Wie ich aus einem 1:200-Plan ein 1:100-Schiff gemacht habe
Es gibt ein Foto, auf dem ich vielleicht vierzehn bin und an einem Holzrumpf sitze. Der Rumpf ist halb fertig, das heißt: er ist ein Skelett aus Spanten, zwischen denen man durchschauen kann. Auf dem Tisch liegen Pläne, ein Lineal, ein Messer mit Wechselklingen und eine Tasse Kaffee, die ich vermutlich nicht haben sollte. Das Schiff auf dem Plan heißt EMDEN. Im Maßstab 1:200. Ich wollte aber 1:100. Das ist im Grunde die ganze Geschichte, aber sie braucht ein paar Sätze mehr.
▌ MASSSTAB-UMRECHNUNG FÜR ANFÄNGER — DIE NICHT EMPFOHLENE METHODE
Modellbaupläne kommen in einem Maßstab. Der ist nicht beliebig gewählt. Der ist abhängig davon, wie groß das Schiff in echt war, wie groß der durchschnittliche Modellbauer-Bastelkeller ist, und wie viele Spanten der Plan-Hersteller noch zeichnen wollte, bevor er Feierabend gemacht hat. EMDEN-Pläne gab es damals in 1:200. Das Schiff wäre dann ungefähr 70 Zentimeter lang geworden. Schöner Tisch-Schmuck.
Ich wollte aber kein Tisch-Schmuck. Ich wollte ein Schiff, das schwimmt. Mit Anker, der hochfährt. Mit Kanonen, die sich drehen. Mit echten Decksplanken aus echtem Holz, nicht aus aufgemaltem Plastik. So ein Ding wird in 1:200 nicht ernsthaft baubar, weil die Bauteile einfach zu klein werden. Anker in 1:200 ist drei Millimeter. Da kann man keinen Servomotor reinbauen, der den heben soll.
1:100 dagegen — das wäre ein Schiff von 1,40 Meter Länge. Mit Bauteilen, die nicht mehr im Mikroskop-Bereich liegen. Mit Platz für Servos, für Kabel, für Akkus. Mit echtem Schiffs-Gefühl, nicht Briefmarkengröße.
Es gab nur ein kleines Problem: Der Plan war 1:200.
▌ Die naheliegende Idee
Naheliegend wäre gewesen: Plan auf Kopierer, Vergrößerungstaste, fertig. Doppelt vergrößert ist 1:100. Mathematik der zweiten Klasse.
Hat nicht funktioniert. Die Kopierer in der damaligen Zeit waren nicht für solche Vergrößerungen gemacht. Linien wurden unscharf, Maße verschoben sich um Bruchteile, die sich beim Bauen rächen, weil ein Spant, der einen halben Millimeter zu breit ist, auf der Beplankung zwei Millimeter Versatz erzeugt, und zwei Millimeter Versatz erzeugen einen Knick, und ein Knick im Rumpf eines Holzschiffes ist nicht schwimmfähig, das ist untergehfähig.
Es gab also die zweite Möglichkeit: Den ganzen Plan neu zeichnen. Spant für Spant. In 1:100. Mit Lineal, Reißzirkel, Tusche, Pergamentpapier. Per Hand.
Hier kommt eine Sache zusammen, die im Rückblick fast nach Plan klingt, aber damals einfach gut zusammenpasste: Meine Erstausbildung war Technischer Zeichner Stahlbau. Ich hatte ein Reißbrett zu Hause. Ich kannte den Unterschied zwischen einer Mittellinie und einer Versatzlinie. Ich konnte einen Spant in der Hand drehen und mir vorstellen, wie er später in Wirklichkeit auf der Kielleiste stehen würde. Das ist keine spektakuläre Fähigkeit, das ist Handwerk. Aber genau dieses Handwerk war der Grund, warum ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, einen Plan einfach neu zu zeichnen, anstatt einen besseren zu kaufen.
▌ Die EMDEN, kurz erklärt
Damit das Folgende einen Boden hat: Die EMDEN, von der ich rede, ist nicht die heutige Fregatte. Es ist ein Vorgängerschiff aus den Zwanzigern. Schöner schlanker Kreuzer, drei Schornsteine, klassische Linie. 155 Meter lang in echt. In 1:100 dann 1,55 Meter Schiff auf meinem Werkstatttisch.
Wer die EMDEN kennt, weiß, dass das Schiff einen Mythos hat. Wer sie nicht kennt: macht nichts. Für diesen Beitrag reicht: Ich war als Junge fasziniert von dem Schiff. Mehrere Jahre lang. Ich habe alles darüber gelesen, was ich finden konnte. Ich habe es mir auf die Wand gemalt, neben einem Poster von einem Henseleit-Heli. Ich habe mir dann die Pläne besorgt — wie genau, weiß ich nicht mehr, das war noch ohne Internet, das ging über Vereinsadressen und Briefwechsel und Geduld.
Und dann saß ich da, vierzehn, fünfzehn, mit einem 1:200-Plan und einem klaren Wunsch, der den Plan überstieg.
▌ Was 3.500 Stunden bedeuten
Wenn man den Spaten umdreht und in die Erde drückt, dauert das eine Sekunde. Wenn man ein Beet umgräbt, dauert das eine Stunde. Wenn man einen Garten anlegt, dauert das ein Wochenende.
Ein 1,55-Meter-EMDEN-Modell aus Holz, schwimmfähig, mit Funktionen, dauert 3.500 Stunden.
Das ist eine Zahl, die man erst sacken lassen muss. 3.500 Stunden sind bei zwei Stunden konzentrierter Bauarbeit am Tag knapp fünf Jahre. Bei drei Stunden noch immer drei Jahre. Wer sich überlegt, ein Schiff zu bauen, sollte vorher prüfen, ob das aktuelle Leben überhaupt drei freie Jahre hergibt. Tut es selten. Deshalb stehen so viele halbfertige Modellbau-Projekte in deutschen Kellern, dass man eigentlich schon einen Verein dafür gründen müsste.
Was 3.500 Stunden im Detail bedeuten, sieht so aus:
- Plan-Umzeichnung: ungefähr 200 Stunden. Man sitzt am Reißbrett, rechnet, zeichnet, prüft, korrigiert, zeichnet nochmal. Bevor das erste Holz geschnitten ist, sind 200 Stunden weg.
- Spanten ausschneiden: ungefähr 80 Stunden. Mit der Laubsäge, später mit der Dekupiersäge. Jeder Spant einzeln. Beim Schiff sind das so um die 80 Stück, je nach Linienführung.
- Aufbauen auf der Kielleiste: 100 Stunden, weil jeder Spant exakt sitzen muss, sonst sieht man später jeden Versatz in der Beplankung.
- Beplankung: 800 Stunden. Streifen Holz, einzeln, gebogen, verleimt, geschliffen, nachgearbeitet. Das ist der Großteil der Bauzeit.
- Aufbauten: 600 Stunden. Brücke, Schornsteine, Aufbauten-Decks, Reling — alles einzeln.
- Mechanik: 400 Stunden. Anker-Servo, Kanonen-Servos, Verkabelung, Empfänger, Ladebuchsen, Akku-Halterung.
- Lackierung: 200 Stunden. Mehrere Schichten. Wasserlinie, Unterwasserfarbe, Aufbauten-Hellgrau, Decksplanken-Holzton, Details in Schwarz und Messing.
- Detail-Arbeiten und das ewige „nur noch eine Kleinigkeit“: die restlichen 1.120 Stunden. Hier geht die meiste Zeit drauf, ohne dass man hinterher genau sagen kann, wofür.
Die Zahlen sind grobe Schätzungen. Ich habe nicht Buch geführt. Ich habe gebaut. Wer Buch führt, baut weniger.
▌ Das Mützenband
Jahre später war ich beim Bund. Marine. Ich saß im Kreiswehrersatzamt in Bamberg und durfte mir was wünschen. Beim Bund wünschen ist nicht wie im Kaufhaus wünschen — man kriegt nicht das, was man sich wünscht, man kriegt das, was passt. Aber die Frage hat man trotzdem gestellt. Und ich habe gesagt: EMDEN.
Ich habe das nicht gesagt, weil ich was über die Marine wusste, was die anderen nicht wussten. Ich habe das gesagt, weil ich das Schiff zu Hause schon gebaut hatte. In Holz. In 1:100. Mit dem Plan, den ich selbst umgezeichnet hatte. Es war für mich nie eine fremde Idee, dass es eine EMDEN gibt — die EMDEN war eine Erinnerung aus meiner Werkstatt.
Das Mützenband EMDEN bekommt nicht jeder, der es sich wünscht. Man muss zur Besatzung gehören. Ich habe es bekommen.
Das war der Moment, in dem ein Kreis sich schloss, ohne dass ich es geplant hätte. Junge baut Modell. Junge wächst auf. Junger Mann steht auf dem Schiff, dessen Modell er gebaut hat. Das passiert nicht so oft. Mir ist es passiert, und ich erzähle das nicht, um damit anzugeben — ich erzähle das, weil ich glaube, dass so was der eigentliche Grund ist, warum man Schiffe baut. Nicht weil sie hinterher schön im Regal stehen. Sondern weil sie ein Stück Wirklichkeit vorwegnehmen, die später eintrifft.
▌ Die Schiffe heute
Heute stehen drei Schiffe in unserer Wohnung. EMDEN, Blücher, Bismarck. Alle drei in 1:100. Alle drei aus selbst umgerechneten Plänen. Alle drei schwimmfähig, was gelegentlich überprüft wird, aber nicht oft. Sie haben einen leichten Staub-Mantel und einen ideellen Wert, den ich nicht in Stunden umrechnen will, weil dabei nichts Schönes rauskäme.
Wenn jemand fragt, warum ich so etwas mache: weil ich’s anfangen kann und es zu Ende bringe. Das ist die ganze Antwort. Ich brauche dafür keine bessere.
⟁ HUD-DIAGNOSTIK
┌─────────────────────────────────────────────────┐ │ PLAN-MASSSTAB ORIGINAL............: 1:200 │ │ PLAN-MASSSTAB NEU.................: 1:100 │ │ KOPIERER-METHODE..................: GESCHEITERT│ │ REISSBRETT-METHODE................: ANGEWENDET │ │ SPANTEN AUSGESCHNITTEN............: ~80 │ │ BEPLANKUNGS-STREIFEN..............: VIELE │ │ SCHWIMMFÄHIGKEIT GEPRÜFT..........: JA │ │ ANKER FUNKTIONIERT................: JA │ │ KANONEN BEWEGEN SICH..............: JA │ │ STUNDEN-ZÄHLER....................: 3500 │ │ SCHIFFE INSGESAMT.................: 3 │ │ STUNDEN INSGESAMT.................: ~10500 │ │ MÜTZENBAND BEKOMMEN...............: EMDEN │ │ │ │ >> ERGEBNIS: KREIS GESCHLOSSEN << │ │ >> KAUFEMPFEHLUNG: BAUEN, NICHT KAUFEN << │ └─────────────────────────────────────────────────┘
Was ich beim Schiffsbauen über das Leben gelernt habe, lässt sich kürzer fassen als die Bauzeit: Es geht selten um den letzten Schritt. Es geht fast immer um den ersten. Wenn man am Anfang einen Plan hat, der nicht ganz passt, und man hat das Werkzeug und die Geduld, ihn passend zu machen, dann ist der Rest nur noch Stunden.
Stunden hat jeder. Den Plan passend zu machen, das müssen die wenigsten sich erst beibringen.
Die EMDEN steht heute neben dem Schreibtisch. Sie ist 1,55 Meter lang. Wenn man den Anker bedient, fährt er. Wenn man die Kanonen ansteuert, drehen sie sich. Sie schwimmt nicht oft, aber sie könnte. Das ist mir wichtig.
✎ Was Lars eigentlich meinte
3.500 Stunden ist die Zahl, die er heute nennt. Als ich ihn kennengelernt habe, war es noch eine andere Zahl. Bei jeder Schiffs-Erzählung wird sie ein bisschen runder. Mathematisch verständlich. Inhaltlich vermutlich richtig.
Ich kann bestätigen, dass die Schiffe schwimmen. Wir waren am See. Es hat funktioniert. Lars hat dabei einen Gesichtsausdruck gehabt, der schwer zu beschreiben ist. So zwischen geschafft und jetzt-bin-ich-wieder-vierzehn. Beides war richtig.
Was er nicht erzählt: Beim ersten Schwimm-Test hatte die Bismarck eine kleine Schlagseite, weil ein Akku verrutscht war. Lars hat sie aus dem Wasser gefischt, daheim das Akku-Fach umgebaut, beim zweiten Versuch lief sie. Aber er sagt heute, es habe beim ersten Mal sofort geklappt. Sagen wir’s so: fast.


