadrokopter-Modell in der Luft.

    Drei Sekunden. Dann kippte es weg.

    Versuch 10 hat fünf Sekunden geschwebt. Versuch 11 hat geschwebt, bis ich es selber abgeschaltet habe.

    Da DAAA. Hehehe.

    Ich gebe zu, das ist kein wissenschaftlich fundierter Kommentar zur Aerodynamik. Aber es war der einzige Kommentar, der mir in dem Moment einfiel. Ich hatte aus zwei Nintendo-Controllern, einem Bosch-Sensor, einem Atmel-Chip und einem Stück selbstgeschnittenem Aluminium etwas gebaut, das fliegt. Bevor DJI ein Wort war.

    ▌ Was Julia dazu sagt (sinngemäß)

    Julia ist in dieser Phase oft an der Werkstatt vorbeigegangen, hat reingeschaut, hat den Kopf geschüttelt und ist weiter in die Küche. Manchmal hat sie Kaffee gebracht. Manchmal hat sie mich an irgendwas erinnert, das ich versprochen hatte. Manchmal hat sie nichts gesagt und ist einfach weiter.

    Als das Ding zum ersten Mal frei geschwebt hat, habe ich sie gerufen. Sie kam, schaute, sah die Drohne in der Luft, sah meinen Gesichtsausdruck, und sagte einen Satz, der so trocken war, dass man ihn hätte einrahmen können: „Das ist also der Grund für die Wii-Controller.“

    Ich habe genickt. Mehr brauchte es nicht. Sie hat keine weiteren Fragen gestellt.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  BAUTEIL-HERKUNFT..................: NINTENDO   │
    │  BAUTEIL-EIGENTLICHER-ZWECK........: TENNIS-WII │
    │  ATMEL-RECHENLEISTUNG..............: TOASTER    │
    │  PID-REGLER........................: HANDARBEIT │
    │  VERSUCHE BIS ZUM ERSTEN SCHWEBEN..: 9          │
    │  SCHWEBE-DAUER VERSUCH 9...........: 3 sek      │
    │  SCHWEBE-DAUER VERSUCH 11..........: stabil     │
    │  DJI-ZUM-ZEITPUNKT.................: NICHT EXIS │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE NUNCHUCKS........: 1          │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE WÄNDE............: 1          │
    │  ANZAHL ZERSTÖRTE DECKEN...........: 0,5        │
    │  EHEFRAU-AUGENBRAUE-LEVEL..........: GEHOBEN    │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: PIONIERTAT <<                     │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NEIN, ZEUGS GIBT'S JETZT <<│
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Die Drohne aus den Wii-Controllern fliegt heute nicht mehr. Sie steht im Regal, neben den Schiffsmodellen, mit einem leichten Staub-Mantel und einem Atmel-Bauch, der vermutlich noch funktioniert, wenn man ihn anschließt. Ich habe sie nie weggeworfen, obwohl ich später bessere Drohnen gebaut habe und noch später einfach welche gekauft habe.

    Sie ist wie das erste Schiff, das ich gebaut habe — sie ist nicht beeindruckend, sie ist nicht das Beste was ich je gemacht habe, aber sie ist die Erste. Und das Erste hat einen Wert, der nicht in Stundenlohn umrechenbar ist.

    Wenn jemand fragt, woher ich Drohnen kann: aus Nintendo-Spielzeug. Klingt blöd. Stimmt aber.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Lars hat in der Tat zwei Wii-Controller gekauft und nie damit gespielt. Er hat sie noch am gleichen Abend zerlegt. Ich war kurz traurig, weil ich kurz gedacht hatte, wir machen Wii-Abend.

    Was er nicht erzählt: Versuch 4 hat einen Kratzer im Werkstatt-Boden hinterlassen, den man heute noch sieht. Versuch 6 hat ein Loch in der Werkstatttür gemacht, klein, aber durchgehend. Versuch 8 ist mir vor die Füße geflogen, als ich grade zur Tür rein wollte. Ich habe in der Werkstatt seitdem ein Helm-Konzept.

    Das Ding fliegt aber. Hat er gut gemacht. Auch wenn er beim Erzählen die kaputten Sachen vergisst.


  • Wie Julia Nicks Anker war

    Wie Julia Nicks Anker war

    Quest #052 · Beziehungs-Tech · +200 XP

    Es war einer dieser Spaziergänge im fränkischen Altenkunstadt, die als kurze Runde gedacht waren. Ein Wegstück über Schrotten — grobes Gestein, kein Spazierweg, eher die Erinnerung an einen. Nick lief vorne. Julia hatte die Schlaufe um’s Handgelenk. Wie immer. So macht man das. Bis Nick sich entschied, dass dort hinten was Wichtiges sein müsste.


    ▌ ANKER-MECHANIK FÜR SCHÄFERHUNDE — EINE EINFÜHRUNG

    Hunde an der Leine sind im Grunde kleine Schiffe. Der Hund ist das Schiff, der Mensch ist der Hafen. Die Leine ist nur die Verbindung dazwischen. Soweit die Theorie aus jeder Hundeschule, jedem Welpen-Buch, jeder Volkshochschul-Broschüre über das richtige Führen am Halsband.

    Was die Hundeschulen einem nicht erklären — und was auf keinem Welpen-Trainings-Plakat steht: Bei einem System aus Mensch, Karabiner, Leine und Hund ist nicht der Karabiner das schwächste Glied. Der Karabiner ist Edelstahl, der hält. Die Leine ist Polyester mit 6 Millimeter Durchmesser, geprüft bis irgendwas Dreistelliges in Kilo. Da kann man Wäsche dran trocknen, im Notfall ein Mofa abschleppen.

    Das Schwächste ist der Hafen.

    Bei den meisten Hund-Mensch-Konstellationen ist das ein Problem. Der Hafen löst sich, das Schiff fährt, die Leine schleift hinterher, der Karabiner klimpert traurig vor sich hin. Hundeschulen nennen das Leinenführigkeitsdefizit. Hundebesitzer nennen das jetzt darf ich den Hund wieder einfangen.

    Es sei denn, der Hafen heißt Julia. Dann gelten andere Regeln.

    ▌ Julia, kurz erklärt

    Wer Julia einmal getroffen hat, wundert sich, wenn er hört, dass sie 1,53 Meter ist. Sie wirkt größer. Das hat nichts mit Schuhen zu tun, das hat mit Haltung zu tun. Julia hat eine Augenbraue, mit der sie mehr sagt als andere Menschen mit zwei Sätzen. Sie ist Sportschützin. Sie kann mit jedem im Coburger Land über Cloud-PBX reden, weil sie tagsüber genau das macht. Und sie liest Hundebücher, weil sie etwas richtig machen will, wenn sie es macht.

    In jedem Hundebuch der Welt steht: Schlaufe nicht ums Handgelenk wickeln. Hand nur lose hineinlegen. Im Zweifel loslassen können.

    Julia kennt diese Bücher. Julia hat sie gelesen. Julia ist trotzdem der Anker.

    Das ist nicht Eigensinn, das ist nicht Trotz, das ist nicht ich-weiß-es-besser. Das ist Julia, die einen Hund hält. Wenn sie einen Hund hält, hält sie ihn. Punkt.

    ▌ Nick, kurz erklärt

    Nick ist 38 Kilo schwarzer Langhaar-Schäferhund. Braune Pfoten. Bronze-Eckzähne (er hat seine eigenen ausgeschlagen, aber das ist eine andere Geschichte aus einer anderen Quest). DDR-Grenzhund-Blutlinie. Vater Diego vom Weißengrund.

    Nick und ich, wir sind charakterlich zu gleich. Er ist mein Spiegel, das hatte ich schon mal gesagt, das wiederhole ich, weil es wichtig ist für das Verständnis dessen, was gleich passiert. Nick ist meinungsstabil. Wenn Nick sich für etwas entschieden hat, ist das nicht eine Phase, das ist eine Position.

    Was im 10-Meter-Radius rumläuft, fliegt oder kraucht: ist Feind. Katzen besonders. Andere Hunde sowieso. Eichhörnchen unter Verdacht. Was außerhalb des Reviers ist: ebenfalls Feind, aber mit weniger Eile. Innerhalb der Wohnung und neben Lars: bedingungslos friedlich, aber das sehen wenige.

    Was Nick nicht ist: leicht zu erziehen. Was Nick ist: verlässlich, ehrlich, treu. Ein hübscher Kerl, aber außerhalb des Reviers voll das Arschloch. Darum mag ich den Kerl so. Er lügt nicht.

    ▌ Der Vorfall

    Nick sah etwas. Was — bis heute halb-ungeklärt. Julia sagt: ein Reh. Julia hat es gesehen. Ich war nicht dabei. Ich glaube Julia, weil Julia keinen Grund hat, in solchen Sachen zu lügen. Nick hat es vermutlich auch gesehen, aber Nick hat in dem Moment nicht überlegt, was er gesehen hat — Nick hat überlegt, wo es hin will und ob er es einholt.

    Sein Körper hat sich entschieden, dass er es einholt. Sehr einholt. Und in dem Moment, in dem ein Schäferhund mit DDR-Grenzhund-Blutlinie sich entscheidet, dass etwas sehr wichtig ist, ändert sich die Physik der ganzen Szene.

    Was eben noch Hund läuft, Mensch geht hinterher war, war in der nächsten Sekunde Hund fährt, Mensch fährt mit. Julia war im Plan ein Mensch. Im Plan von Nick war Julia plötzlich — wir nennen es höflich — ein nachgezogener Lastentransport.

    Und hier passiert das Interessante. Das, was in keinem Hundebuch steht. Das, weswegen ich diesen Beitrag überhaupt schreibe.

    Julia hat nicht losgelassen.

    Die meisten Menschen würden hier loslassen. Hundeschule würde das so empfehlen. Lehrbuch sagt: Hund kommt schon zurück, der hat einen Chip, der kennt den Weg. Mensch lässt los, fällt weich auf den Allerwertesten, ruft den Hund. Funktioniert in 99% aller Fälle.

    Julia stand auch nicht mehr aufrecht. Aber Julia hat trotzdem nicht losgelassen.

    Sie hat den Hund gehalten. Über Schrotten. Mit der Schlaufe um’s Handgelenk. Bis Nick gemerkt hat, dass das Reh den Aufwand nicht wert ist. Das hat eine kleine Weile gedauert. Schäferhunde mit Blutlinie geben Themen nicht so schnell auf.

    ▌ Der Moment danach

    Julia sah danach aus wie ein Pirat nach einem nicht ganz freiwilligen Sturm. Ein paar Erinnerungen am Knie. Eine andere am Ellenbogen. Die Hose hatte irgendwo neue Lüftungsschlitze, die ab Werk nicht vorgesehen waren. Die Frisur war keine mehr. Die Schlaufe saß noch da, wo sie gehörte: um’s Handgelenk.

    Sie hatte den Hund.

    Nick hat sich umgedreht. Er hat sie angeschaut. Treu. Doof. Mit dem Gesichtsausdruck, der bei Schäferhunden universell ist und im Kern immer dasselbe sagt: Was los? Bei Nick war zusätzlich ein Augenschlag dabei, der so viel hieß wie: Wenn das ein Problem war, hättest du was sagen können.

    Julia hat ihn angeschaut. Nicht böse. Nicht angefressen. Sie hat den Kopf leicht schief gelegt — die Geste, die in unserem Haushalt ungefähr du-bist-aber-auch-ein-Idiot-aber-mein-Idiot bedeutet — und gesagt: „Komm. Wir gehen heim. Du brauchst nichts.“

    Nick ist neben ihr hergelaufen. Die ganze Strecke. Ohne Ziehen. Ohne Eichhörnchen-Verdacht. Als ob er gewusst hätte, dass die Person, die ihn gerade über Schrotten gehalten hat, gerade nicht in der Stimmung für noch eine Diskussion ist.

    Hat er auch nicht. Hunde wissen so was nicht. Aber Hunde spüren so was. Und Nick spürt Julia ohnehin besser, als er sie versteht.


    ⟁ HUD-DIAGNOSTIK

    ┌─────────────────────────────────────────────────┐
    │  ANKER-FESTIGKEIT (Julia)..........: 100%       │
    │  SCHIFF-STURHEIT (Nick)............: 100%       │
    │  LEINE-STATUS......................: GEHALTEN   │
    │  KARABINER.........................: UNBETEILIGT│
    │  UNTERGRUND........................: SCHROTTEN  │
    │  ÜBERRASCHUNGS-FAKTOR..............: MAXIMAL    │
    │  HUNDEBUCH-EMPFEHLUNG..............: IGNORIERT  │
    │  REH...............................: ENTKOMMEN  │
    │  ANSCHLIESSENDER RUECKWEG..........: VORBILDLICH│
    │  EHE-VERTRAUENS-LEVEL..............: +127       │
    │                                                 │
    │  >> ERGEBNIS: ANKER HÄLT <<                     │
    │  >> KAUFEMPFEHLUNG: NICHT VERFÜGBAR <<          │
    └─────────────────────────────────────────────────┘

    Was ich an dem Tag gelernt habe, war nicht in irgendeinem Hundebuch zu finden. Es war eher eine Beobachtung in zwei Teilen. Erstens: Ein Anker ist nicht das, was im Pflichtenheft steht. Ein Anker ist das, was nicht loslässt, wenn das Schiff entscheidet, dass es woanders sein will. Zweitens, und das ist der wichtigere Teil: Karabiner kann jeder. Anker — Anker muss man heiraten.

    Nick hat von dem Tag nichts gelernt. Schäferhunde mit Blutlinie lernen aus solchen Sachen nichts, das ist die Spezies. Aber er weiß seitdem auch ohne Verstand: Wenn Julia die Leine hält, ist sie da. Auch wenn er entscheidet, dass das Reh vorzuziehen wäre. Sie ist trotzdem da. Ich glaube, das beruhigt ihn auf eine Art, die er sich selbst nicht erklären kann.

    Mich beruhigt das auch.


    ✎ Was Lars eigentlich meinte

    Lars erzählt das, als wäre ich stolz darauf. Ich war einfach zu stur, die Leine loszulassen. Das ist kein Anker-Test. Das ist Sturheit. Wir sind beide stur. Das ist das Familien-Geheimnis.

    Und ja, es war ein Reh. Ich habe es gesehen. Nick hat es auch gesehen. Lars hat darüber nachgedacht, was Lars gesehen hätte, wenn Lars dabei gewesen wäre.

    Die Hose ist übrigens noch da. Die Frisur kam zurück. Nick auch. Alles gut.

    Und nein, ich werde die Schlaufe nicht weniger fest um’s Handgelenk wickeln, nur weil das in einem Buch steht. Bücher haben den Hund nicht. Ich habe den Hund.